Der Vorstand der Ökostrom AG, Ulrich Streibl, kritisiert den Einfluss des Staates auf den Energiemarkt. Die Zahl der Netzbetreiber hält er für „volkswirtschaftlich nicht sinnvoll“.
Ökostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl hat allen Grund zur Freude. Gerade erst hat das Unternehmen sein erstes Photovoltaik-Kraftwerk in Kärnten eröffnet. Im Interview spricht Streibl über die schwierigen Investitionsbedingungen am Standort Österreich und das Problem „politisch beeinflusster Strompreise“.
STANDARD: Österreich will bis 2040 klimaneutral sein. Verbund-Chef Michael Strugl meinte kürzlich in einem STANDARD-Podcast, wir brauchen Gaskraftwerke auch noch in Jahrzehnten. Hat er Recht?
Streibl: Das Stromnetz ist zu 90 Prozent dekarbonisiert. Bis 2040 wird sich der Strombedarf verdoppeln. Wir werden in Österreich weder Atomkraftwerke bauen, noch im großen Stil Gaskraftwerke. Aber ich gebe ihm insofern Recht, dass es in einzelnen Stunden – wenn nicht genug Wind, Wasser oder Sonne da ist – flexible Erzeugungseinheiten braucht. Und das werden Gaskraftwerke sein. Sie werden wenige Stunden im Jahr laufen und deswegen ist es aus meiner Sicht auch kein Problem.
STANDARD: Wasserkraft macht bei Ökostrom rund zehn Prozent des Portfolios aus. Wie sehr haben Sie die Dürre heuer gespürt?
Streibl: Sehr stark. Wir mussten den Rückgang durch andere erneuerbare Quellen kompensieren. Wo wir es stark gespürt haben, ist unser Stromgroßhandelsgeschäft, bei dem wir Kleinwasserkraftwerke unter Vertrag nehmen und deren Strom vermarkten. Dort fehlen uns 40 Prozent der Wassermengen. Das ist auch einer der Gründe, warum die Strompreise so hoch sind.
STANDARD: 58 Prozent ihres Energiemixes stammen aus Windkraft. Der Ausbau in Österreich geht sehr langsam, über Windkraft wird Desinformation verbreitet. Haben Sie ein Mittel, wie man sie populärer macht?
Streibl: Reden, reden, reden. Wir müssen aufklären und versuchen, die Mythen zu Windkraft zu entkräften. Wir haben festgestellt: Dort, wo bereits Windräder sind, sind die Menschen wesentlich positiver zu Windkraft eingestellt. Außerdem profitieren die Kommunen davon.
STANDARD: Inwiefern?
Streibl: Wir bezahlen Abgaben, dass wir auf dem Gemeindegebiet ein Windrad aufstellen dürfen. Es entstehen Arbeitsplätze, denn die Anlagen stellen lokale Firmen auf. Unsere Agri-Photovoltaik-Anlagen machen eine landwirtschaftliche Nutzung parallel möglich. Jetzt bauen wir Speicher, auch das schafft Wertschöpfung.
STANDARD: In Deutschland wird Windkraft viel schneller ausgebaut – ein attraktiverer Markt für Ökostrom?
Streibl: Wir haben in Deutschland zehn Windkraftanlagen und bauen derzeit sechs weitere. Deutschland ist definitiv ein attraktiver Markt, dort wird viel Windkraft zugebaut. Österreich hat 2022 den Energiekrisenbeitrag eingeführt. Er war absolut richtig und gerechtfertigt damals. Doch Österreich hat diesen Mechanismus beibehalten – im Gegensatz zu allen anderen EU-Ländern. Dadurch sind die Investitionsbedingungen deutlich schlechter geworden. Viel Kapital hat sich in Richtung Deutschland verschoben. Doch wir geben den Investitionsstandort Österreich nicht auf.
STANDARD: Bei den Batteriespeichern tobt ein Streit um Netzentgelte und was „systemdienlich“ ist. Wird da zu viel reguliert?
Streibl: Die momentane Debatte ist akademisch. Wir haben derzeit keine Speicher und wir brauchen sie dringend. Also müssen wir Bedingungen schaffen, in denen möglichst viele Speicher gebaut werden. Und damit wird die Frage der Systemdienlichkeit nachrangig. Mit Batteriespeichern können wir den günstigen Strom aus den Mittagsstunden in den Abend legen und damit die teuren Abendspitzen absenken. Der Verordnungsdschungel bremst den Ausbau.
STANDARD: Österreich braucht auch mehr Stromnetze. Sie kritisieren in Interviews, dass es zu viele Netzbetreiber gibt. Sollte der Staat das Monopol über die Stromnetze haben?
Streibl: Die Stromnetze sind ja grundsätzlich Monopole. Niemand baut ein zweites Stromnetz. Wenn es Monopole sind, sollten sie entweder dem Staat gehören oder der Staat muss sie regulieren. Ich glaube, es macht volkswirtschaftlich keinen Sinn, dass wir über hundert Netzbetreiber haben. Weil ich für diese Aussage häufig kritisiert werde, möchte ich aber festhalten: Die Menschen bei den Netzbetreibern machen einen tollen Job. Ich glaube aber, dass die Struktur des Systems keine optimale ist. Wir haben ja auch nicht hundert Autobahnbetreiber, sondern einen.
STANDARD: Ökostrom hat die vierte Kapitalerhöhung in zehn Jahren. Sie wollen 14 Millionen Euro einsammeln. Rechnen Sie mit vielen Neukunden?
Streibl: Die ersten beiden Erhöhungen sind komplett von den Bestandsaktionären aufgekauft worden. 2022 hatten wir durch die dritte Kapitalerhöhung 900 neue Aktionäre hinzugewonnen. Ich weiß noch nicht, wie die Verteilung zwischen Bestands- und Neuaktionären jetzt sein wird. Mit dem Geld aus der Kapitalerhöhung wollen wir eine große PV-Anlage in Oberösterreich, einen Großspeicher in Parndorf und zwei Windräder finanzieren.
STANDARD: 2025 war kein gutes Jahr für Ökostrom: Der Gewinn brach von 6,4 Millionen auf 36.000 Euro ein. Was war da los?
Streibl: Wir hatten wenig Wind und sehr kalte Temperaturen im Winter, sodass wir teure Energie nachkaufen mussten. Wir hatten auch hohe Ausgleichsenergiekosten: Diese Kosten entstehen, wenn man gegenüber der eigenen Netzprognose abweicht. Das war aber für alle Energieversorger ein Problem. Dazu kam politisch motivierter Druck auf die Preise. Kein privater Energieanbieter konnte da mithalten. Heuer schaut es bei den Umsatzzahlen schon wieder viel besser aus.
STANDARD: Ökostrom soll börsenready sein. Wann wollen sie an die Börse gehen?
Streibl: Ob und wann wir an die Börse gehen, entscheiden unsere Aktionäre. Wir haben es bisher nicht gemacht, weil wir das Kapital immer gut aus unserer Aktionärschaft aufnehmen konnten. Jetzt erreichen wir 3100 Aktionäre und deren Freunde. Ich glaube, es wird ein Punkt kommen, an dem wir so viel neues Kapital brauchen werden, dass es ohne Börse nicht gehen wird.
Ulrich Streibl (60) aus Bayern ist seit 2020 Vorstand der Ökostrom AG. Der promovierte Betriebswirt arbeitete für den deutschen Stromkonzern Eon und war sieben Jahre Strategiechef der OMV.
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