Der EU-Rechnungshof kritisiert rechtliche Unsicherheiten in vielen europäischen Ländern. Hierzulande geht der Boom indes weiter.
Der Krieg im Nahen Osten rückt die Abhängigkeit der EU von Energieimporten und bestimmten Lieferanten erneut in den Fokus. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine wurden die Bezugsquellen deutlich verbreitert. Spätestens Ende 2027 soll gänzlich Schluss mit Importen aus Russland sein. Die EU-Kommission sorgt sich aber weniger um die Versorgung, sondern vielmehr um die stark gestiegenen Preise für Öl und Gas. Die aktuelle Lage sei eine Erinnerung daran, die Energieunabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit weiter zu stärken, sagte eine Sprecherin am Montag. „Wir tun das seit Jahren.“
EU hofft auf „Energiewende von unten“
Dafür – und um das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen – sollen erneuerbare Energien deutlich ausgebaut werden. Das EU-Ziel liegt bei einem Anteil am Gesamtenergiebedarf von mindestens 42,5 Prozent bis 2030. Das könnte eng werden, 2024 machten die Erneuerbaren 25,4 Prozent aus. Öl, Gas, Kohle und natürlich Kernkraft deckten fast 75 Prozent des Energiebedarfs für Heizen, Mobilität und Stromerzeugung.
Hoffnungen für die notwendige Energiewende ruhen in der EU nicht zuletzt auf Energiegemeinschaften, in deren Rahmen sich Bürgerinnen und Bürger zusammentun, um Energie für den Eigenbedarf zu erzeugen bzw. zu verbrauchen oder zu verkaufen.
2700 Neugründungen im Vorjahr
Österreich war und ist bei Energiegemeinschaften Vorreiter in der EU. Der Boom ist ungebrochen. Das Spektrum reicht von kleinen Vereinen auf Dorfebene bis zum heute österreichweit aktiven „Fanclub Burgenland Energieunabhängig“, zu dem Ende des Vorjahres rund 40.000 Menschen, 200 Unternehmen und 40 Gemeinden zählten.
Fast 5600 lokale und regionale Energiegemeinschaften waren Ende 2025 in Österreich registriert, die Hälfte davon ist im Vorjahr gegründet worden, meldet die Koordinierungsstelle für Energiegemeinschaften. Dazu kamen noch etwa 1000 Bürgerenergiegemeinschaften, die über regionale Grenzen hinweg erneuerbare Energie teilen. Und 4500 Vorläufer der Energiegemeinschaften, sogenannte gemeinschaftliche Erzeugungsanlagen, also PV auf Wohnanlagen, die von mehreren Mietern oder Eigentümern genutzt werden können. Rund 200.000 von 6,7 Millionen Zählpunkten, also drei Prozent, beteiligen sich damit hierzulande an einer der modernen Formen der gemeinschaftlichen Öko-Energieerzeugung und -verwendung. Es geht meist um Strom, Energiegemeinschaften im Bereich Fernwärme oder Gas spielen, anders als in anderen EU-Ländern, hierzulande keine Rolle.
EU-weit klafft jedoch zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine große Lücke, stellte der Europäische Rechnungshof im Rahmen einer Prüfung fest. Das Kontrollorgan hat den Fortschritt beim Ausbau von Energiegemeinschaften in Italien, Polen, Rumänien und den Niederlanden unter die Lupe genommen. Vor zehn Jahren schätzte die EU-Kommission noch, dass bis 2030 rund ein Fünftel der installierten Leistung bei der Windenergie und Solarenergie im Eigentum von Energiegemeinschaften stehen könnte. In den untersuchten Staaten entpuppt sich das als Fehleinschätzung. In Rumänien gab es zum Zeitpunkt der Prüfung erst eine einzige Energiegemeinschaft, die aber keinen Strom ins Netz einspeiste. In Polen und Italien lag der Anteil der Energiegemeinschaften an der Erzeugung von Strom aus Windkraft und Photovoltaik nicht einmal im Promillebereich. Und sogar in den Niederlanden, das bei den Energiegemeinschaften europaweit ebenfalls weit vorn ist, gehen die Schätzungen bis 2030 nicht wesentlich über einen Anteil von vier Prozent hinaus.
Der Rechnungshof kritisiert rechtliche Unsicherheiten, die Interessierte davon abhalten könnten, sich an Energiegemeinschaften zu beteiligen. Das betreffe insbesondere Mehrparteienhäuser, in denen fast die Hälfte der EU-Bevölkerung lebt. Problematisch sehen die Prüfer auch den schleppenden Netzausbau, der den Anschluss neuer Projekte verzögere. Der Rechnungshof fordert auch mehr Tempo beim Bau von Speichern, um flexibler auf Schwankungen reagieren zu können. Die EU-Kommission habe es bisher verabsäumt, Energiegemeinschaften diesbezüglich besser zu unterstützen.
„Von Bürgern erzeugte Energie stellt in der Theorie die ideale Lösung dar, ist aber in der Praxis schwer umzusetzen“, hieß es vom zuständigen Rechnungshofprüfer João Leão. „Die EU muss nun rechtliche Hürden und technische Hindernisse beseitigen, damit das Konzept der Bürgerenergie auch tatsächlich funktioniert.“ Das Ziel, in jeder Gemeinde mit mehr als 10.000 Bewohnerinnen und Bewohnern bis 2025 zumindest eine Energiegemeinschaft zu haben, dürfte laut den vom Rechnungshof erhobenen Daten „weitgehend verfehlt“ worden sein.
Monika Graf, Thomas Sendlhofer
Salzburger Nachrichten




