Fünf Jahre nach Baustart ist die Erweiterung der Kraftwerksgruppe in der Zielgeraden. Beim Lokalaugenschein offenbaren sich die Dimensionen.
Die Lkw am Grund des künftigen Speichersees Kühtai wirken wie Spielzeugautos und es ist wie ein Blick in einen Abgrund: Wenn man am 113 Meter hohen Damm steht, offenbaren sich die gigantischen Ausmaße des Erweiterungsprojekts Kühtai.
1,1 Milliarden Euro investiert die Tiwag in den neuen See mit 31 Millionen m³, in das Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 sowie einen 25,5 Kilometer langen Beileitungsstollen aus dem mittleren Ötztal bzw. dem hintersten Stubaital. „600 Mitarbeiter und etwa 50 Erdbaugeräte sind hier am Werk“, erzählt Bauleiter Andreas Winkler. Sein Kollege und Projektleiter Klaus Feistmantl erklärt den wesentlichen Nutzen: „Es geht um ein stabiles Stromnetz, Erzeugung und Verbrauch müssen jederzeit im Gleichgewicht sein.“
Nach oben pumpen, wenn Sonne und Wind liefern
Mit Pumpspeicherkraftwerken werde ein wichtiger Beitrag geleistet, weil man Überschussstrom aus Sonne und Wind speichere und später damit wieder flexibel Strom erzeugen könne.
Möglich machen dies die erwähnten Neuerungen in Kombination mit der bereits 1981 in Betrieb genommenen Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz samt den Speichern Finstertal (60 Millionen m³) und Längental (3 Millionen m³).
Schon im Juni wird nun begonnen, den neuen Speichersee Kühtai zu füllen, im August ist der Probebetrieb der Maschinen geplant. Die Befüllung erfolgt unter den „Augen“ von 200 Messgeräten bzw. Messpunkten im Damm und wird erst 2027 abgeschlossen sein.
Das Kraftwerk selbst befindet sich in einer riesigen Felskaverne (65 Meter lang, 25 Meter breit, 40 Meter hoch). Herzstücke sind zwei Pumpturbinen mit 190 Megawatt, die bis zu 90 m³ Wasser pro Sekunde verwerten können. „Entweder treibt die Turbine einen Generator an und es wird Strom erzeugt. Im Pumpbetrieb wird hingegen der Generator zu einem Motor, der Strom aus dem Netz aufnimmt“, erklärt Winkler die doppelte und schnell umschaltbare Nutzung.
Bei „Blackout“ ist ein Alleinstart möglich
Das Megaprojekt ist auch eine Rückversicherung für den Fall eines „Blackouts“. Wie auch bei den Kraftwerken Kaunertal und Achensee ist sogar ein „Schwarzstart“ möglich, also ein Neustart ohne Energie von außen.
Die Motorgeneratoren stammen vom Grazer Unternehmen Andritz. Die Umrichter, Steuerungs-und Energieverteilungssysteme für die Pumpstationen kommen von Siemens, viele weitere heimische Firmen lieferten Komponenten.
Was bedeutet die Kühtai-Erweiterung für Tirol? Zusätzlich werden rund 216 Millionen kWh pro Jahr erzeugt. Aussagekräftiger ist, dass so ein Fünftel der Verbrauchsspitzen im Land abgedeckt werden können. Der Vollbetrieb ist nach den Probestauphasen für Ende 2027 geplant.
Kronen Zeitung



