Der von der OMV in Bruck an der Leitha erzeugte grüne Wasserstoff soll ein Drittel des fossil erzeugten Wasserstoffs in der Schwechater Raffinerie ersetzen. Die Anlage ist zentral für das Klimaneutralitätsziel des Konzerns.
Zwischen Äckern und Windrädern in der niederösterreichischen Peripherie entsteht ein nationales Prestigeprojekt. In einer fensterlosen Halle aus massivem Beton nahe Bruck an der Leitha steht der erste von insgesamt acht Elektrolyseuren. Eine riesige Industriemaschine, die Wasser mittels Strom in seine Bestandteile spalten kann. Das begehrte Endprodukt: grüner Wasserstoff. Grün, weil der Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Die Energieform gilt als Schlüsselbaustein für Industrien, die schwer zu dekarbonisieren sind. Die Produktion von Kraftstoffen und Chemikalien etwa, das Kerngeschäft der OMV also. 2025 war der Spatenstich für das Mega-Projekt des Industriekonzerns.
Nun hat die OMV zum „Milestone“-Event geladen. Über Schotter geht es zur Halle, alle 20 Meter stehen Security-Mitarbeiter. Schautafeln informieren über den Fortschritt der Baustelle, auf der sogar Bronze und Keramik aus der Römerzeit gefunden wurden. Aus den Lautsprechern säuselt Lounge-Musik, Scheinwerfer tauchen Stahlstreben und Rohre in violettes und grünes Licht. Ein Rendering zeigt die Anlage, wie sie fertiggestellt aussehen soll. Emma Delaney, erst seit wenigen Wochen im OMV-Chefsessel, hält die Begrüßungsrede. Die Anlage werde helfen, fossilen Wasserstoff in der Raffinerie zu ersetzen. „Es geht darum, Fortschritt sichtbar zu machen“, sagte die OMV-Vorstandsvorsitzende.
Knapp, teuer, abhängig
Nicht nur die OMV setzt ihre Hoffnungen auf grünen Wasserstoff. Auch Eisen- und Stahlerzeugung, Düngemittelhersteller und Produzenten von Chemikalien brauchen ihn, um langfristig ihre Emissionen zu senken. Doch bis jetzt ist grüner Wasserstoff knapp, teuer und förderabhängig. Derzeit kostet er mehr als doppelt so viel wie jener Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt wird. Österreichs Industrie braucht rund 120.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr – er stammt fast zur Gänze aus fossilen Quellen. Für die Herstellung von grünem Wasserstoff braucht es aber enorme Mengen an sauberem Strom, entsprechende Anlagen und Infrastruktur, um ihn zu transportieren. Das alles kostet sehr viel Geld.
Geld, das die Politik bereitstellt. „Wasserstoff ist ein zentraler Baustein für die Zukunft unserer Industrie und damit für Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Österreich“, sagte Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer (ÖVP). Erst kürzlich reiste er nach Algerien und Tunesien, um Wasserstoffprojekte anzukurbeln. Bei der nächsten EU-weiten Auktion der Europäischen Wasserstoffbank stellt sein Ministerium 200 Millionen Euro zur Verfügung, um die sich heimische Wasserstoff-Projekte bewerben können. Zudem will das Wirtschaftsministerium für den Aufbau eines Wasserstoffnetzes 43,5 Millionen Euro bis 2031 zur Verfügung stellen.
Die Kosten des OMV-Wasserstoffprojekts belaufen sich laut Europäischer Investitionsbank (EIB) auf 612 Millionen Euro. Die OMV erhält 450 Millionen Euro als Darlehen von der EIB. Den Rest muss die OMV aus Eigenmitteln stemmen. Im September gab es jedoch einen kleinen Dämpfer für das Projekt: Die staatliche Erneuerbare-Energien-Gesellschaft Masdar aus Abu Dhabi stieg überraschend aus der Elektrolyseanlage und damit aus der Finanzierung aus. Eine STANDARD-Anfrage an Masdar blieb unbeantwortet. Der Ausstieg hätte das Projekt aber zu keiner Zeit gefährdet, heißt es von der OMV. Neben der Anschubfinanzierung macht die österreichische Regierung 123 Millionen Euro Förderung locker. Das Geld wird über mehrere Jahre anteilig pro produziertem Kilogramm grünen Wasserstoff ausbezahlt.
Regulatorische Vorgaben
Der Bau der Wasserstoffanlage ist freilich nicht nur wirtschaftlichen Interessen geschuldet. Denn die OMV muss regulatorische Vorgaben erfüllen. So müssen laut EU-Verordnung aktuell zwei Prozent der Flugtreibstoffe nachhaltig, sogenannte Sustainable Aviation Fuels (SAF), sein. Bis 2030 soll der Anteil auf sechs Prozent steigen, bis 2050 auf 70 Prozent. Für die OMV ist das Kerosingeschäft von großer Bedeutung. Sie beliefert insgesamt 18 Flughäfen europaweit mit Kerosin, darunter Wien und München. Wie wichtig das Geschäft für die OMV ist, zeigte der heurige Juli: Der Ölkonzern drosselte die Dieselproduktion zugunsten von Kerosin. „Der Bedarf an grünem Wasserstoff wird steigen. Wir sehen Wachstumschancen bei synthetischen Flugzeugkraftstoffen und im Chemie-Bereich“, sagt Martijn van Koten, OMV Executive Vice President Fuels, zum STANDARD.
Laut OMV liege man gut im Zeitplan, dass die Anlage Mitte nächsten Jahres in Betrieb gehen kann. Im Vollbetrieb sollen pro Jahr 23.000 Tonnen grüner Wasserstoff über eine 22 Kilometer lange Pipeline in die OMV-Raffinerie in Schwechat fließen. Damit würde man ein Drittel des in der Raffinerie eingesetzten grauen Wasserstoffs ersetzen. Dies entspreche laut OMV einer Einsparung von 150.000 Tonnen CO2. Die OMV strebt an, bis 2050 klimaneutral zu sein. Bis dahin muss der Konzern sich grundlegend von einem Öl- und Gasproduzenten zu einem nachhaltigen Kraftstoff- und Chemiekonzern wandeln. Die Wasserstoffanlage bei Bruck an der Leitha wird für die OMV dabei zum Lackmustest für ihre Transformationsstrategie.


