Österreichs Batterie-Boom wird gerade abgesagt

25. Juni 2026, Wien

Strom. Ein gigantischer Ausbau an Batteriespeichern soll die Energiekosten in Österreich senken, wünscht die Politik. Investoren wittern ein Riesengeschäft und drängen auf den Markt. Ihr Traum könnte platzen, bevor er begonnen hat.



Dieser Sommer bringt nicht nur Hitzerekorde ins Wanken, er liefert Österreich auch Rekordmengen an Solarstrom. Hunderttausende Photovoltaikanlagen laufen zu Mittag auf Hochtouren – und erzeugen massenhaft Strom, den dann niemand brauchen kann. Die Folge sind Preise unter der Nulllinie und Stromnetze in Bedrängnis. Ein großer Batterie-Boom solle helfen, das Dilemma zu lösen, versprach die Regierung vor wenigen Monaten. Doch wie „Die Presse“ erfahren hat, könnte jetzt doch alles ganz anders kommen.


„Viele Sommer wie heuer sollte es nicht mehr geben“, sagt Herbert Paierl. Der Überschuss an Sonnenstrom belaste nicht nur das System, sondern auch die Branche selbst, warnt der ehemalige steirische Wirtschaftslandesrat und langjährige Solar-Investor. Er hält den Bau von Speichern für eine „absolute Überlebensfrage“, weil nur so die volatile Erzeugung der Erneuerbaren besser über den Tag erteilt werden kann.


Hoffen auf 15 Prozent Rendite


Damit würde der Ausbau von Batteriespeichern nicht nur die Strompreise kräftig senken, wie eine Analyse von Fingreen zeigt. Er würde auch verhindern, dass der weitere Ausbau von Erneuerbaren alsbald an seine Grenzen stößt. Dieser Meinung ist im Übrigen auch die heimische Koalition. Mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) ebnete sie deshalb den Weg für den Hochlauf industrieller Großbatterien in Österreich, um Wind- und Solarstrom haltbarer zu machen und sich einen Teil des milliardenschweren Leitungsbaus zu ersparen.


Länder wie Deutschland, Finnland und viele andere europäische Staaten nutzen die containergroßen Speicher bereits, um überschüssigen Strom zum Nulltarif zu kaufen, einzulagern und wenige Stunden später zu höheren Preisen wieder zu verkaufen. Der Verfall der Batteriepreise (minus 90 Prozent in zehn Jahren) und branchenfreundliche Regulierungen (Befreiung von den Netzkosten) machen Großspeicher dort zu einem hochprofitablen Geschäft.


Renditen um die 15 Prozent, das erhoffen sich hunderte – teils komplett branchenfremde – Glücksritter nun auch in Österreich. An Projekten mangelt es nicht. In den vergangenen Monaten haben Batteriespeicherprojekte mit einer Kapazität von rund 25.000 Megawattstunden bei heimischen Netzbetreibern angeklopft. Doch die meisten, die sich von der Goldgräberstimmung haben anstecken lassen, dürften leer ausgehen.


An dieser Stelle kommt der heimische Energieregulator E-Control ins Spiel. Er ist es, der das ElWG erst in Form von Verordnungen zum Leben erwecken muss. Diese Woche soll etwa die sogenannte Systemnutzungs-Entgelte-Verordnung im Regulierungsbeirat abgesegnet und dann in Begutachtung geschickt werden. Sie gilt als Grundlage für jede Kalkulation der Speicherbetreiber. Denn der Gesetzgeber sah im ElWG vor, dass „systemdienliche Speicher“ zwanzig Jahre lang von den Netzgebühren befreit werden sollen. Die Kernfrage: Was ist eigentlich systemdienlich?


Die Projektwerber drängen auf eine pragmatische Lösung wie in Deutschland, wo quasi alle Speicher bis auf Widerruf als systemdienlich gelten. Das wird es nach Informationen der „Presse“ in Österreich sicher nicht spielen. „Bei der Frage, wer zwanzig Jahre lang von den Netzgebühren befreit werden soll, gehen wir sehr bedacht vor“, sagt E-Control-Chef Alfons Haber. Zwei Dekaden seien eine lange Zeit, die Förderung könnte teuer kommen. Vor allem für jene, die den Netzausbau dann weiterhin bezahlen müssten, bremst der Regulator.


Regulator steht auf der Bremse


Genau vor diesem Szenario graute den Investoren von Beginn an. „Da entstehen Regularien, die den Markt nicht anspringen lassen“, warnt Paierl. Angehende Speicherbetreiber warnen vor einem „Bauchfleck“ und einem „Bürokratiemonster“, das es ihnen unmöglich mache, als „systemdienlich“ zu gelten. Auch im Büro von Energiestaatssekretärin Elisabeth Zehetner soll die Begeisterung über den Regulator dem Vernehmen nach nicht sonderlich groß sein.


Kommen die Batteriespeicher nicht, koste das jeden Haushalt hunderte Euro, warnt die Branche. Die Idee, mit zusätzlichen Speichern den Druck aus dem System zu nehmen, werde ad absurdum geführt, wenn man deren Bau mit zu strikten Anforderungen verhindere.


Klage steht im Raum


Ganz so eindeutig ist die Rechnung aber nicht, sagt APG-Vorstand Gerhard Christiner. „Wir werden die Speicher brauchen und wir können damit die Kosten um ein Drittel senken. Aber nur, wenn es richtig gemacht wird“, meint er. Modellrechnungen der APG hätten gezeigt, dass Batteriespeicher-Betreiber, die ihr Geschäft rein nach Marktpreisen optimieren, das System nicht billiger, sondern sogar teurer machen. Österreich wird in den kommenden 15 Jahren einen Bedarf von drei bis fünf Gigawatt an Batteriespeicherleistung haben. Das ist ein Bruchteil der Projekte, die auf den Startschuss lauern.
So leicht wollen sich die Batterie-Goldgräber aber nicht abspeisen lassen. Vor allem die Sonderkonditionen für die Pumpspeicher der etablierten Energieversorger sind ihnen ein Dorn im Auge. Laut Gesetz gelten sie künftig genauso als Speicher, wie die Großbatterien auch und müssten deshalb dieselben Kriterien erfüllen, um (weiter) bei den Netzgebühren bevorzugt zu werden.
Um das zu umschiffen, wird der Regulator den Pumpspeichern eine eigene Regelung in die Verordnung schreiben, erzählen Insider. Sollte es so weit kommen, dürfte die Batteriebranche juristisch zurückschlagen. Das Vorgehen sei „klar europarechtswidrig“, heißt es aus den beauftragten Anwaltskanzleien. Die offizielle Begutachtung der Verordnung läuft bis September. Ein heißer Sommer scheint garantiert – ganz egal, wie das Wetter wird.

Von Matthias Auer

Die Presse