„Antwort auf Gaskrise ist Kernkraft“

24. April 2026

EU. Der Irankrieg hat „die gravierendste Angebotskrise am Rohstoffmarkt seit 50 Jahren“ ausgelöst, sagt Energieminister Miłosz Motyka in Warschau.



Die Presse: Der Krieg im Persischen Golf hat eine Energiekrise ausgelöst, die auf Europa zurollt. Wie besorgt sind Sie?
Miłosz Motyka: Die Krise rollt nicht auf uns zu, sie ist bereits da. Und es ist die gravierendste Angebotskrise auf dem Rohstoffmarkt seit mehr als fünfzig Jahren. Die Blockade der Meerenge von Hormus ist ein Faktor, hinzu kommen aber die begrenzten Raffineriekapazitäten der Golfstaaten. Besonders ernst ist die Lage beim Kerosin.


Gilt das auch für Diesel?
Ja. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat Europa mehr als dreißig Raffinerien geschlossen. Einen erheblichen Teil seiner Kraftstoffimporte bezog Europa deshalb aus dem Nahen Osten. Das spiegelt sich jetzt in den Preisen wider. Noch meldet kein Land Versorgungsengpässe, aber je länger die Krise andauert, desto realer wird das Risiko. Einzelne Entscheidungsträger schließen bereits Dieselknappheit in bestimmten Ländern nicht aus. Heute besteht dieses Risiko in Polen noch nicht – laufende Lieferverträge sind rechtzeitig abgeschlossen worden.


Woher kommen diese Lieferungen?
Auch aus dem Nahen Osten – allerdings nicht über die Straße von Hormus, sondern über den Hafen Yanbu. Unsere Lieferungen sind also nicht direkt von der Blockade betroffen, werden aber aufgrund der allgemeinen Krisendynamik teurer.


In einigen europäischen Ländern, auch in Österreich, werden die Rufe lauter, die Sanktionen gegen Russland zu überdenken und russische Energielieferungen wieder aufzunehmen. Wie stehen Sie dazu?
Wir kaufen keine russische Energie, weil wir Putins Rüstungsapparat nicht finanzieren wollen, der sich früher oder später gegen uns richten wird. Und weil es kurzsichtig wäre: Man endet zwangsläufig dort, wo wir 2021 und 2022 gelandet sind, nämlich bei extremen Energiepreisen. Russland betrachtet Rohstoffexporte nicht als gemeinsames Gut, sondern als Instrument zur Erpressung.


Würde Polen ein Veto einlegen, sollte die Diskussion auf EU-Ebene in diese Richtung gehen?
Ja – und nicht nur Polen. Zum Glück gibt es keine breite Debatte darüber. Es sind Einzelstimmen, die unabhängig von der aktuellen Golfkrise aufgetaucht wären. Die Regierung von Viktor Orbán hatte klar gemacht, dass Ungarn russisches Öl will. Nicht weil es billiger wäre, die Preise an Budapester Tankstellen lagen über denen in Warschau, sondern weil das ihrem politischen Interesse diente.


Welche Maßnahmen ergreift Polen, um die Belastung für Verbraucher zu dämpfen?
Polen hat in Europa den stärksten Mechanismus zur Steuerentlastung eingeführt. Gleichzeitig haben wir Höchstpreise festgesetzt. Kritiker sagen, Steuersenkungen seien allenfalls eine Kurzzeitmaßnahme ohne strukturelle Wirkung.
Wir hoffen, dass es eine kurzfristige Krise ist. Aber sie sendet ein Langzeitsignal: Wir müssen Teile des Verkehrssektors elektrifizieren, wo immer das wirtschaftlich sinnvoll ist, und die Lieferquellen weiter diversifizieren. Das sind die strukturellen Antworten. Der Schutz der Verbraucher ist die Kurzfristantwort.

