Steigen die Strompreise, folgt oft der Ruf nach Markteingriffen. Dabei zeigen die Entwicklungen im Iran und die Sperre der Straße von Hormuz vor allem eines: Geopolitische Konflikte treiben die Energiepreise. Auch die österreichische Bundesregierung fordert eine Strommarktreform auf EU-Ebene. Das Argument: Trotz viel erneuerbarem Strom bestimmen teure Gaskraftwerke weiter den Preis. Der Vorschlag: eine Entkopplung von Strom- und Gaspreisen. Doch so einfach ist es nicht.
Der europäische Strommarkt koordiniert Millionen von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern – von Lissabon bis Istanbul, rund um die Uhr. Auch Knappheit wird dort sichtbar – in Form höherer Preise. Eingriffe in dieses komplexe System können schnell nach hinten losgehen. Im besten Fall wird es dann „nur“ teurer, im schlimmsten ist die Versorgungssicherheit in Gefahr. Wenn Kraftwerke und Speicher nicht mehr wissen, ob sich ihr Betrieb rechnet, werden sie nicht gebaut oder betrieben.
Die Merit-Order wird in dieser Debatte oft als eine politische Vorschrift dargestellt. Tatsächlich beschreibt sie nur, wie Märkte funktionieren: Aus Angebot und Nachfrage bildet sich auf Basis von Grenzkosten der Preis. Dieses Prinzip zeigt sich bei vielen Gütern – von Getreide bis hin zu Cloud Computing. Es sorgt dafür, dass immer der günstigste verfügbare Anbieter zum Zug kommt – das hat Europa lange niedrige Strompreise und eine hohe Versorgungssicherheit gebracht.
Wer Strompreise nachhaltig senken will, muss die Ursachen angehen: Engpässe im europäischen Netz, zu wenig erneuerbare Energie im Winter und die Abhängigkeit von fossilen Importen. Solange Gas zur Stromerzeugung nötig ist, bleibt es ein Preistreiber. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie entkoppeln wir Strom vom Gas?“ Sondern: „Wie sorgen wir dafür, dass wir Gas immer seltener brauchen?“
Politisch gedrückte Preise wirken punktuell, mehr erneuerbare Erzeugung, stärkere Netze und größere Speicher aber langfristig. Deshalb machen sich diese Investitionen schnell bezahlt.
Barbara Schmidt ist Generalsekretärin von Oesterreichs Energie.
b.schmidt@oesterreichsenergie.at
Tiroler Tageszeitung




