Raus aus Öl und Gas: Der Umbau hat begonnen

20. Oktober 2026, Wien

Energie. Im Wohnpark Alt Erlaa läuft das größte europäische Dekarbonisierungsprojekt. In ganz Österreich werden Wohnbauten auf fossilfreie Heizsysteme umgestellt, in spätestens 20 Jahren sollen Öl- oder Gasheizung Geschichte sein.


Die österreichische Wohnungswirtschaft steht vor einer großen Herausforderung: Bis 2040 soll die Wärme- und Kälteversorgung von fossilen Energieträgern wie Gas und Öl wegkommen. Wien und andere Bundesländer haben Ausstiegsziele in Klimagesetzen oder -strategien verankert. Die EU-Gebäuderichtlinie 2024 gibt den Weg für einen schrittweisen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bei der Wärme- und Kälteversorgung vor.


Dass der Ausstieg aus Gas und Öl bei bestehenden Wohnbauten realisierbar ist, wird derzeit in Wien beim größten europäischen Dekarbonisierungsprojekt gezeigt. Der Wohnpark Alt Erlaa, in dem rund 9000 Menschen in knapp 3200 Wohnungen leben, soll bis 2029 bei Heizung und Warmwasseraufbereitung CO2-neutral werden. „Dadurch sparen wir pro Jahr 12.000 Tonnen CO2“, erzählt Paul Steurer, Vorstandsdirektor der Gesiba. Die Wohnbaugesellschaft investiert rund 150 Millionen Euro in das Projekt. Damit wird die Gebäudehülle thermisch saniert und die Wärmeversorgung von Gas auf Erdwärme umgestellt: 780 Erdwärmesonden und 60 Wärmepumpen ersetzen die bisherigen 38 Gaskessel.
In den Wohnungen selbst bleibt es bei minimalen Eingriffen. Abgesehen vom Austausch von Fenstern und Türen sind keine weiteren Arbeiten nötig. Die bestehenden Radiatoren genügen für den Betrieb der Wärmepumpen – im Winter.


Auch Kühlung integriert


Die Gesiba verspricht den Mietern als Folge der Dekarbonisierung mehr als günstigere Heizkosten und Unabhängigkeit vom volatilen Gasmarkt: „Im Sommer steht auch Kälte für die Klimatisierung zur Verfügung“, erzählt Steurer. Dazu müssen lediglich ventilatorunterstützte Radiatoren oder eine abgehängte Deckenkühlung installiert werden. Insgesamt plant das Unternehmen 82 Wohnhausanlagen auf fossilfreie Energie umzustellen. Neben Alt Erlaa laufen derzeit sechs weitere Projekte. „Jedes Objekt wird individuell beurteilt und die dafür optimale Lösung gesucht“, erklärt Steurer. Ein Beispiel ist ein älterer Wohnbau in der Inzersdorfer Straße ohne Zentralheizung. Hier werden ähnlich wie bei einer Bauteilaktivierung Heizelemente auf der Außenwand montiert und darüber die Fassadendämmung angebracht. Abgesehen vom Fensteraustausch sind hier ebenfalls keine Arbeiten in den Wohnungen erforderlich.


Finanzierbarkeit entscheidend


Finanziert wird der Ausstieg aus fossilen Energieträgern mit Förderungen sowie aus dem Sanierungsbudget. „Wir hoffen, dass Förderungen mindestens auf derzeitigem Niveau bestehen bleiben. Ohne sie wäre diese Umstellung nur durch Erhöhung der Mieten realisierbar“, betont Steurer. Dass die Energiewende für Mieter leistbar sein muss, fordern alle Wohnbauunternehmen: „Nachhaltige Sanierung/Energieumstellung hängt eng mit der Finanzierbarkeit zusammen“, sagt Natascha Tögl, Pressesprecherin der Buwog. Steigende Miet- oder Kaufpreise würden vom Markt kaum noch akzeptiert.
Damit die Dekarbonisierung nicht zu Mehrbelastungen für die Mieter führt, bedarf es neben günstiger Finanzierung auch einer möglichst effizienten Lösung: „Wie viel Energie könnte ich mit Verbesserung der Wärmedämmung und anderen Maßnahmen einsparen und was kostet das“, sagt Daniela Huber, bei der Sozialbau verantwortlich für die Dekarbonisierung bestehender Wohnimmobilien. Die meisten Häuser des Unternehmens sind bereits wärmetechnisch gut ausgestattet. Bei vielen Objekten erfolgt deshalb nur eine Umstellung des Heizsystems auf Wärmepumpe. „Wir setzen auf Lösungen, die sinnvoll und notwendig sind, nicht alles ist leistbar“, betont sie.


Die Sozialbau hat frühzeitig mit der Dekarbonisierung begonnen. Auslöser war die Wohnrechtsnovelle 2015. Sie übertrug den Vermietern die Verantwortung für Erhaltung und Austausch mitvermieteter Gasthermen. Damals gab es 150 Wohnhäuser mit Einzelgasthermen. 54 Objekte mit rund 1900 Wohnungen wurden mittlerweile umgestellt, davon 38 auf Wärmepumpen. Wo es möglich ist, kombiniert die Sozialbau Luftwärmepumpen auf dem Dach und Solewärmepumpen, erläutert Huber: „Die Luftwärmepumpe bietet sehr gute Effizienz bei Temperaturen von bis zu sechs, sieben Grad, dann steigt der Stromverbrauch. Die Solewärmepumpen ermöglichen als Booster auch an sehr kalten Tagen effizientes Heizen.“


Alter Radiator, neue Pumpe


Dass Wärmepumpen neben der teureren Fernwärme eine gute Lösung für die Dekarbonisierung bestehender Wohnbauten sind, bestätigt Günter Simader von der Österreichischen Energieagentur: „Es gibt ausgereifte Lösungen, bei denen zur Beheizung meist vorhandene Radiatoren ausreichen.“ Für Objekte, in denen eine zentrale Wärmepumpe nicht möglich ist, sind Abluftwärmepumpen am Markt, die ähnlich einer Gasetagenheizung in jeder Wohnung zu installieren sind. Auch für die Finanzierung könnte es neue Lösungen geben: „Das BMLUK hat mit dem BMWET eine Plattform eingerichtet, die neue Finanzierungslösungen für Energieeffizienzmaßnahmen entwickeln und mehr privates Kapital mobilisieren soll.

Von Wolfgang Pozsogar

Die Presse