Die Lehren aus Fukushima scheinen verpufft, auch die EU will wieder stärker auf die zwischenzeitlich verpönte Energieerzeugung setzen. Die Gefahren, die mit der Atomkraft einhergehen, bleiben aber unverändert. Neue Krisen vergrößern sie sogar.
Der Blick in die Präfektur Fukushima 15 Jahre nach der verheerenden Nuklearkatastrophe zeigt den wahren Preis der Atomenergie: Zonen, die bis heute unbewohnbar sind und es auf Jahrzehnte bleiben werden; Menschen, die nie wieder in ihr einstiges Leben zurückkehren können. Das Areal des Atomkraftwerks selbst ist voll von Containern mit radioaktiv kontaminiertem Grundwasser, das nun ins Meer gepumpt wird. Noch immer ist unklar, wann mit den Aufräumarbeiten der stark radioaktiven Brennstofftrümmer in den zerstörten Reaktoren begonnen werden kann.
Fukushima führte der Weltgemeinschaft vor Augen, dass Tschernobyl nicht ein isolierter, singulärer Ausreißer in der Atomkraftnutzung ist. Unfälle dieser Art können immer wieder passieren. Die Erkenntnis führte in Japan und Teilen Europas zu einem Rückzug aus der Atomkraft, der, wie sich herausstellt, keineswegs endgültig war. Das Pendel schwingt nun wieder zurück. Propagiert werden kleine, modulare Atomanlagen (SMRs), die neben der Deckung des Energiebedarfs für künstliche Intelligenz auch als Ersatz für fossile Brennstoffe dienen sollen. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Japan und die USA ein Milliardenprojekt in diesem Bereich planen. Der durch den neuen Nahostkrieg hohe Ölpreis verleiht nur weiteren Rückenwind.
Unermüdliches Lobbying
Eine kürzliche Veranstaltung des Energiecluster der Wiener Universität für Bodenkultur beleuchtete diese Renaissance der Atomkraft. Unter dem Titel „Zwischen Reaktor und Rotor. Energiesicherheit im Krisenzeitalter“ verwiesen Forschende des Institutes für Sicherheits- und Risikowissenschaften (Boku-ISRW) sowie Gäste darauf, dass die grundlegenden physikalischen, technologischen und ökonomischen Realitäten der Atomkraft nicht durch neue Rahmenbedingungen, Reaktorkonzepte oder unermüdliches Lobbying ausgehebelt werden können. Neue Phänomene eines Krisenzeitalters vermehren letztendlich die Unberechenbarkeit sogar.
Neben dem Gastvortragenden Katsuya Yamori des Disaster Prevention Research Institute von der Kyoto University, der den Perspektivenwandel zur Atomkraft in Japan nachzeichnete, wurden in Impulsvorträgen von Risikoforschern des Boku-ISRW vier Aspekte hervorgehoben, die die Nuklearenergie in aktuelle Kontexte einordneten.
Nikolaus Müllner betonte, dass beiden großen Unfällen fatale Planungsfehler vorausgingen. In Tschernobyl hat man die Leistungskurve des Reaktors nach dem Auslaufen des Kühlwassers völlig falsch eingeschätzt. In Fukushima lag man bei der Höhe der größten erwartbaren Flutwelle weit daneben. Dazu kamen Mängel bei Aufsicht und Betrieb. „Werden wir jemals Reaktoren haben, die Fehler verzeihen?“, fragte Müllner. „Wenn das nicht so ist – was ich glaube – besteht weiterhin ein großes Risiko.“
Atom und Krieg
Das Fehlerrisiko steigt zudem rapide, wenn das AKW in einer Kriegsregion liegt. Aufgrund des Ukraine-Kriegs ist das Kraftwerk Saporischschia im Dauerausnahmezustand. Gleichzeitig entstehen auch mit den täglichen Angriffen im Nahen Osten neue Risiken. „Man braucht einen Zugang zur Wärmesenke. Man braucht Energie, um Sicherheitssysteme zu betreiben. Man ist auf Personal angewiesen. Es geht um Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Wartung. All diese Sachen untergräbt der Krieg“, sagt Bernd Hrdy. Ist zuständiges Personal nicht vor Ort, kann das den Unterschied zwischen Kernschmelze und Reaktorstabilisierung nach einem Angriff machen, wie eine Fallstudie des Forschers zeigt.
Gleichzeitig ist die Atomkraft selbst ein Kind des Krieges. Friederike Frieß erinnerte an das genuine Naheverhältnis von militärischer und ziviler Nutzung. Alle relevanten Technologien wurden in militärischen Programmen entwickelt und bis heute überschneiden sich hier die zivile und militärische Sphäre in relevanten Teilen – eine Problematik, die laut Frieß „niemals weggehen“ werde. Daraus folgt, dass „jedes zivile Kernenergieprogramm immer auch die Hürden für ein militärisches Programm senkt“.
Dazu kommt, dass der Nuklearstrom kaum die beste Lösung für moderne Energiesysteme darstellt, argumentiert Markus Drapalik. Er verweist darauf, dass das Abdecken einer Grundlast – also ein Mindestbedarf, der rund um die Uhr besteht – in Zeiten erneuerbarer Energieformen eine „historische Idee“ sei. In der heutigen Welt brauche es Kraftwerke, die im Teillastbetrieb die Erneuerbaren ergänzen. AKWs zahlen sich aber vor allem dann aus, wenn sie laufend ausgelastet sind.
Lehren aus Fukushima
Im von Naturkatastrophen gebeutelten Japan kommt der Sozialpsychologe Katsuya Yamori zu einem besonders starken Argument für die Energiewende – jenem der Resilienz. Denn ein nicht zu unterschätzender Teil des Energiedramas Japans ist, dass die nach Fukushima aufgelassene Kernkraft überwiegend mit fossilen Energieträgern ersetzt wurde, die darüber hinaus fast ausschließlich aus dem Ausland importiert werden mussten.
Obwohl Japan sich ein Ziel von 30 Prozent bis 2030 gesetzt hat, liegt der Anteil der Erneuerbaren aktuell lediglich bei zehn Prozent, erklärt Yamori. Dafür sind zehn der insgesamt 60 Reaktoren Japans, die nach dem Unfall abgeschaltet wurden, nun wieder am Netz. Weitere Reaktoren sollen bald folgen.
Yamori stellt dieser Realität eine weitere Katastrophenerfahrung gegenüber: Als 2024 ein Erdbeben die Halbinsel Noto traf, starben zwei Drittel der Opfer nicht durch das Beben selbst, sondern später an den Folgen fehlender Energie- und Wasserversorgung. Diese Erfahrung führte schließlich zu einem Wandel in der Infrastrukturplanung in Richtung dezentraler Strukturen wie Wasseraufbereitungsanlagen, Solaranlagen, Batteriespeicher und Microgrids.
„Ein dezentrales Energiesystem ist erforderlich – einerseits für die Energiewende, andererseits für die Katastrophenresilienz. Selbst wenn eine Gemeinde von der Außenwelt abgeschnitten ist, kann sie überleben, sofern sie über eine weitgehend unabhängige, autarke Energieversorgung verfügt“, sagt Yamori. „Diese Entwicklung wird in einigen ländlichen Gemeinden Japans nun bereits Realität.“ Zu den Katastrophentrainings gehört es nun auch, medizinisches Notfallequipment zur Energieversorgung an die Batterie eines Elektroautos anzuschließen. Zumindest in Japan wurde neben dem Klimawandel auch der Katastrophenschutz zum zentralen Treiber der Energiewende.
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