Gegen EU-Regeln: Streit um Gas aus der Arktis

26. August 2026

Norwegen. Das Land will seine Erdgasproduktion ausbauen, vor allem in der Arktis. Umwelt-Warnungen werden ignoriert, Europa werde das Gas schon kaufen.

Eine stabile Demokratie, engagiert beim Klimaschutz, die ihre Einkünfte aus dem Öl- und Gasgeschäft in einem staatlichen Fonds für die Zukunft des Landes bunkert: Norwegen ist ein untypischer Energieriese – und damit für die EU der Hoffnungsträger in der aktuellen Energiekrise. Jetzt aber geht das reiche skandinavische Land in Energiefragen auf Konfrontationskurs mit Brüssel. Energiepartnerschaft hin oder her, man will sich nicht mehr an EU-Vorschriften halten, vor allem nicht in Fragen des Umweltschutzes.


EU braucht Norwegen


Die neuen Quellen, die man erschließen will, liegen nämlich in der Arktis – und dort ist durch ein EU-Moratorium die Förderung untersagt. Das galt und gilt auch für Norwegen, bis jetzt. Denn wie Energieminister Terje Aasland zu Wochenbeginn sagte, will das Land an seinen Plänen zur Öl- und Gasförderung in der arktischen Barentssee festhalten: „Wir werden diese Gebiete erschließen, dann wird es an der EU liegen, ob sie ein Moratorium für den Kauf dieses Gases oder Öls verhängen will.“
In Oslo sieht man sich in einer Position der Stärke: Norwegen ist der wichtigste Erdgaslieferant für die EU. Rund ein Drittel ihres Bedarfs strömt durch Pipelines nach Deutschland oder in die Niederlande. Auch Norwegens Öl fließt fast ausschließlich in Richtung Europa – und während sich die Lieferengpässe und damit der Preiskampf ums Erdgas weltweit verschärfen, bleibt Brüssel wenig anderes übrig, als auf Norwegen zu setzen.


Die dortige Regierung drängt seit Jahren darauf, endlich die Gasförderung in der Arktis auszubauen. Man sei am oberen Ende der Förderkapazität angelangt und habe neue Quellen bereits ins Auge gefasst. Rund 70 neue Gas-Förderstätten sind in den Plänen der Regierung in Oslo aufgelistet. Es geht um rund sechs Milliarden Kubikmeter Gas, also etwa Österreichs Jahresverbrauch, die sich kurzfristig erschließen ließen.
Der Haken an der Sache: Fast alle diese Lagerstätten liegen in der norwegischen Arktis. Dass Öl- und Gasförderung dort für die EU nach derzeit gültigen Spielregeln tabu ist, das kümmert die Norweger von jetzt an offensichtlich nicht mehr.


Umweltbedenken ade


Auch in Brüssel werden die über Jahre verfolgten grünen Ziele hintangestellt. Jetzt steht die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft im Brennpunkt – und dafür weicht man die eben erst eingerichteten Klima- und Umweltschutzvorschriften auf. Ob das auch für die Arktis gilt? Eine Überprüfung des Gas-Förderverbots läuft, ein Ergebnis ist längst überfällig.


In Oslo verliert man offensichtlich die Geduld. Seit Längerem haben die Energiekonzerne des Landes das Lobbying in Brüssel angekurbelt. Offiziell will Norwegen von Einflussnahme nichts wissen. „Wir legen Wert darauf, unseren Wissensstand über Energievorkommen mit Brüssel zu teilen“, meinte Energieminister Aasland kürzlich: „So verfügen sie über eine gute Informationsbasis, um Entscheidungen zu treffen.“ Umweltschützer wiederum warnen, die Gaskonzerne wollten die aktuelle Krise nur dazu nützen, den Entscheidungsträgern Angst einzujagen.


Das könnte in der sich anbahnenden Gaskrise sehr gut funktionieren. Auch die Industrie setzt inzwischen darauf, dass Brüssel bald einlenkt. So hat etwa der französische Energiekonzern Total bereits ein neues Team installiert, um Projekte in Norwegens Arktis anzugehen. Und in Oslo macht man deutlich, dass man das Gas von dort auch anderswo los wird, wenn die EU weiter Vorbehalte hat. Aus der Barentssee könne in die ganze Welt geliefert werden, meint der Chef des norwegischen Ölkonzerns Equinor, Anders Opedal: „Das Einzige, was darunter leiden wird, ist die europäische Sicherheit.“


Die aber, versichert Norwegens Premierminister Jonas Gahr Støre regelmäßig, sei seinem Land auch weiterhin ein wichtiges Anliegen: „Europa braucht stabile Energiepartner – und gerade in so unvorhersehbaren Zeiten ist es die Pflicht Norwegens, verlässlich zu sein.“


Konrad Kramar

Kurier