Deutschland hat deutlich weniger Gas eingespeichert als geplant, notfalls will man Flüssiggas zukaufen. Experten warnen, dass dies die Preise in ganz Europa anheizen könnte.
Eigentlich sollten die Gasspeicher zu Beginn der Heizsaison zu zumindest 80 Prozent gefüllt sein. Das haben die 27 EU-Staaten 2022 vereinbart, als der russische Lieferengpass die Preise in die Höhe schnellen ließ.
Nun, vier Jahre später, inmitten einer weiteren, diesmal globalen Energiekrise, scheint Europa wenig gelernt zu haben: Per 1. November lag die Füllmenge in der EU bei weniger als 75 Prozent. Ausgerechnet die größte und energiehungrige Volkswirtschaft Deutschland lässt aus. Dort sind die Speicher gerade einmal zu 61 Prozent gefüllt.
Das Risiko ist weniger, dass es im Winter plötzlich kein Gas mehr zum Heizen gibt. Vielmehr besteht Sorge, dass die ohnehin hohen Marktpreise durch kurzfristige Zukäufe weiter angeheizt werden. Und am Ende Industrie und Haushalte draufzahlen.
Warnung vor Preisanstieg
Kurzfristige Beschaffungen am deutschen Handelsplatz EEX schlagen derzeit mit gut 105 Euro je Megawattstunde (MWh) zu Buche. Wer einen Monat im Vorhinein bestellt, zahlt am wichtigsten Handelspunkt Europas, der niederländischen TTF, ebenfalls etwas mehr als 100 Euro pro MWh. Damit ist Gas so teuer wie zuletzt im Krisenwinter 2022/23 – und wird nicht gerade günstiger.
In der EU, wo es eigentlich klare Vorgaben für die Einspeicherung gibt, wird deshalb zusehends scharf geschossen. Italien beispielsweise hat seine Speicher längst aufgefüllt, hat dafür 300 Millionen Euro in die Hand genommen – und gibt nun erzürnt Deutschland die Schuld für die hohen Gaspreise am europäischen Markt.
Alessandro Noce, hochrangiger Beamter des italienischen Energieministeriums, warnte jüngst auf einer Tagung in Mailand: „Wenn der Jänner warm wird, haben wir kein Problem. Wenn der Jänner wie letztes Jahr wird, als es in Nordeuropa, in Polen, in Litauen und Deutschland sehr kalt war, dann haben wir Probleme.“ Die Großhandelspreise könnten dann auf 150 bis 180 Euro je MWh steigen.
Vorgaben obsolet?
Die deutsche Bundesregierung verteidigt sich, verweist etwa auf Ausnahmeregeln für sechs Anlagen, wodurch sich das EU-Ziel von 80 auf 70 Prozent absenke. Derartige Flexibilität wurde vergangenes Jahr geschaffen, um über den Sommer nicht zum teuren Einkauf von Gas gezwungen zu sein, wenn die Preise im Herbst womöglich niedriger sind. Doch das war heuer nicht der Fall, die deutschen Einkäufer haben vergeblich auf ein Ende der Preiskrise gewartet – womit der größte Gasverbraucher der EU selbst inklusive der Ausnahmeregeln sein Ziel verfehlt.
Bleibt ein zweites Argument: Mittlerweile würde deutlich mehr Gas in flüssiger Form („liquefied natural gas“, LNG) importiert. Speicherstände, wenngleich sie nach wie vor ein Drittel des Gasbedarfs im Winter decken, hätten heute eine andere Bedeutung als vor vier Jahren, als die EU-Regeln geschaffen wurden, heißt es. Was ist davon zu halten?
„LNG-Terminals ersetzen keine Speicher“, sagt Claudia Kemfert, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin die Energieabteilung leitet. Zwar sei Flüssiggas einigermaßen gut verfügbar, doch man bleibe abhängig vom volatilen Markt. Wirkliche Unabhängigkeit, sofern das möglich ist, gäbe es nur mit vollen Speichern.
Droht also ein Szenario von Preisen jenseits der 150 Euro pro MWh, wenn Deutschland im Winter Gas nachkaufen muss? „Die verspätete Speicherbefüllung wird uns allen höhere Preise bescheren“, sagt Energieexperte Walter Boltz.
Späte Speicherbefüllung
Hätte Deutschland bereits im März oder April mehr Gas gekauft, „stünden wir jetzt vielleicht bei 75 statt 100 Euro“. Bereits damals war absehbar, dass sich die Lage nicht so rasch beruhigen wird, sagt auch Kemfert. Hohe Preise für spätere Lieferzeitpunkte („Futures“) hätten Warnung genug sein sollen. Auch der Bieterkampf mit Asien war damals noch weniger ausgeprägt. Nun fährt Deutschland eine riskante Strategie. Energieministerin Katherina Reiche (CDU) hat die bundeseigene Speichergesellschaft Sefe erst Ende September angewiesen, bis Mitte Dezember mehr einzuspeichern. Laut Boltz hat das die Preise in ganz Europa getrieben – und die Speicher sind noch nicht gefüllt.
Günstiger wird es jedenfalls nicht, auch in den kommenden Wochen und Monaten, sagt der ehemalige Chef der E-Control. Selbst bei einem milden Winter geht Boltz im Frühjahr 2027 von Preisen um 130 Euro pro MWh aus. Noch teurer könnte es werden, wenn die Heizsaison doch länger dauert – und Deutschland wider Erwarten Gas nachkaufen muss.
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