Besteht nicht die Gefahr, dass man durch Diversifizierung nur eine Abhängigkeit gegen eine andere tauscht?
Das Lieferportfolio muss so breit wie möglich sein. Das zeigt sich bereits beim Gas: Wir können katarische Gaslieferungen sehr kurzfristig durch andere Quellen ersetzen. Das Ziel bleibt langfristig die Elektrifizierung und die Nutzung erneuerbarer Energien – einschließlich Speicherung –, gestützt auf gesicherte Kapazitäten aus der Kernkraft. Das ist eine Langfriststrategie, die wirken wird.

Und die Rolle von Solar- und Windenergie?
Bei den erneuerbaren Energien sollten wir uns nicht in ideologische Debatten über Sinn und Unsinn des Green Deal der EU verzetteln. Es geht schlicht und ergreifend um die Wirtschaftlichkeit. Ungeachtet der politischen Bewertung des Green Deal verzeichnen wir Rekordzuwächse bei der Photovoltaik, weil sie sich für die Menschen rechnet. Sie installieren Solaranlagen, um ihre Stromrechnung zu senken.

Polen galt als einer der skeptischeren EU-Mitglieder beim Thema Energiewende. War das rückblickend ein Fehler?
Nein. Polen verfolgt eine rationale Politik. Wir brauchen stabile Kapazitäten. Aus Krisenszenarien wie dem aktuellen folgt, dass wir eigene Ressourcen nutzen müssen. Hinzu kommt eine entscheidende soziale Dimension: Kohlekapazitäten sollten so lange erhalten bleiben, bis Kernkraft die Versorgungssicherheit übernehmen kann. Gleichzeitig müssen Arbeitsplätze, die im Bergbau wegfallen, durch neue in der Industrie oder in verwandten Sektoren ersetzt werden – das ist der Kern einer gerechten Energiewende. Dieser Übergang findet in Polen statt. Der Anteil erneuerbarer Energien wächst – im Energiemix, in der Industrie. Und er wächst in einem Tempo, das europaweit führend ist.


Erwarten Sie eine Renaissance der Kohle in Europa?
Nein. Kohle ist schlicht zu teuer.


Aber wenn es sechs Monate lang keinen Gasnachschub gäbe?
Dann könnte bzw. müsste man stillgelegte Kraftwerksblöcke reaktivieren. Aber die strukturelle Antwort auf Gasmangel ist Kernkraft.


Reaktorblöcke zu bauen, dauert Jahre. Damit lässt sich keine akute Krise bekämpfen.
Wir werden sehen, wie sich die Technologie der kleinen modularen Reaktoren entwickelt. Für Polen gilt: Wir haben bereits einen Vertrag für SMRs unterzeichnet. Das erste europäische Design soll speziell auf den polnischen Energiemarkt zugeschnitten sein. Polen wird als erstes europäisches Land in der Lage sein, diese Technologie zu implementieren, und das in absehbarer Zeit.


Was erwarten Sie in dieser Lage von der EU?
Wir brauchen mehr Flexibilität für die Mitgliedstaaten, vor allem bei der Mehrwertsteuer. Wir senken Steuern, weil die Bürger spüren müssen, dass der Staat auf ihrer Seite steht. Und weil hohe Energiepreise direkt in die Inflation einfließen. Hohe Inflation ist ein Treibstoff für Populisten.


Sollte die EU beim Emissionshandel kurzfristig mehr kostenlose ETS-Zertifikate vergeben, um die Industrie zu entlasten?
Natürlich. Denn was wäre die Alternative? Wenn die Industrie die Kosten nicht tragen kann, verlagert sie sich und produziert dann anderswo unter weitaus schlechteren Umweltstandards. Europa diskutiert, ob der Klimawandel schlimm ist, während dieselbe Produktion in Ländern ohne Regeln stattfindet. Wenn wir wollen, dass Industrie in Europa bleibt, müssen wir ihr wettbewerbsfähige Bedingungen bieten. Deshalb fordern wir mehr kostenlose CO2-Zertifikate.


Zur Person: Miłosz Motyka. Der Umweltingenieur ist in der polnischen Regierung seit 2025 für Energiethemen zuständig.

Von Michael Laczynski

Die Presse