Eine Gruppe von Windkraftgegnern will als Wanderstammtisch in Gemeinden ziehen, um Stimmung gegen Windräder zu machen. Das Vorgehen der rechten Netzwerke gegen neue Projekte gleicht einem Drehbuch.
Sie nennen Windräder „hässliche Insekten- und Vogel-Schredder-Anlagen“, sprechen von einer „Klimadiktatur“ und „geheimen Agenden“. Wo neue Windräder geplant sind, mobilisieren seit Jahren auffallend häufig auch Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige. Aus einer energiepolitischen Debatte wird dabei eine Projektionsfläche: für Misstrauen gegen „die da oben“ – und für Erzählungen, die mit Physik meist wenig, mit Weltbildern viel zu tun haben.
Rechtsextreme Medien und lose Netzwerke aus dem Milieu der Impfgegnerinnen-und-Impfgegner-Bewegung flankieren lokale Initiativen, die sich gegen Windräder wenden. Dabei gilt: Nicht jede Initiative trägt diese ideologischen Überlagerungen. Doch wo entsprechende Akteure Einfluss gewinnen, verändert sich die Tonlage. Aus sachlichen Einwänden wird eine Fundamentalkritik an „Systemparteien“, „Klimadiktatur“ und „globalen Eliten“.
Besonders deutlich wird das auf dem Rechts-außen-Medium Report24. Dort heißt es, CO2 werde zu Unrecht als Gefahr dargestellt, der menschengemachte Klimawandel sei lediglich eine „Erzählung“, und die Energiewende eine kostspielige Fehlentscheidung. Der Ausbau der Windkraft wird damit grundsätzlich infrage gestellt – die Anlagen würden „das Land verschandeln“. Etwa zehn Prozent der österreichischen Wählerschaft lesen mindestens einmal pro Woche Report24. Über 30 Prozent von ihnen leugnen den menschengemachten Klimawandel.
Wanderstammtisch
Kaum ein anderes Rechts-außen-Portal beschäftigt sich so kontinuierlich mit dem Thema Windenergie wie Report24. Verantwortlich für Teile der Berichterstattung ist unter anderem der Chefredakteur Florian Machl sowie die Kolumnistin Angelika Starkl, die zugleich im Umfeld von Anti-Windkraft-Vernetzungen aktiv ist und entsprechende Treffen organisiert. In dutzenden Beiträgen wird nicht nur Kritik formuliert, sondern ein regelrechter Kulturkampf inszeniert, in dem Windräder als Sinnbild einer verfehlten Politik erscheinen.
Es ist eine Kampagne, die nicht nur online gefahren wird, sondern auch physisch aktiv in Gemeinden geht, in denen Windkraftprojekte geplant sind. Die Gruppe werde künftig als Wanderstammtisch dorthin ziehen, „wo’s wehtut“, erklärte Starkl bei einem Stammtisch Ende vergangenen Jahres. Es gäbe genug Orte, an denen Arbeit zu machen sei. „Und vielleicht haben wir ein paar gute Ideen fürs nächste Jahr, wie wir die Jugend verlocken können“, so Starkl bei dem Treffen, von dem eine Aufzeichnung auf Youtube zu finden ist.
Zum Wanderstammtisch wurde die Gruppe spätestens, als sie von ihrem ursprünglichen Treffpunkt verbannt wurde. Zwei Jahre lang organisierte sie das monatliche Treffen „Stopp Windindustrie“ im Pleyel Kulturzentrum in der Gemeinde Großweikersdorf. Doch nachdem dort eine Flüssigkeit namens Chlordioxid als „Allheilmittel“ beworben wurde, vor dem Gesundheitsbehörden weltweit wegen Verätzungen und möglicher Organschäden warnen, reichte es den Betreibern: Der Stammtisch war abgesagt. Wenig später zog auch der Alpenverein seine anfängliche Zusage zur Veranstaltung des Stammtisches in seinem Haus in Tulln zurück.
Die thematische Anschlussfähigkeit wie im Fall von zweifelhaften Gesundheitstipps zieht sich auch durch die Themenwahl auf der Website von Report24: Neben energiepolitischen Beiträgen finden sich dort Inhalte, die russische Propagandanarrative aufgreifen oder Horrorstorys über Impfungen verbreiten. Der Übergang zwischen Einzelthemen wirkt fließend, das verbindende Element ist ein grundsätzlicher Zweifel an etablierten Institutionen und wissenschaftlichem Konsens.
