Wohin mit überschüssiger Energie der Photovoltaikanlage? Diese Woche wurde die einmillionste Kilowattstunde gespendet.
Robin Hood stiehlt in der berühmten Legende von den Reichen, um die Beute an die Armen zu verteilen. Bei Robin Powerhood wird ebenso umverteilt, allerdings freiwillig, und Geld wechselt den Besitzer nur indirekt. Die ökosoziale Energiegemeinschaft leitet Strom um: von jenen, die Überschuss produzieren, an solche, die die Stromrechnung kaum zahlen können. Die Initiative hat diese Woche einen Meilenstein erreicht: In dem 2023 gestarteten Projekt wurde nun die millionste Kilowattstunde gespendet.
Der Niederösterreicher Valentin Neuhauser hat Robin Powerhood gegründet. Ziel ist es, die Energiearmut im Land zu lindern. Scheint die Sonne zur Mittagszeit, kann die erzeugte Energie von Photovoltaikanlagen oft nicht vor Ort verbraucht werden. Die Energiegemeinschaft ermöglicht, den Strom zu spenden: an einkommensschwache Haushalte ebenso wie Mutter-Kind-Häuser oder Notschlafstellen. „Das Schöne ist, dass sich der Spendenwert automatisch erhöht. Die Wertsteigerung ist extrem groß“, erklärt Neuhauser. Denn die Einspeisetarife sind nach wie vor niedrig. „Die Kilowattstunde hat für den Empfänger viel mehr Wert als für den Spender. Dieser verzichtet auf wenige Cent. Die Empfänger müssten für den Strom aber das Doppelte oder Dreifache zahlen.“ Das Schöne ist, dass sich der Spendenwert automatisch erhöht.
Die Energiekrise und Neuhausers Mutter waren Auslöser
Der 29-Jährige berät Gemeinden und Unternehmen beim Start von Energiegemeinschaften. Auslöser für die Gründung von Robin Powerhood 2023 waren die Energiekrise, die in Folge stark steigenden Strompreise und Neuhausers Mutter. Während der gelernte Elektriker von den Vorteilen der neuen Energiegemeinschaften schwärmte, sah die Geschäftsführerin einer sozialen Einrichtung Tag für Tag, wie Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben, unter den hohen Energiekosten noch mehr leiden.
Spender, ob Privatpersonen oder Unternehmen, können sich online auf der Website von Robin Powerhood registrieren, mit der vom Netzbetreiber vergebenen Zählpunktnummer. „Jeder kann selbst entscheiden, welcher Anteil des Überschussstroms gespendet wird, von eins bis 100 Prozent“, erklärt Neuhauser. 184 Spenderinnen und Spender gibt es bereits. Auf der Website der Initiative kann in Echtzeit mitverfolgt werden, wer wie viel einspeist. Der größte Einzelspender ist derzeit das Handelsunternehmen Lidl.
348 Haushalte profitieren bereits. Langfristig soll das Modell mehrere Zehntausend Haushalte vollständig versorgen. Stromempfänger können auf einer eigenen Website nachsehen, ob gerade Gratisstrom verfügbar ist. Eine Ampel zeigt an, ob ein guter Zeitpunkt ist, um die Waschmaschine oder den Geschirrspüler einzuschalten.
Aktion wächst mit neuen Partnern
Auf der Suche ist man nach weiteren Spendern, gern auch größeren. Unternehmen, die Strom abgeben, können diesen steuerlich absetzen. Seit dem Vorjahr ist Robin Powerhood eine spendenbegünstigte Organisation. „Wir sind die erste Energiegemeinschaft, die das geschafft hat, und damit Pioniere“, sagt Neuhauser. Die Initiative soll wachsen und hat sich deshalb Partner an Bord geholt: Die vom Kärntner Energie-Start-up Enixi betriebene Plattform energiespenden.at ist nun Teil des Projekts. In Österreich können jährlich Hunderttausende Stromrechnungen nicht bezahlt werden. „Die bisherige Frage war : Wie helfen wir beim Bezahlen? Wir stellen eine andere Frage: Müssen energiearme Haushalte überhaupt eine Rechnung bekommen?“, sagt Matthias Nadrag von Enixi.
Wie zahle ich die Stromrechnung? Viele Salzburger von Energiearmut betroffen
Strom wird auch in Salzburg bereits fleißig gespendet, etwa von der Ordensgemeinschaft der Halleiner Schwestern Franziskanerinnen. Die Soziale Arbeit gGmbH hilft als Partner dabei, Klientinnen und Klienten auf das Angebot von Robin Powerhood aufmerksam zu machen und den Prozess abzuwickeln. 53 Haushalte im Bundesland kommen aktuell in den Genuss. „Die Ersparnis liegt für sie zwischen 25 und 30 Prozent bei der Stromrechnung“, sagt Christian Moik, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation in Salzburg. Die Schwierigkeit sei eben, dass der Strom sofort verbraucht werden muss.
Mit diesem Problem beschäftigen sich noch weitere Salzburger: Wissenschaftlich begleitet wird die Initiative Robin Powerhood seit Kurzem von der Forschungsgesellschaft Salzburg Research. „Geldspenden kann man auf die Seite legen und nehmen, wenn man sie braucht. Bei Energie ist das schwieriger: Sie muss sofort verbraucht werden. PV-Überschüsse fallen auch oft mittags an, wenn Spendenempfänger nicht zu Hause sind“, erklärt Stefan Linecker von Salzburg Research. Geprüft wird in Salzburg nun, wie man die Spenden am besten nutzbar machen kann oder wie die Hürden für Empfänger gesenkt werden können.
Iris Burtscher
Salzburger Nachrichten



