Im Großhandel kostet Erdgas so viel wie seit vier Jahren nicht. Für Gasverbraucher bedeutet das nichts Gutes – immer mehr steigen aus.
Bis vor zwei Jahren hätten Meldungen über einen Großhandelspreis für Erdgas von über 100 Euro, den höchsten Wert seit 2022, Karina M. beunruhigt. Jetzt bleibt die Salzburgerin entspannt. Statt Gas sorgt eine Wärmepumpe für gemütliche Raumtemperatur, der Strom kommt – von April bis Oktober so gut wie ausschließlich – von der PV-Anlage am Dach und aus dem eigenen Speicher. Auch an trüben Herbsttagen liegt die Selbstversorgung bei 70 Prozent.
Die Investitionen seien freilich saftig gewesen, räumt sie ein, auch weil die damals hohen Förderungen die Nachfrage nach Kesseltausch – und damit den Preis – angeheizt hätten. Zwischen erstem Anbot und endgültiger Umsetzung sind die Kosten um fast 50 Prozent gestiegen, dafür wurde gefördert. Bis sich die Umstellung rentiert, werden Jahre vergehen. Froh über die damalige Entscheidung ist sie trotzdem.
83.515 Gasheizungen wurden ausgebaut
25.057 Gasheizungen wurden im Vorjahr durch andere Heizformen ersetzt, geht aus den Statistiken des zuständigen Landwirtschaftsministeriums hervor, 2024 waren es fast 27.000. In Summe sind in den vergangenen vier Jahren 83.515 Gasheizungen ausgebaut worden. Auch die gängigen Alternativen, also Pellets- oder Hackschnitzelpreise, bleiben von den Folgen des Kriegs im Persischen Golf und Marktverschiebungen nicht verschont, ebenso wenig wie Fernwärme. Und die Strompreise an den Börsen ziehen kräftig an, solange Gaskraftwerke die Lücken in der erneuerbaren Erzeugung schließen müssen.
Der europäische Erdgaspreis hat am Mittwoch erstmals seit 2022 – als Russlands Überfall auf die Ukraine die EU in eine veritable Energiekrise gestürzt hat – mehr als 100 Euro pro Megawattstunde (MWh) betragen. Am Donnerstag bewegt sich der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat um 97 Euro je MWh. Experten wie Lion Hirth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin, wunderten sich in den vergangenen Tagen in sozialen Medien, „wie wenig Aufmerksamkeit die Energiepreise in der breiten öffentlichen Diskussion bekommen“, obwohl Strom und Gas „locker 100 Prozent über dem Preisniveau der letzten beiden Jahre“ seien.
Verglichen mit den 2010er-Jahren kostet die Megawattstunde fünf- bis sechs Mal so viel. Die Erklärungen zu den jüngsten Rekorden im Großhandel sind vielfältig: Sie reichen vom drohenden Wiederaufflammen des Iran-Kriegs (nach den US-Midterms) über den endgültigen Ausstieg der EU aus Gas aus Russland 2027 (der ohnehin nur schrittweise passiert) bis zu den saisonbedingt sinkenden Temperaturen und Deutschlands verspäteter Speicherfüllung.
Bei den Haushalten kommen die Preise noch nicht an
Bei den Haushalten mit bestehenden Verträgen kommt die Verteuerung – noch – nicht an. Dynamische Tarife sind noch selten, sind aber zweistellig gestiegen. Die Versorger sind nach den teils schlechten Erfahrungen 2022 verpflichtet, die voraussichtlichen Liefermengen für ihre Kunden besser abzusichern (die E-Control prüft). Daher seien Überraschungen wie 2022, als kleinere Lieferanten aus dem Markt gingen, unwahrscheinlich, sagt Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung in der E-Control.
Was tun?
Spätestens wenn Vertragsbindungen und Preisgarantien auslaufen, werden die höheren Preise aber wohl bei Strom- und Gasverbrauchern ankommen – bei den Unternehmen tun sie es schon. Kurzfristig können die mehr als 800.000 Haushalte, die noch mit Gas heizen (fast die Hälfte davon in Wien), nicht viel tun, außer die Raumtemperatur zu drosseln. Langfristig sollte sich, wer könne, aber überlegen, sich von fossilen Heizungen, auch besonders komfortablen und verlässlichen Gasthermen, zu trennen, rät Millgramm. Denn die Kosten würden weiter steigen, schon durch die steigenden Netzentgelte und die CO2 -Bepreisung. Und auch wenn Gas wieder billiger werde, wenn wichtige Player wie Katar wieder in den Weltmarkt zurückkehren oder auch Russland, sollte in der Ukraine Friede einkehren, deute nichts auf Preise von 15, 16 Euro pro MWh hin. „Die Wärmewende muss angegangen werden“, betont Millgramm.
Das ist ein riesengroßes Thema. Viele Haushalte gehen sie schon an. „Wir sehen, dass die Diskussion über die Preise die Menschen zum Nachdenken bringt“, weiß Jürgen Schneider, Sektionschef im Umweltministerium. Das schlägt sich in den Förderanträgen zum Heizkesseltausch nieder. Im Vorjahr waren die Mittel Anfang Juli bereits ausgeschöpft. Am kommenden Montag startet die nächste Förderaktion für den Kesseltausch, dann können sich Privatpersonen in Ein- bzw. Zweifamilienhäusern und Reihenhäusern registrieren und eine Förderung beantragen. Zwischen 4000 und 6000 Euro winken für ein klimafreundliches Heizsystem. Perspektivisch lasse sich die „ungesunde Abhängigkeit von fossilen Energieträgern“ nur ändern, indem die Energiewende vorangetrieben werde. „Manches lässt sich nicht auf Knopfdruck ändern“, sagt Schneider.
Monika Graf
Salzburger Nachrichten



