Ölstau

9. März 2026

Der Krieg im Iran blockiert die Straße von HORMUS – einen Handelsweg, durch den ein Fünftel des globalen Öl- und Gashandels verkehrt. Ist das der Beginn einer neuen globalen Wirtschaftskrise?


„E in Kunde hat bei uns im Wert von 400 Euro getankt – den Wagen vollgemacht und mitgebrachte Kanister dazu. Die ganze Schicht über konnte ich mich keinen Zentimeter von der Kassa wegbewegen.“ Die Mitarbeiterin einer Tankstelle in Braunau am Inn beschreibt ihren unüblichen Wochenenddienst. Die Autos, meist mit deutschen Kennzeichen, standen vor den Zapfsäulen meterweit Schlange – bis zum nächsten Kreisverkehr und darüber hinaus. Bevor die Ölpreise noch mal in die Höhe schnellen, wollen viele Menschen so viel Benzin wie möglich tanken. Deutsche Autofahrer kommen über die Grenze, weil die österreichischen Preise derzeit noch unter zwei Euro pro Liter liegen – und damit um einiges niedriger sind als in der Bundesrepublik.


Als Vergeltung für die US-israelischen Raketenangriffe auf den Iran hat Teheran die Straße von Hormus geschlossen, jetzt sitzen die Öl-und Gastanker in der der Meerenge zwischen dem Oman und dem Iran fest. Die Blockade ist auf der ganzen Welt spürbar. Bis ins kleine Braunau in Oberösterreich. „Diese Panik ist total übertrieben“, meint die Tankstellen-Mitarbeiterin. Hat sie recht?


Dieser Krieg trifft die Weltwirtschaft täglich an vielen sensiblen Stellen – und das sieht man nicht nur am Ansturm deutscher Benzintouristen. Innerhalb einer Woche sind die Brent-Erdölpreise von 70 Dollar (etwa 60 Euro) pro Barrel auf nun etwa 83 Dollar (etwa 71 Euro) Barrelpreis gestiegen (Stand 5. März 2026). Die Gaspreise sind im gleichen Zeitraum von 32 auf über 50 Euro je Megawattstunde hochgeschnellt – ein Anstieg von rund 60 Prozent binnen weniger Tage. Für Europas Wirtschaft, die sich noch nicht vom letzten Energiepreisschock im Zuge des Ukraine-Kriegs erholt hat, ist das eine mittlere Katastrophe.


Das Nadelöhr


Am Samstagmorgen, dem 28. März, vibrieren die Smartphones mit Push-Nachrichten. Israel und die USA greifen den Iran an – trotz laufender Verhandlungen. Innerhalb weniger Stunden töten die US-israelischen Luftstreitkräfte Irans Obersten Führer Ali Chamenei und weitere hochrangige Führungspersonen. Der unmittelbare iranische Vergeltungsschlag richtet sich gegen Israel und die US-Stützpunkte in den umliegenden Golfstaaten. Experten kritisieren den US-israelischen Angriff sowie die iranischen Vergeltungsschläge gegen unbeteiligte Staaten im Golf als völkerrechtswidrig.


Denn nicht nur staatliche Einrichtungen Israels und der USA sind Ziel der iranischen Gegenoffensive, sondern auch Wirtschaft und Energie-Infrastruktur der benachbarten Golfstaaten. Der Drohnenangriff auf ein Rechenzentrum in den Vereinigten Arabischen Emiraten legte zeitweise das Internet in der Region lahm. Auf Social Media kursieren etliche Videos, die ein Luxushotel in Dubai in Flammen zeigen. Häfen in den Emiraten, in Bahrain und im Oman wurden getroffen. Iranische Drohnen setzten Öl-Raffinerien und Flüssiggas-Anlagen in Saudi-Arabien und in den Emiraten in Brand. Nach einem Drohnenschlag explodierte ein Treibstoff-Tanker im Hafen von Oman.


Die Lage bleibt seit Beginn der Eskalation am letzten Februarwochenende unübersichtlich. Nicht immer ist klar, ob die iranischen Angriffe bewusst auf bestimmte Einrichtungen gerichtet sind. Die Öl-und Gasinfrastruktur aber stellt ein klares strategisches Ziel der Islamischen Republik dar, meint der Ökonom und Iran-Experte Mahdi Ghodsi vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). „Der Iran bombardiert mit Kalkül Ölproduktionsstätten in der Region, damit der Ölpreis steigt“, erklärt er. Die Blockade der Straße von Hormus, der Meerenge zwischen Oman und dem Iran, ist Teil dieser Strategie.


