Energie. In Wittau wird Gas aus fünf Kilometern Tiefe geholt. Das Vorkommen soll 15 Jahre lang genutzt werden. Die Regierung zeigt sich begeistert über eine potenzielle Verdoppelung des Eigenversorgungsgrades.
Eine große geschotterte Fläche inmitten von saftigen Feldern, Zäune, Container, Tanks, viele Rohre, Blitzableiter und viele Warnschilder. An der Oberfläche sieht das Gasfeld Wittau, wenige Kilometer außerhalb Wiens, nicht besonders spektakulär aus. Am Montag versammelte sich hier dennoch politische und wirtschaftliche Prominenz vom Bundeskanzler abwärts, um das „First Gas“ zu feiern.
Von 7 auf 14 Prozent
Die OMV holt hier ab sofort so viel Erdgas aus dem Boden, dass die gesamte österreichische Erdgasproduktion gleich um 50 Prozent gesteigert wird. Das klingt spektakulär. Der heimische Eigenversorgungsgrad bei Erdgas beträgt derzeit allerdings nur 7 Prozent. Durch die Förderung in Wittau soll der Anteil in der ersten Ausbaustufe auf etwa 10 Prozent steigen, später (Phase 2 und 3) soll der Eigenversorgungsgrad 14 Prozent erreichen und sich somit gegenüber heute verdoppeln.
15 Jahre lang kann man aus heutiger Sicht Gas fördern. Das gesamte Vorkommen wird auf 48 Terawattstunden geschätzt. Zum Vergleich: Je nach Strenge des Winters werden in Österreich jährlich 75 bis 81 Terawattstunden verbraucht.
Geopolitische Überlegung
Die Begeisterung über die Nutzung des heimischen Gasvorkommens ist dennoch groß. „Eine leistbare und verlässliche Energieversorgung ist wichtig für Wirtschaft, Wohlstand, Arbeitsplätze und die Stabilität unseres Landes“, sagt Bundeskanzler Christian Stocker bei der Eröffnungsfeier in Wittau.
Der Iran-Krieg hätte allen vor Augen geführt, wie schnell sich Dinge ändern können. „Konflikte können uns unmittelbar treffen, auch wenn sie geografisch weit entfernt sind.“ Die Regierung trete dafür ein, heimische Ressourcen intensiver zu nutzen. Stocker will künftig auch das Verbot der Speicherung von Kohlendioxid aufheben. „Versorgungssicherheit ist entscheidend für Unternehmen, die sich in einem Land ansiedeln wollen“, sagt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Der Ausbau der heimischen Gasförderung sei ein wichtiger Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit und Krisenresilienz.
OMV-CEO Alfred Stern hebt hervor, wie sehr sich der Konzern seit 2022 um eine Diversifizierung seines Gasportfolios bemüht. In das Projekt Wittau seien 150 Millionen Euro investiert worden. Bei einem Vollausbau werde noch mehr Geld fließen.
Das Engagement stehe aber nicht im Widerspruch zur Energiewende. Die OMV strebe weiterhin ihr Netto-Null-Ziel 2050 an. Gas werde aber für die Industrie, zur Integration volatiler erneuerbarer Energien in das Stromnetz sowie Fernwärme dringend benötigt, so Berislav Gazo, Leiter des OMV-Energiebereichs. „Wir investieren viel in erneuerbare Energie, an fossiler Energie kommen wir aber nicht vorbei“, sagt Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner.
Kritik kommt von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die OMV solle lieber in Klimaschutz investieren statt in den Ausbau des Gasgeschäfts. Auch bei einigen Anrainern herrscht Skepsis.
Idealer Zeitpunkt
Angesichts der weltweit angespannten Versorgungslage kommt die Gasförderung in Wittau jedenfalls zum richtigen Zeitpunkt. 2023 hatte die OMV das seit Jahrzehnten größte Erdgasvorkommen in Österreich entdeckt. 2025 gab es die Investitionsentscheidung für die Förderung. Nun beginnt die Produktion. „Es ist sehr flott gegangen“, sagt Gazo.
Das Gas kommt über zwei fünf Kilometer tiefe Bohrungen zur Erdoberfläche, wo es getrocknet wird, und durch eine zwölf Kilometer lange neue Leitung zur OMV-Gasstation Aderklaa fließt. Dort wird das Gas entschwefelt und in das Erdgasnetz eingespeist – und das noch vor dem kommenden Winter. Die Befüllung der heimischen Speicher für die kalte Jahreszeit wird angesichts der hohen Gaspreise herausfordernd genug.
Kurier



