Frage & Antwort. Land schickt Energie Steiermark auf Partnersuche: Was das für Strom- und Fernwärme-Tarife, Schuldenstand und Investitionen bedeutet.
Am heutigen Dienstag debattiert der Landtag in einer Sondersitzung über die Suche nach einem finanzkräftigen Partner für die Energie Steiermark. Das wirft Fragen auf – eine Übersicht:
1 Was ist denn wieder beim Versorger los?
Das Land Steiermark möchte bis Herbst 2027 einen Partner gefunden haben, der frisches Geld für den Ausbau der Netze, erneuerbare Energie und Speicher in die Hand nimmt.
2 Von wie viel Geld ist die Rede?
Die Steiermark, der 100 Prozent des Energieversorgers gehören, möchte mindestens 533 Millionen Euro haben. So viel wurde im Frühjahr 2023 vom Land, also dem Steuerzahler, in die Hand genommen, um die restlichen Anteile von der australischen Fondsgesellschaft Macquarie zurückzukaufen.
3 Was lässt sich mit so viel Geld anstellen?
Rechnerisch könnte man damit drei Windparks errichten, wie sie gerade auf der Freiländeralm anstehen. Die Anlage mit den größten Windrädern Europas kostet 162 Millionen Euro und soll im Endausbau 57.000 Haushalte versorgen bzw. so viel Strom liefern wie drei Grazer Murkraftwerke zusammen.
4 Wird der Strom für Kunden der Energie Steiermark bei einem solchen Deal billiger?
Kurzfristig nicht. Sehr viele Faktoren sind für die Tarifhöhe verantwortlich, eine Kapitalerhöhung kaum. Überspitzt: Frieden im Iran und in der Ukraine würde den Kunden aller Stromanbieter mehr helfen. Laut Preismonitor der e-control vom September liegt die Energie Steiermark bei den lokalen Stromanbietern preislich im Mittelfeld. Die letzte Tarifanpassung (nach unten) war heuer im Juni.
5 Was ist mit den vielen Fernwärme-Kunden?
Die meisten Fernwärmekunden in der Grünen Mark hat die Energie Graz. Die Energie Steiermark hält zwar Anteile am Grazer Unternehmen, ist aber nicht tonangebend. Ein Investor könnte, wenn überhaupt, nur über Umwege auf die Fernwärme-Tarife Einfluss nehmen. Viel entscheidender sind die Gasgroßhandelspreise – und diese zeigen derzeit kräftig nach oben.
6 Wer soll als Partner einsteigen?
Gesucht wird ausdrücklich ein Finanzinvestor (Banken, Versicherungen etc.). Also jemand mit Geld, der solches mit dem Einstieg verdienen möchte. Das ist deshalb zu betonen, da ursprünglich auch der Einstieg anderer Energieversorger angedacht war. Der Verbund wurde häufig als Wunschpartner gehandelt, da die Steiermark vergleichsweise wenig mit Wasserkraft verdient.
7 Was bedeutet dieser Deal für die stark verschuldete Steiermark?
FPÖ und ÖVP betonen, dass das Geld sicher nicht zum Schuldenabbau verwendet wird. Es soll im Unternehmen für Investitionen bleiben. So oder so: Zuletzt bekam das Land als Alleineigentümer 75 Millionen Euro an Dividende des Landesenergieversorgers. Ein neuer Partner würde seinen Anteil daran erhalten.
8 Warum wettern SPÖ und KPÖ dann gegen einen „Ausverkauf“?
Die KPÖ ist grundsätzlich dagegen, dass öffentliche Daseinsvorsorge (teil-)privatisiert wird. Etwas komplexer ist es bei der SPÖ: Max Lercher beruft sich auf eine (eigene) Umfrage, wonach 81 Prozent der Steirerinnen und Steirer es für wichtig hielten, dass das Unternehmen zu 100 Prozent in Landeshand bleibt. Tenor der SPÖ: Ein Verkauf würde das Land „seiner Unabhängigkeit in der Energieversorgung und Preisgestaltung“ berauben. Das stimmt nur zum Teil. Tatsache ist, dass die Lercher-SP von einem „Steiermark-Fonds“ für regionale Projekte schwärmt, der mit Millionen aus der Energie Steiermark gespeist werden soll. Ein neuer Minderheitseigentümer könnte allerdings weniger Dividende bedeuten.
9 Und die Argumente der Koalition?
Kunasek-FPÖ und Khom-ÖVP betonen,es sei keinesfalls ein Ausverkauf geplant, sondern eine Kapitalerhöhungum 25 Prozent, wofür neue Aktien für den gesuchten Investor ausgegeben werden.Hintergrund: Der Landesenergieversorger braucht Geld, will er doch bis 2035 rund 5,8 Milliarden Euro investieren (diese Summe ist aber nicht in Stein gemeißelt). Das Land als Eigentümer hat aber Geldsorgen und kann den „Ausbauturbo“ nicht zünden.
10 Kommt die Suche nach einem Partner völlig überraschend?
Nein. Beim Rückkauf 2023 betonten die Landesspitzen Christopher Drexler (ÖVP) und Anton Lang (SPÖ), dass man nur vorübergehend Alleineigentümer sein werde. Anteile könnten entweder „an einen Partner aus der Branche, einen langfristigen strategischen Investor oder mittels Börsengang“ verkauft werden.
11 Sind die Anteile 533 Millionen Euro wert?
Das ist seriös nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Gutachter haben die Anteile 2023 mit 620 bis 740 Millionen Euro bewertet, Branchenvertreter meinten hingegen, die 533 Millionen Euro wären zu viel gewesen. Der Deal steht und fällt mit den Renditen, die sich der Käufer erwartet.
Von Manfred Neuper und Thomas Rossacher
Kleine Zeitung




