Energie. Der EU blüht nach der Zerstörung der LNG-Produktion in Katar ein mehrjähriger Energieschock. Die IEA fordert den Westen auf, Öl und Gas zu sparen wie in den 1970er-Jahren. Österreich sieht noch keine Notwendigkeit für Rationierungen oder verpflichtendes Energiesparen.
Vergangene Woche war OMV-Chef Alfred Stern noch ein einsamer Rufer in der Wüste: „Eigentlich wäre diese Lage nur zu bekämpfen, indem wir zwei Tage die Woche aufs Auto verzichten“, warnte er im „Presse-Interview“ vor einem ernsten Treibstoffmangel in Europa. Bei Politik und Behörden war da noch eher Beschwichtigung angesagt: Der Iran-Krieg treibe zwar akut die Preise, einen echten Engpass müsse der Kontinent aber nicht fürchten, so der Tenor noch zu Wochenbeginn. Fünf Tage später ist alles anders.
Der iranische Luftangriff auf Ras Laffan, die weltweit größte Produktionsanlage von Flüssiggas in Katar, nährt in Europa die Sorge vor einem langjährigen Energiepreisschock. In Ras Laffan wird ein Fünftel des weltweiten Flüssiggases und ein Drittel des Heliums für die Halbleiterproduktion hergestellt. Nun seien die Anlagen so „schwer beschädigt“, dass die Reparatur „drei bis fünf Jahre“ dauern werde, sagte QatarEnergy-Chef Saad al-Kaabi.
Sieben Milliarden Mehrkosten
Am Donnerstag stiegen die Gaspreise in Europa in Reaktion auf den Ausfall des zweitgrößten LNG-Produzenten der Welt auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Die Europäische Zentralbank warnte vor einem Anstieg der Inflation auf 6,3 Prozent und einer Rezession, sollte die Versorgung länger unterbrochen bleiben. Schon die ersten zwei Wochen Krieg haben die Energiekosten in Europa um sieben Milliarden Euro erhöht, warnten auch die EU-Staatschefs auf ihrem Gipfel. Wortführerin war Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni – und das nicht ohne Grund: Ihr Land ist in der EU am stärksten von LNG-Lieferungen aus Katar abhängig. 30 Prozent aller Flüssiggaslieferungen nach Italien kamen zuletzt aus dem Golfstaat. Um die Versorgung nicht weiter zu gefährden, müssten alle Angriffe auf Energieinfrastruktur gestoppt werden, forderten die EU-Mitgliedsländer.
Am Freitag ruderten Israel und die USA auch zurück und erklärten, keine Öl- und Gasanlagen mehr angreifen zu wollen. Die Preise gaben leicht nach. Gas ist aber immer noch um ein Fünftel teurer als zu Wochenbeginn. Wie lange das Versprechen hält, ist indes fraglich, da der Iran wenig Anreiz hat, seine verhältnismäßig erfolgreiche Strategie, maximales Chaos auf den Energiemärkten zu stiften, ad acta zu legen.
Energieexperte Johannes Benigni erwartet, dass den Gasmärkten in den kommenden Jahren entscheidende Mengen fehlen dürften, was sich auch nach Kriegsende in höheren Preisen niederschlagen werde. Die Ölversorgung könne hingegen innerhalb von zwei bis drei Monaten wieder auf Kurs kommen.
IEA kritisiert Spritpreisbremse
Die Internationale Energieagentur (IEA) riet ihren Mitgliedsländern am Freitag dennoch, den Ölverbrauch einzuschränken. Mehr Homeoffice, der Verzicht auf Flugreisen und ein Absenken des Tempolimits auf Straßen um zehn km/h könnten den Spritverbrauch bereits stark reduzieren. Die IEA schlägt aber auch vor, Autos mit geraden Kennzeichen nur noch an geraden Tagen in Großstädte einfahren zu lassen. An den anderen Tagen wären dann nur Autos mit ungeraden Kennzeichen erlaubt.
Österreichs Energieministerium sieht auf Anfrage der „Presse“ keine Hinweise auf eine nationale Mangelsituation. Die Lage im Nahen Osten werde von einer eigenen Taskforce genau beobachtet. „Staatlich verordnete Rationierungen oder verpflichtende Maßnahmen wie etwa Homeoffice-Vorgaben stehen derzeit aber nicht zur Diskussion und sind auch nicht erforderlich“, heißt es aus dem Ministerium.
Beim Abfedern des Preisschocks mahnt die Organisation zur Vorsicht: Die Staaten sollten nur sehr gezielte Unterstützungen für jene Bevölkerungsgruppen einführen, die sie wirklich brauchen. Gießkannen-Förderungen – wie die heimische Spritpreisbremse – seien hingegen oft kontraproduktiv, da sie den Spritverbrauch zusätzlich anheizten.
(auer/ag.)
Die Presse




