Tal unter

29. Juni 2026

Am neuen Pumpspeicherkraftwerk „Kühtai 2“ in Tirol hat sich eine große umweltpeolitische Frage entzündet: Wie viel Natur darf man der Energiewende noch opfern?

Ganz oben auf dem Damm, auf 2145 Metern Meereshöhe, blickt Klaus Feistmantl zufrieden aufs Wasser. Ein Bach ergießt sich in den Stausee Kühtai, an der Böschung erledigt ein Bagger letzte Arbeiten. Feistmantl trägt einen Helm über seinen grauen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Seit zwölf Jahren laufen bei ihm die Fäden des Megaprojekts „Kühtai 2“ zusammen.


Im August soll das neue Pumpspeicherkraftwerk in den Stubaier Alpen erstmals Strom ins Netz speisen. Seit Anfang Juni läuft Wasser ins Staubecken. „Jetzt steigt der Wasserspiegel pro Tag etwa einen halben bis dreiviertel Meter“, sagt Feistmantl. Das Einlaufbauwerk, etwa 15 Meter hoch, ragt gerade noch aus dem Wasser.


Hinter Feistmantl liegen nervenzehrende Jahre. 2006 plante der Tiroler Landesenergiekonzern Tiwag das Projekt, 2009 begann die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Mit aller Kraft hatten sich die Gegner gegen Kühtai 2 gestemmt. Sie trieben den Fall durch alle Instanzen, zogen das Projekt damit in die Länge. Erst im Juni 2020 wurde die UVP-Genehmigung rechtskräftig. Seit April 2021 wird gebaut. Zwanzig Jahre nach den ersten Skizzen ist der Probebetrieb nun zum Greifen nahe.


Kühtai 2 verfügt über eine Engpassleistung von 190 Megawatt und soll jährlich 216 Gigawattstunden sauberen Strom erzeugen. Damit ließen sich laut Tiwag pro Jahr 127.000 Tonnen CO2 vermeiden. Doch bis heute ist die Kritik am Projekt nicht verstummt. Gegner sehen darin vor allem eines: einen verlorenen Teil des Längentals.


Erst vergangene Woche gaben Alpenverbände aus Österreich, Deutschland und Italien gemeinsam mit mehreren Umweltorganisationen in Kühtai eine Pressekonferenz. 28 Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft spannten vor der Baustelle ein Plakat mit der Aufschrift: „Alpen erhalten jetzt!“
„Vergewaltigung der Natur“


Es müsse Schluss sein mit einer „Vergewaltigung der Natur“, wie sie in Kühtai passiert sei, schimpfte Georg Simeoni, der Präsident des Südtiroler Alpenvereins. Was hier verwirklicht wurde, dürfe sich im Tiroler Platzertal nicht wiederholen, warnten die Verbände. Dort drohe durch den geplanten Ausbau des Kraftwerks Kaunertal ein wertvolles Moor- und Feuchtgebiet unterzugehen. „Mitten in der Klima- und Biodiversitätskrise sind solche Naturräume unverzichtbar“, mahnte Marlis Knapp vom WWF. „Während europaweit Millionen in die Wiederherstellung von Mooren investiert werden, soll ausgerechnet das Platzertal zerstört werden. Das ist widersinnig.“


Auf 2125 Metern Meereshöhe verläuft nun eine Konfliktlinie, die Klima- und Naturschutz zu entzweien droht. Dabei gelten die Erderwärmung und der biologische Niedergang als Zwillingskrisen. Schließlich beeinflussen sie einander. Während die Erderhitzung zu den stärksten Treibern der Biodiversitätskrise zählt, gilt die Energiewende als zentraler Schlüssel, um die Klimakrise zu meistern.


Rascher Erneuerbaren-Ausbau


Bis 2030 will sich Österreich – zumindest übers Jahr gerechnet – selbst mit sauberem Strom versorgen. Nie schritt der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft rascher voran als in den vergangenen Jahren. Zwar ergänzen sich die beiden Erneuerbaren, weil sie häufig zu unterschiedlichen Zeiten Strom erzeugen. Dennoch gibt es windstille Tage, an denen die PV-Anlagen im Nebel verschwinden.


Auf diese sogenannte Dunkelflaute, bei der Wind und Sonne kaum Strom liefern, gibt die Wasserkraft eine Antwort. Pumpspeicherkraftwerke wie Kühtai 2 können auf Knopfdruck Energie liefern, sobald man sie braucht. Ist hingegen zu viel Strom im System, nützen sie die überschüssige Energie, um Wasser vom unteren in den oberen Speichersee zu pumpen. Damit entlasten sie die Netze, die stets eine bestimmte Spannung halten müssen, um einen Blackout zu verhindern.


„Haben Eingriff ausgeglichen“


Unten im Oberinntal brennt die Sonne herunter. Das klimatisierte Besucherzentrum der Tiwag in der Gemeinde Silz bietet Zuflucht vor der Hitze. Wasserökologe Martin Schletterer schreitet vorbei an Schautafeln, mit denen der Energiekonzern Gästen die technischen Finessen von Kühtai 2 ebenso näherbringt wie die katastrophalen Folgen der Erderhitzung.


