Verbund-Chef Michael Strugl weiß, woher der Strom für das Google-Projekt kommt, und plädiert für ein Ende der PV-Förderungen. Der Druck bei den Strompreisen steigt.
Monika Graf: Sie sind Oberösterreicher. Was denken Sie über das heiß diskutierte Google-Projekt?
Michael Strugl: Grundsätzlich ist es eine Investition, die ich positiv sehe. Erstens kommt sie von internationalen Investoren, zweitens geht sie in die digitale Infrastruktur, was auch gut ist. Das Projekt gibt es schon sehr lange. Der Grund in Kronstorf wurde vor 18 Jahren optioniert und wird jetzt erst realisiert. Der Standort galt als vorteilhaft, deswegen wurde er frühzeitig gesichert.
Das Projekt wird viel größer als im April angekündigt. Was bedeutet das?
Wenn sehr kurzfristig die Ausbaustufe auf 500 statt 150 Megawatt geht, wird man im gesamten System umplanen müssen. Oberösterreich hat auch andere Projekte mit höheren Anschlusswerten in der Planung, darunter auch große österreichische Abnehmer. Es reicht nicht, am Anschlusspunkt die Megawatt zu haben, man braucht vor- und nachgelagert in den Netzen entsprechende Verstärkung.
Wird es die benötigten Strommengen aus erneuerbaren Quellen rechtzeitig geben?
Wir reden im Endausbau von mehr als vier Terawattstunden im Jahr. Natürlich ist das viel. Die Herausforderung gibt es bei Rechenzentren, aber auch bei großen Teilen der Industrie. Wenn die Voestalpine die Elektrolichtbogenöfen in Betrieb nimmt, brauchen sie auch deutlich mehr Strom. Steigender Strombedarf ist Teil unserer Modellierungen für ein zukünftiges Stromsystem, sehr stark getrieben durch die Elektrifizierung der unterschiedlichen Sektoren. Für 2040 rechnen wir in Österreich mit 123 Terawattstunden Verbrauch, jetzt sind es 70, und einem Ausbau der installierte Leistung von derzeit 33,5 auf 58 Gigawatt. Effiziente Elektrifizierung ist der kostengünstigste Weg zur Reduzierung der Energieabhängigkeit von milliardenschweren Importen, zur Wettbewerbsfähigkeit und zum Klimaschutz. Außerdem braucht man sie, um die Kosten des Ausbaus von Erzeugung, Netzen und Speichern auf möglichst viele Nutzer zu verteilen. Damit zahlt der Einzelne weniger. Allerdings ist dafür ein industriepolitischer Ansatz notwendig und Planung. Das hat weder mit Ideologie zu tun noch ausschließlich mit Klimaschutz, das ist Standort- und Industriepolitik.
Wie erklären Sie sich den Widerstand, der jetzt ausbricht?
Ich würde einmal sagen, es war kommunikativ vielleicht nicht ideal vorbereitet. Die Wasserkraft-Erzeugung sinkt derzeit, Windkraft wird abgelehnt, PV gibt es schon genug und Kernkraft ist tabu.
Woher soll der saubere Strom kommen?
Es hilft nichts, wir werden Anlagen bauen müssen, Wasserkraft, Windkraft und Photovoltaik. Und wir werden weiter Gaskraftwerke brauchen, um Erzeugungsengpässe zu kompensieren – und dazu Speicher und Flexibilität und Netze. Dann kann ich das Angebot steigern und die Preise dämpfen. Wir müssen das tun, und zwar schneller als bisher. Das predigen wir seit Jahren, aber es geht halt nur schleppend voran.
Was macht Sie optimistisch, dass es jetzt schneller geht?
Der Ausbau der Photovoltaik ging relativ flott, weil die Leute gesehen haben, dass sie sich damit selbst helfen konnten, als Strom durch den Krieg sehr teuer wurde. Weniger gut läuft es bei der Windkraft. Bei der Wasserkraft sind wir gut vorangekommen. Das Wirtschaftsministerium prüft aktuell mit einer Potenzialstudie, welche Ausbaumöglichkeiten es noch gibt. Ich bin der Meinung, alles, was vernünftig machbar ist, sollten wir umsetzen. Der Minister adressiert die richtigen Dinge und hat einen pragmatischen Zugang.
Muss man tatsächlich überall Windkraft ausbauen?
Das ist eine Kostenfrage. Wenn ich die Erzeugungsanlagen im Bundesgebiet verteile, brauche ich weniger Netzausbau und kann das gesamte System effizienter nutzen. Alles, was wir regional verbrauchen, müssen wir nicht über weite Strecken transportieren, das spart Kosten. Deswegen ist Windkraft in den Bundesländern eine Frage des Hausverstands. Ich verstehe aber, dass Windräder oder Stromleitungen nicht allen gefallen, sie sind aber wichtig für die Energiesicherheit.
