Nicht nur die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik schiebt der Austrian Power Grid (APG) nun einen Riegel vor.
„Grün“ waren sich Franz Theurl, Obmann des Tourismusverbands (TVB) Osttirol, und Renate Hölzl, Obfrau des Vereins Osttirol Natur, selten. So gingen die Wogen hoch, als es um eine Erschließung am Schlossberg samt Schlägerung alter Obstbäume ging. Umso enger suchen die beiden nun den Schulterschluss. Flankiert werden sie von einer Allianz aus Gemeinden, Grundeigentümern, Raumplanern, Sachverständigen und Anwälten – eine für Osttirol ungewöhnliche Runde präsentierte sich am 20. April auf einer Pressekonferenz. Im Fokus steht der Neubau der 220-kV-Stromtrasse vom Umspannwerk Lienz ins Belluno. Die Bestandsleitung ist über 50 Jahre alt und entspricht laut Betreiber Austrian Power Grid (APG) nicht mehr dem Stand der Technik.
Ins Visier der Kritiker rückte von Beginn an die Höhe der neu zu errichtenden 120 Masten mit bis zu 65 Metern, vor allem aber die geplante Trassenführung in Obertilliach und am Seehügelkamm bei Tristach. „Das Landschaftsbild wird für Generationen zerstört“, zürnte Theurl, als er das Thema erstmals bei der Lienzer Gemeinderatssitzung im Juli 2025 aufwarf. Nun blickte der Touristiker auf die Geschichte seines Protestes zurück. Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) wurde im Kolpingsaal Lienz verhandelt, wo der TVB als Kläger für die Natur auftrat.
Mitte Februar folgte die Ernüchterung: Das Land erteilte den positiven UVP-Bescheid für das auf 280 Millionen Euro geschätzte Projekt. Ein Einspruch des TVB war nicht mehr möglich. Theurl: „Uns wurde die Parteienstellung entzogen, mit der Begründung, wir seien kein Grundbesitzer.“ Der TVB-Obmann verwies darauf, dass man seit rund 50 Jahren den Talboden-Rundwanderweg am Tristacher See pflegt. Vor drei Jahren wurde er gemeinsam mit Wanderlegende Walter Mair erneuert. Auch bauliche Maßnahmen wurden gesetzt, weshalb man Berufung eingelegt hat: „Der Weg wird zerstört, das Naturdenkmal Alter See ebenso. Die Natur kann sich erholen, das Landschaftsbild nicht.“
Theurl fordert seit Beginn, Teile der 33,5-Kilometer-Leitung als Erdverkabelung auszuführen – auch im Sinne des „Tiroler Wegs“, für den Osttirol steht. Bei anderen Projekten in Nord- und Südtirol wurde Erdverkabelung bereits umgesetzt. Auch im Belluno müsse die 220-kV-Leitung aus dem Blickfeld verschwinden: „Dort ist Erdverkabelung Standard, Ausnahmen müssen besonders begründet werden.“ Die APG weist diese Forderungen jedoch stets zurück: zu teuer, zu aufwendig und zu wartungsintensiv sei eine Verlegung ins Erdreich.
Zur zentralen Figur wird Naturschützerin Renate Hölzl. Als Vertreterin einer NGO hat sie Parteienstellung und legte fristgerecht Einspruch ein, zuletzt am 27. März. „Wir alle wollen eine sichere Stromversorgung. Aber es darf nicht sein, dass lebenswichtige Ressourcen zerstört werden, damit Betreiber noch mehr Geld scheffeln“, so die Biologie-Professorin. An ihrer Seite steht die Tristacher Bio-Bäuerin Brigitte Amort, die seit 2022 gegen die APG kämpft. Sie spricht von Täuschung des Gemeinderats und Druck auf Grundbesitzer. Auch die Politik positioniert sich. Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik (SPÖ) und Obertilliachs Bürgermeister Mathias Scherer nahmen an der Presserunde teil. Blanik: „Ich vertrete das öffentliche Interesse. In meinem Gemeinderat gibt es keine Fraktion gegen Erdverkabelung.“ Scherer: „Unser Dorf lebt vom Tourismus. Masten im Blickfeld wären ein massiver Einschnitt.“
Theurl und seine Mitstreiter holten Expertise ein, etwa von Raumplaner Robert Unglaub. Dieser verweist auf die Alpenkonvention, die besondere Rücksicht auf unversehrte Gebiete verlangt. Laut ihm wurden die Vorgaben nicht eingehalten. Zudem kritisiert er die Aufteilung in elf Teilabschnitte, wodurch das Projekt insgesamt als verträglich eingestuft wurde. Auch die Begründung der APG für die Ablehnung der Erdverkabelung greift er an: Die Variantenprüfung sei unrealistisch gewesen. „Thema verfehlt“, so Unglaub. Rechtsanwalt Wolfram Schachinger, nun für den Verein Osttirol Natur tätig, kritisiert Mängel im UVP-Verfahren. Es fehle eine echte Alternativenprüfung. Zudem sieht er mögliche Verstöße gegen EU-Recht: Der Fall könne bis zum Europäischen Gerichtshof gehen. Ingenieur Gerald Altenweisl präsentierte schließlich Erdverkabelungsvarianten für Tristach, Amlach und Leisach. Bei günstigen Bodenverhältnissen reiche eine Tiefe von zwei Metern: „Das ist keine Raketenwissenschaft.“ Statt 26 Hektar würden maximal 0,9 Hektar beansprucht, zudem entfielen rund 50 Masten.
Die Kosten der rund zehn Kilometer Erdleitung stufte Altenweisl als „nicht überbordend“ beziehungsweise vergleichbar mit der Freitrasse ein. Blanik und Theurl verwiesen darauf, dass es sich um eine reine Export- und keine Versorgungsleitung handle, was die APG stets anders darstelle. Und: „Die APG macht über zwei Milliarden Euro Gewinn im Jahr. Es geht nicht um die Kosten, sondern ums Recht.“
Apropos Recht: „Die Beschwerde von Frau Hölzl hat aufschiebende Wirkung. Ohne Genehmigung kann die APG nichts machen“, erklärte Anwalt Schachinger das weitere Vorgehen. Für Theurl geht der Kampf nun erst richtig los: „Wir verfolgen das bis zum Ende. Wenn es sein muss, bis zum Europäischen Gerichtshof.“ Beistand von Umweltschützern und Politik ist ihm dabei gewiss. Blanik: „So eine Runde habe ich noch nie erlebt. Wir sind sonst selten einer Meinung – das zeigt, dass die APG falsch liegt. Diese Allianz ist bemerkenswert.“
Von André Schmidt
Kleine Zeitung



