Neuer alpiner Stromspeicher lädt auf

30. Juni 2026

Energie. 33 Millionen Kubikmeter Wasser in einem neuen Stausee, Milliardenkosten und jahrelange Bauarbeit im Hochgebirge. Der KURIER war zu Besuch bei Europas größtem Wasserkraftprojekt in Tirol.

Vor wenigen Tagen, am 15. Juni, wurde damit begonnen, Wasser im Speicher Kühtai aufzustauen. Auf 2.140 Meter Seehöhe wird sich ein rund 60 Hektar großer, neuer See mit bis zu 33 Millionen Kubikmeter Wasservolumen bilden. Man kann ihn auch als Batterie mit einer Kapazität von mehr als 100 Gigawattstunden betrachten. Es ist das aktuell größte Wasserkraftprojekt in Europa.


20 Jahre zur Realisierung


Im Kühtai, einem Bergsattel südwestlich von Innsbruck, erweitert der Tiroler Landesenergieversorger TIWAG seine Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz. Seit 1981 ist hier bereits ein Pumpspeicherkraftwerk in Betrieb. Zu zwei Stauseen kommt nun noch ein dritter dazu. Das bestehende Kraftwerk wird durch ein zweites ergänzt. Die Planung dafür habe schon 2006 begonnen, schildert Projektleiter Klaus Feistmantl. Im August 2026 wird das Kraftwerk Kühtai 2 erstmals Strom produzieren.


Die Errichtung dauerte sechs Jahre. Bis zu 700 Personen waren auf der Baustelle tätig. Viele davon verbrachten jeweils bis zu neun Tage am Stück in den Bergen, entweder um den 140 Meter hohen und 500 Meter breiten neuen Staudamm zu bauen, kilometerlange Tunnel durch den Fels zu bohren oder das neue Kraftwerk in einer riesigen Kaverne 140 Meter unter der Oberfläche zu errichten.


Die Früchte der Arbeit sind imposant. Der Staudamm, der an der Basis 450 Meter dick ist, wurde großteils mit Materialien in der unmittelbaren Umgebung aufgeschüttet, wovon Steinbruchterrassen am Rand des Stausees zeugen. Derzeit blickt man von der Dammkrone noch tief hinab auf das Wasser. Es soll 113 Meter hoch steigen. Das Wasser stammt aus sechs Bächen und wird über einen 25 Kilometer langen Stollen zugeleitet. Der Speichersee Kühtai ist durch einen weiteren Stollen mit dem etwas höher gelegenen und doppelt so großen Stausee Finstertal verbunden.


Dazwischen sitzt das Kavernenkraftwerk Kühtai 2. Dort drehen sich künftig zwei Francis-Turbinen. Entweder sie „turbinieren“ oder sie pumpen. Es schießt also entweder Wasser aus dem oberen Stausee in den unteren, treibt die Turbinen und Generatoren an und Strom wird erzeugt – oder Strom fließt in den Generator, der dadurch zum Motor wird und Wasser durch die Turbine wieder nach oben pumpt. Die Drehrichtung kann innerhalb von zwei Minuten wechseln, je nachdem, ob im Stromnetz gerade ein Mangel oder ein Überschuss an Strom herrscht.


TIWAG-Vorstand Alexander Speckle sieht das Projekt als enorm wichtigen Bestandteil des europäischen Energiesystems. Der Ausbau erneuerbarer Energie, um fossile Importe zu verringern, bringt eine hohe Volatilität mit sich. Um Strom bei unregelmäßiger Erzeugung auch dann verwenden zu können, wann man ihn braucht, braucht es Speicher und Pumpspeicher sind die größten, die derzeit zur Verfügung stehen. Die TIWAG hat 1,13 Milliarden Euro in das Projekt gesteckt und erwartet sich davon langfristige Erträge.


Viel Gegenwind


Das Erweiterungsprojekt musste eine neun Jahre dauernde Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchlaufen. Dabei wurde die TIWAG auch zu 25 verschiedenen Ausgleichsmaßnahmen verpflichtet. Einen langen Atem benötigt die TIWAG auch für zukünftige Projekte, etwa die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal. Sie wird von Umweltschützern scharf kritisiert. Laut Speckle muss man alles befürworten, was Öl und Gas ersetzt. Windräder in Tirol hält er allerdings für unwirtschaftlich.

Kurier