
Auch wenn die Zeichen in Nahost auf Frieden stehen, bleibt die EZB nach ihrer jüngsten Zinserhöhung weiter auf der Hut. Darauf verwies Bundesbankpräsident Joachim Nagel am Montag in seiner Rede auf dem Frankfurt Euro Finance Summit. Es gebe zwar Anlass für Hoffnung auf Frieden, da sich nun erfreulicherweise ein Waffenstillstand im Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie eine Öffnung der Straße von Hormuz abzeichne.
Die Meerenge am Persischen Golf gilt als Nadelöhr des internationalen Ölhandels. Aber selbst wenn sie demnächst wieder befahrbar sein sollte, werde es Monate dauern, bis sich das Ölangebot normalisiere, warnte Nagel.
Schließlich seien Produktionsstätten in der Region teilweise beschädigt oder außer Betrieb gesetzt worden und Reserven würden kleiner. Und der Preisdruck im Euroraum dürfte nochmals steigen, wenn fiskalpolitische Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise ausliefen, fügte Nagel hinzu. Diese dürften die Inflationsrate laut der Bundesbank im Mai um 0,4 Prozentpunkte gedämpft haben. Befeuert durch die kriegsbedingt höheren Energiekosten war die Teuerung von knapp zwei Prozent zu Jahresbeginn auf 3,2 Prozent im Mai nach oben geschnellt.
Lagarde vorsichtig optimistisch
„Wir sind entschlossen, die Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zielwert von zwei Prozent stabilisiert“, sagte Nagel. Für die nächste Zinssitzung im Juli halte sich der EZB-Rat alle Optionen offen.
Auch EZB-Chefin Christine Lagarde begrüßte die sich abzeichnende Friedensregelung in Nahost: „Wenn sich diese Nachricht durch die Entwicklungen der kommenden Tage und die Unterzeichnung einer Absichtserklärung bestätigt, ist das eine gute Nachricht“, sagte sie dem Radiosender France Culture. Die Angelegenheit sei jedoch noch nicht abgeschlossen. Die gesamte Frage der Urananreicherung müsse noch erörtert, ausgehandelt und in Form eines Abkommens geregelt werden.
Ungewissheit bleibt
Vertreter der USA und des Iran erklärten, sie hätten sich auf ein vorläufiges Abkommen zur Beendigung ihres Konflikts und zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus geeinigt. Diese Vereinbarung ließ die Ölpreise sinken. Das „Wall Street Journal“ berichtete unter Berufung auf US-Präsident Donald Trump, die Einigung sehe vor, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebe und die Straße von Hormus umgehend öffne. Im Gegenzug könnten Sanktionen gegen die Islamische Republik aufgehoben werden. Der „New York Times“ sagte Trump, dass dem Iran neue militärische Angriffe drohen würden, falls kein endgültiges Atomabkommen zustande käme.
„Ungewiss bleibt, wie nachhaltig der Waffenstillstand sein wird“, gab der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, zu bedenken. Bis zu einem endgültigen Friedensvertrag bestehe die Gefahr weiter, dass der Iran die Meerenge erneut schließe und die Ölpreise wieder in die Höhe schießen könnten.
Die EZB hatte am Donnerstag erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins angehoben – von 2,0 auf 2,25 Prozent. Laut der mit dem Zinsentscheid veröffentlichten Projektion verschlechtern sich die Inflationsaussichten. Demnach dürften sich die anhaltend hohen Energiekosten in den nächsten Monaten zunehmend in den Verbraucherpreisen widerspiegeln.
APA/Reuters