Sollte man die PV-Förderungen morgen ersatzlos streichen?
Meiner Meinung nach ja. Photovoltaik am Dach braucht keine Förderung mehr. Die rechnet sich für den Eigenverbrauch in jedem Fall, idealerweise in Kombination mit einem Speicher. Bei den Heimspeichern würde ich die Fördermittel bündeln, aber nicht bei den Paneelen.
Sie haben kürzlich gesagt, Sie können nicht ausschließen, dass die Strompreise wieder sinken. Was meinen Sie?
Wenn im Mittleren Osten Krieg geführt wird, gehen die Primärenergiepreise nach oben und damit auch die Strompreise. Gibt es einen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen, gehen die Preise wieder runter. Und alles geht relativ schnell. Die Energiemärkte reagieren sehr nervös auf geopolitische Entwicklungen, deswegen traue ich mir gar nichts auszuschließen. Alles ist hochvolatil und das ist sehr unangenehm. Das geht zulasten der Planungssicherheit. Mit dieser Volatilität der Märkte müssen wir umgehen und gleichzeitig den Umbau in ein nachhaltiges, sicheres Energiesystem schaffen.
Können Sie den Österreich-Tarif von zehn Cent halten?
Wir haben diesen Österreich-Tarif vor der Entwicklung im Nahen Osten mit März 2026 in den Markt gebracht. Wer ihn hat, hat eine Preisgarantie über zwölf Monate, unabhängig von der weiteren Entwicklung. Wir haben für unsere Bestandskunden die Mengen im Voraus beschafft und für Neukunden Vorsorge getroffen. Jetzt beobachten wir den Markt genau. Solange es wirtschaftlich darstellbar ist, gibt es diesen Tarif.
Nach dem, was sich derzeit abgespielt hat, müssen die Preise steigen?
Der Druck steigt natürlich, das kann man mit freiem Auge sehen. Der Börsenpreis war diese Woche bei 113 Euro die Megawattstunde für das nächste Jahr. Am kurzen Ende steigen die Preise, in den Folgejahren sinken sie eher wieder.
Wie wirken sich der Krisenbeitrag, der Sozialtarif und der Industriestrompreis ab 2027 aus? Haben Sie schon gerechnet?
Für die gesamte Branche sind es vorläufig 500 Millionen Euro. Der Industriestrompreis kostet ungefähr 250 Millionen Euro im Jahr, der Energiekrisenbeitrag 200 Millionen und der Sozialtarif 60 Millionen. Laut Regierung soll sich der Preiskrisenmechanismus aber mit Mehreinnahmen aus dem Energiekrisenbeitrag finanzieren. Ich kann nicht sagen, wie viel die Unternehmen am Ende schultern sollen, aber: Das stößt an Grenzen. Eines muss aber klar sein: Je mehr wir an Zahlungen an die Republik abführen, umso weniger können wir investieren. Gerade jetzt braucht der Standort einen Investitionsschub, da schneiden wir uns ins eigene Fleisch.
Wie lebt es sich als börsennotierter Konzern, der zu 51 Prozent der Republik und zu 30 Prozent mehrheitlich staatlichen Versorgern gehört, mit den ständigen Eingriffen?
Wir haben eine Eigentümerstruktur, die spannend ist. Ich kann der öffentlichen Eigentümerschaft viel abgewinnen, weil es um kritische Infrastruktur geht und um Energieversorgung. Sie unterstützt auch beim Rating und ist vielen Investoren wichtig. Zugleich hat Verbund mit den privaten Aktionären so etwas wie ein Fitnessprogramm. Um für den Kapitalmarkt attraktiv zu sein, müssen wir wirtschaftlich erfolgreich und hocheffizient sein und Gewinne machen, um Dividende zu zahlen. Beides – klug kombiniert – kann Vorteile haben. Wenn diese Interessen kollidieren, wird es schwieriger, das auszubalancieren, beispielsweise in Krisen oder wenn der Staat massiv eingreift. Dann beginnt das Ganze zu leiden.
Ich dachte, Sie treten zurück, spätestens als Kanzler Stocker im Dezember wieder eine Sonderdividende des Verbund angekündigt hat.
Ich sehe es tatsächlich kritisch, dass hier massiv eingegriffen wird, sowohl in die Erlösströme der Unternehmen, Stichwort Gewinnabschöpfung, als auch in die Märkte, Stichwort Regulierung. Markteingriffe sollten nur in Krisen erfolgen, sie sind nicht dauerhaft sinnvoll.
Salzburger Nachrichten