Auch die Sicherheitsbehörden beobachten diese Entwicklung. Im Verfassungsschutzbericht 2024 der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst wird das Medium als eines jener genannt, die „auf Desinformation, Antisemitismus und Verschwörungsnarrative“ setzen, „die ein ganzheitliches Netz einer vermeintlichen Parallelrealität ergeben“. Weiter heißt es, die fortlaufende Verbreitung demokratieablehnender und systemfeindlicher Inhalte könne zu einer „voranschreitenden Normalisierung von extremistischen Haltungen und Einstellungen in der österreichischen Gesellschaft“ beitragen.
Verschwörungsthema
Auch für den Verschwörungssender Auf1 sind Windräder ein ständiges Thema, ebenso bei Martin Rutter, der als Anführer der Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auftrat. Selbst der bekannte Neonazi Gottfried Küssel hat bereits einen Vortrag zu dem Thema gehalten.
Doch warum wurde gerade die Windkraft zum Feindbild hochstilisiert? Medien wie Report24 punkten mit Themen, mit denen sich leicht Aufregung erzeugen lasse, erklärt Jakob-Moritz Eberl vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. „Man kann eingängige, wiederkehrende Erzählungen schaffen, die komplexe Sachverhalte auf leicht verständliche Konflikte herunterbrechen. Es geht dabei vor allem um Emotionen, Aufmerksamkeit und Klicks sowie darum, die Lesenden über ein gemeinsames Narrativ an das Medium zu binden.“ Mit Argumenten gegen die Windkraft könne man auch Menschen abholen, die grundsätzlich nicht im Verschwörungsmilieu unterwegs sind. Dazu werden einzelne Studien, etwa zum Vogelsterben, herausgegriffen und instrumentalisiert.
Unbekannte Akteure
„Bei Windkraftprojekten können vor Ort unterschiedliche Interessen und Bedenken aufeinandertreffen, doch die Debatten verlaufen nicht mehr konstruktiv, sobald sich Akteure wie Report24 einmischen“, sagt Eberl. Den Gemeinden sei zu Beginn häufig nicht klar, welche Akteure sich da bei ihnen einmischen würden – und seien nicht vorbereitet auf die Kampagne eines Mediums, das klar am rechten Rand unterwegs ist.
Schauplatz einer solchen Kampagne wurde zuletzt die Waldviertler Gemeinde Burgschleinitz-Kühnring. Kurz vor einer Bürgerbefragung zur geplanten Errichtung von drei Windrädern bliesen überregional vernetzte Windkraftgegner zum Sturm gegen das Projekt. Sie überschwemmten die Gemeinde mit Desinformation rund um die Windenergie. Die Kampagne dürfte letztlich zum Ergebnis beigetragen haben, das denkbar knapp ausfiel: 423 Menschen gaben ihre Stimme ab, den Ausschlag gaben am Ende nur 13 Stimmen gegen den Bau der Windräder.
Die Ablehnung ist Teil eines Trends: Seit 2019 gingen laut der Clavis Kommunikationsberatung von 24 Befragungen zwölf gegen neue Projekte aus, wobei 2025 und 2026 sämtliche Abstimmungen negativ ausfielen. „Es war immer schon schwierig, bei Volksbefragungen zu gewinnen“, meint Ulrich Müller von Clavis. „Wir sehen aber eine klare Verschlechterung in den vergangenen Jahren. Kampagnen der Gegnerschaft setzen sich leicht gegen neue Projekte durch.“ Grund sei, dass es einfacher sei, gegen etwas zu argumentieren als dafür. Komplexe Argumente würden gegen einfache Lösungen meist verlieren. Der Kommunikationsberater empfiehlt daher, andere Partizipationsformen zu nutzen. Gute Erfahrungen gäbe es mit Bürgerräten. Dabei erarbeitet ein Gremium von Bürgerinnen und Bürgern Empfehlungen für neue Projekte. „Die Debatte verläuft nach so einem Prozess viel sachlicher.“
Negative Dynamik
„Es ist immer dasselbe Drehbuch“, sagt Verbund-Sprecher Florian Seidl nach der Erfahrung in Burgschleinitz. Der Verbund informiere jahrelang intensiv in den Gemeinden, doch die Dynamik mache es fast unmöglich, den benötigten Windausbau zu erreichen.