„Es ist auf jeden Fall ein Eingriff. Das Tal wird transformiert“, sagt Tiwag-Ökologe Schletterer über den gefluteten Teil des Längentals. „Aber wir haben den Eingriff jedenfalls ausgeglichen.“ Die Liste der Taten ist lang. Vor den Bauarbeiten verpflanzte der Energiekonzern sensible Kleinseggenriede aus dem Tal und siedelte Grasfrösche, Bergmolche und Ameisenhügel um. Er forstete zehn Hektar mit Zirben, Lärchen und Vogelbeere auf, verbesserte auf zwölf Kilometern den Gewässerlebensraum im Längental, baute Fischaufstiegshilfen, renaturierte Teile der Ötztaler Ache und des Inns. 1,13 Milliarden Euro investierte die Tiwag in Kühtai 2, davon flossen rund 80 Millionen Euro in Ausgleichsmaßnahmen.


Nicht in der Rechnung berücksichtigt sei die ressourcenschonende Planung, heißt es von der Tiwag. Der neue Speichersee liegt zwischen zwei älteren – Kühtai 2 ist also bereits an vorhandene Infrastruktur angeschlossen. Den mächtigen Damm errichtete die Tiwag mit dem Material, das vor Ort anfiel. Der Konzern nutzte dafür unter anderem Gestein, das er für den Bau eines 25,5 Kilometer langen Beileitungsstollen aus dem Berg holte.


Wie wichtig sind Pumpspeicher?


Die Projektgegner überzeugt das alles nicht. Der WWF fürchtet, Kühtai 2 könnte Schule machen, die Energiewirtschaft den Alpen noch mehr Täler abtrotzen. Gemeinsam mit Global 2000 hat die Umwelt-NGO vor einem Jahr ein Szenario errechnen lassen, wie in Österreich die Energiewende naturverträglich gelingen könnte.
Darin spielt der Zubau von Photovoltaik und Windkraft die Hauptrolle, gleichzeitig soll eine riesige Energiemenge eingespart werden. „Speicherkraftwerke werden nur noch ohne natürlichen Zufluss, also als Pumpspeicherkraftwerke, in geschlossenem Kreislauf und nur zwischen zwei bereits bestehenden Speichern, gebaut“, heißt es im Szenario der Umweltorganisationen.


Aber welche Lösung haben sie, wenn PV und Windkraft ausfallen? „Dunkelflauten sind meistens kurz – der Durchschnitt ist 12,9 Stunden. Das übernehmen zunehmend die kostengünstigen und schnell zu errichtenden Batterien mit Kapazitätszeiten von vier bis acht Stunden“, erläutert Bettina Urbanek, die im WWF das Team Wasserkraft leitet.


Zwar würden Pumpspeicher lange Dunkelflauten – die im Schnitt einmal im Monat für 24 Stunden vorkämen – gut abdecken. Doch für „sehr lange, sehr seltene Dunkelflauten helfen Pumpspeicher nicht, egal wie groß, da braucht es eine Kombination von vielen anderen Maßnahmen.“


In der Baustellenkantine tunkt Alexander Speckle sein Cordon bleu in Preiselbeeren, er ist einer der beiden Vorstandsdirektoren der Tiwag. Beim Mittagessen nennt er Kühtai 2 einen „Meilenstein in Europa“, das Projekt ist für ihn über jeden Zweifel erhaben. Denn der Hunger nach sauberem Strom wachse. „Pumpspeicher haben eine enorme Bedeutung für die Energiewende“, sagt Speckle. Diese würde angesichts des volatiler werdenden Strommarkts immer größer.


Im Gegensatz zu Batterien bleibe bei Pumpspeichern nicht nur die Wertschöpfung im eigenen Land, man könne Dunkelflauten statt Stunden über mehrere Tage hinweg ausgleichen. Wer gegen Erneuerbare-Projekte wie Kühtai 2 sei, „hebt die Hand für Öl und Gas, für Abhängigkeiten“, folgert Speckle. „Nona, müssen wir etwas einsetzen dafür“, sagt er über den gefluteten Teil des Längentals. „Aber ohne diesen Einsatz werden wir diese Abhängigkeiten nicht reduzieren können.“


Die Baustelle löst sich auf


Verläuft der Probebetrieb wie geplant, wird Kühtai 2 ab kommendem Jahr im Regelbetrieb laufen. Noch diesen Monat soll die Baustellenkantine abgebaut werden, dann verschwinden auch die Wohncontainer für die Arbeiter. 700 Menschen haben auf der Baustelle geschuftet, Schicht für Schicht. Tag für Tag löst sie sich nun auf.


Ein gewaltiger Muldenkipper, der am Vormittag auf einen LKW verladen wurde, hat Kühtai bereits mit einem Sondertransport verlassen. Die schweren Maschinen, die Blechhütten, die Kabeltrommelberge und staubigen Zufahrtswege – nichts davon soll im nächsten Jahr noch an die riesige Baustelle erinnern. Bald wird ausgesät. Dann soll Gras über alles wachsen.
Transparenzhinweis: Die Pressereise erfolgte
auf Einladung von Österreich Energie und Tiwag, die die Kosten für die Reise trugen.

Der Standard