Warum die Tech-Riesen jetzt alles selbst bauen

12. August 2026, Seattle/New York

Stromversorgung. Amazon finanziert ein Riesen-Gaskraftwerk, Nvidia investiert in einen Infrastrukturanbieter. Das sind nur die jüngsten Beispiele eines neuen Trends, der das Gegenteil von Outsourcing ist.



Am Wochenende gab es gleich zwei dieser Meldungen, die sich derzeit häufen: Amazon finanziert in Texas ein riesiges Gaskraftwerk mit bis zu 7,65 Gigawatt Leistung, um seine Rechenzentren mit der nötigen Energie zu versorgen. Zum Vergleich: das ist ungefähr siebenmal so viel, wie das größte kalorische Kraftwerk Österreichs in Wien Simmering leistet. Betreiber des Kraftwerks wird zwar nicht Amazon sein, sondern die Firma Pacifico Energy, doch Amazon ist der Grundstückseigentümer und einzige Kunde. Der Technologieriese wird den Strom direkt bei Pacifico beziehen – ohne Umweg über das öffentliche Stromnetz. Auf dessen Ausbau zu warten – das kann und will sich der weltgrößte Cloudanbieter und Einzelhändler nicht leisten.


Nvidia will Strom für Kunden


Nvidia wiederum will bis zu drei Milliarden Dollar in den Infrastrukturentwickler Lancium investieren, einen Spezialisten für Stromversorgung und Bau von Rechenzentren, der auch die Infrastruktur für das KI-Großprojekt Stargate entwickelt. Der Zweck des Ganzen: Nvidia will den Strom im Paket an seine eigenen Chip-Kunden weitergeben. Denn nur wer garantierten Strom hat, kann die Nvidia-Prozessoren in großem Stil überhaupt erst nutzen. Das Phänomen heißt „vertikale Integration“ – und scheint den mehr als 30 Jahre alten Outsourcing-Trend völlig in sein Gegenteil umzukehren. Doch worin bestand der eigentlich?
Als Geburtsstunde des modernen Outsourcings gilt die Entscheidung des Fotopioniers Kodak im Jahr 1989, seine gesamte Datenverarbeitung an IBM auszulagern. „Do what you can do best, outsource the rest“, lautete der Slogan. Zahlreiche Unternehmen folgten dem Beispiel und lagerten ihren Kundenservice, ihre Gehaltsabrechnung, ihre Buchhaltung, ihre Logistik, ihre Fuhrparks, ihr Facility-Management, ihre Sicherheitsdienste und ihre Betriebskantinen aus, verkauften ihre Immobilien und mieteten sie zurück. Outsourcing galt als kostensparend und effizient.


Umdenken seit Corona


Für Kodak sollte sich die Entscheidung letztlich als fatal herausstellen: Das Unternehmen erfand zwar die Digitalkamera, sah sie aber nur als ein Produkt unter vielen. Als sich die digitale Fotografie schließlich durchsetzte, fehlte Kodak im eigenen Haus das IT- und Software-Know-how, um digitale Plattformen dafür zu entwickeln; die Konkurrenz konnte das besser. Es zeigte sich, dass es möglicherweise doch keine gute Idee war, alles auszulagern, was anderswo billiger getan werden konnte.


Spätestens seit der Coronakrise 2020 hat sich bei vielen Unternehmen und Staaten die Erkenntnis durchgesetzt, dass es gefährlich war, ganze Teile der Wertschöpfung ausgelagert zu haben und keinen Zugriff darauf zu haben. Seitdem haben Unternehmen ihre Lieferketten diversifiziert. Billig ist nicht mehr das einzige Kriterium, die Zulieferer sollten vertrauenswürdig sein – und möglichst in der Nähe. Die Politik in den USA (über den Chips and Science Act), Europa, Japan und China unterstützt (und zwingt) die Unternehmen, mehr vor Ort zu produzieren.


Knappe Güter


Mit dem KI-Boom hat sich dieser Trend verschärft. Halbleiter, Rechenzentren und Strom sind knappe Güter. Die Staaten wollen sie im Land haben, die Unternehmen wollen sie möglichst selbst kontrollieren. Die großen Technologiefirmen konkurrieren nicht mehr nur um die besten Köpfe, sondern um die meiste Rechenleistung. Um die Abhängigkeit von Nvidia zu verringern, sind etwa Google, Amazon und Microsoft dazu übergegangen, eigene Chips herzustellen.


Handelt es sich um eine Situation wie vor 100 Jahren, als Henry Ford eigene Stahlwerke erbaute und Kautschukplantagen kaufte, um genügend Rohstoffe für seine Auto- und Reifenproduktion zu haben? Nicht ganz. Zu Energieversorgern sind die Tech-Giganten nämlich nicht geworden. Das brauchen sie aber auch gar nicht. Sie sind finanzstark genug, um sich an den Versorgern oder Projekten zu beteiligen und auf diese Weise Kontrolle auszuüben.


Der Fall Three Mile Island


Der spektakulärste Fall ist die Reaktivierung von Three Mile Island, einem Atomkraftwerk in Pennsylvania, wo sich 1979 der schwerste Reaktorunfall in der US-Geschichte ereignet hat. Der Energieversorger Constellation Energy renoviert nun den unbeschädigten der beiden Reaktoren, um Microsoft 20 Jahre lang exklusiv mit Strom zu versorgen. Das Kraftwerk wird künftig Crane Clean Energy Center heißen und eine Kapazität von 0,835 Gigawatt haben.


Auch Meta hat Verträge mit Partnern wie Vistra und Oklo abgeschlossen. Google wiederum arbeitet mit dem Unternehmen Kairos Power zusammen, das Mini-Kernkraftwerke errichtet. Das erste soll am Standort Oak Tree (Tennessee) ans Netz gehen.


Die großen Tech-Riesen haben gezeigt, dass ihre Marktmacht ausreicht, um ihre eigenen Lieferketten zu kontrollieren. Die Anleger honorieren das, zumindest langfristig. Auch wenn heuer kein herausragendes Jahr für die Magnificent-Seven-Aktien ist, haben Nvidia, Apple, Alphabet und Amazon seit Jahresbeginn zweistellig und Microsoft immerhin einstellig zugelegt.


Was ist mit den Aktien?


Doch sollten nicht auch die Aktien der Energiefirmen viel stärker steigen, wenn ein so starkes Interesse an ihren Dienstleistungen besteht? Kairos Power ist noch nicht an der Börse, die anderen sind aber durchaus gestiegen. Vistra war im Jahr 2024 der beste Wert im S&P 500 – noch vor Nvidia. Die Aktie von Constellation Energy war 2024 ebenfalls in die Höhe geschossen, als der Microsoft-Deal bekannt wurde. Oklo, zu dessen ersten großen Investoren OpenAI-Chef Sam Altman zählte, ging 2024 an die Börse. Im Jahr 2025 hat sich die Oklo-Aktie vervielfacht. Heuer hat sich die Aufmerksamkeit der Anleger auf Halbleiter verlagert, die Rechenzentren-Energieversorger konnten da mit mithalten. Zumindest vorerst.
Auf einen BlickVertikale Integration nennt man die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens auf weitere Stufen der Wertschöpfungskette. Die großen KI-Hyperscaler bauen nicht nur zunehmend ihre Chips selbst, sondern kümmern sich auch um ihre Stromversorgung, indem sie sich an Energieversorgern oder deren Projekten beteiligen.

von Beate Lammer

Die Presse