Die Straße von Hormus bildet das geografische Nadelöhr, welches das Binnenmeer des Persischen Golfs mit der offenen See des Arabischen Meers – und somit dem Rest der Welt – verbindet. Auf Hunderten Frachtschiffen passieren rund 20 Millionen Barrel Rohöl täglich diese Meeresstraße – das ist in etwa ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs. Auch ein Fünftel des gehandelten Flüssigerdgases (LNG) sowie ein Drittel der weltweiten Düngemittelprodukte durchqueren die Straße von Hormus. Vom Golf aus transportieren die Tanker diese kritischen Rohstoffe in die ganze Welt. Allen voran nach Asien – nach China, Indien, Japan und Südkorea –, die gemeinsam etwa 70 Prozent der Öl-und Gaslieferungen aus der Hormus-Region einkaufen.


Aber auch die Europäische Union importiert Rohstoffe aus den Golfstaaten, wenn auch in geringerem Ausmaß. Das Flüssiggas aus Nahost deckt in etwa ein Zehntel des EU-Bedarfs. Der europäische Import von Hormus-Öl macht circa fünf Prozent aller Lieferungen vom Golf aus. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine festigte die EU ihre Handelsbeziehungen mit den arabischen Golfstaaten, um sich von russischem Öl und Gas unabhängig zu machen. Nun scheint auch diese Quelle zu versiegen.


Noch habe der Iran die Straße von Hormus nicht vermint, schätzt Ökonom Ghodsi. Da es im Iran kaum Internetverbindung und damit keinen Kontakt zu Informanten im Land gibt, kann er sich zwar nicht sicher sein. Doch das Regime hat angedroht, jedes Schiff, das die Straße durchfährt, niederzubrennen und bereits einige mit Drohnen attackiert. Wie viele, das lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Die große Unsicherheit hat auf den Handel aber den gleichen Effekt wie Unterwasser-Minen: Auf Satellitenbildern von der Straße von Hormus kann man die Auswirkungen im Zeitraffer nachvollziehen. Erst wimmeln die Tanker noch wie Ameisen in beide Richtungen durch den Meerweg. Dann wird das rege Hin und Her binnen weniger Stunden unterbrochen, und die Schiffe kommen auf beiden Seiten der Straße zum Stehen. Mindestens 200 Frachter mit etwa 4000 Menschen an Bord sitzen fest.


„Das iranische Regime ist von Anfang an ein Geiselnehmer-Regime. Sie haben schon 1979 und 1981 Geiseln genommen – etwa in der US-Botschaft. Sie haben ein halbes Jahrhundert lang die Iraner als Geiseln genommen. Jetzt nehmen sie die Weltwirtschaft als Geisel. Sie wollen damit der Welt ausrichten: Wenn die kriegerischen Angriffe auf den Iran nicht aufhören, werden wir eure Wirtschaft zerstören“, so Ghodsi.


Unsichere Zeiten


Die Blockade erinnert an 2022: Nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, verhängte die EU Sanktionen gegen den Aggressor, und Russland drehte den Gashahn zu. Die Handelsbeziehungen mit dem wichtigsten Öl- und Gaslieferanten der EU waren schlagartig gekappt. Darauf war man damals nicht vorbereitet. Die Energiepreise vervielfachten sich auf 120 Euro pro Barrel Erdöl und 340 Euro pro Megawattstunde Gas. Hohe Heiz-und Gaskosten belasteten im darauffolgenden Winter alle europäischen Haushalte und Betriebe.


Schon damals war es aber nicht nur das begrenzte Angebot, das die Kosten explodieren ließ, sondern auch die Ungewissheit, die der Krieg bei den Handelsparteien und den Transportversicherern auslöste.
So auch heute. „Normalerweise macht die Versicherungsprämie nur einen kleinen Teil der gesamten Transportkosten aus“, weiß Ökonom Ghodsi. Internationale Frachtschiffe sind für Risiken unterschiedlicher Art versichert: Maritime Versicherungen beispielsweise übernehmen Schäden am Schiff oder an der Crew sowie wegen Öl-Verschmutzungen oder Maschinenausfällen. Für Fahrten durch Konfliktzonen schließen Reeder zusätzliche Kriegsversicherungen, sogenannte War-Risk-Versicherungen, ab.


Doch der Iran-Krieg ist derzeit für Personal und Ladung eine kaum kalkulierbare Bedrohung. „Versicherer können das Risiko, bombardiert oder angegriffen zu werden, nicht einschätzen und daher auch nicht bestimmen, wie hoch die Versicherungsprämie sein sollte“, sagt Mahdi Ghodsi. Die Prämien der maritimen Versicherer stiegen innerhalb weniger Tage um bis zu 50 Prozent. Die War-Risk-Prämien sind inzwischen von rund 0,2 auf bis zu 1 Prozent des Schiffswerts gestiegen – bei einem 100-Millionen-Dollar-Tanker klettern die Mehrkosten pro Reise damit von etwa 200.000 auf rund eine Million Dollar. Versicherer wie Gard, Skuld, NorthStandard oder der London P&I Club ziehen daher ihre Kriegs-Deckung zurück. Das trägt dazu bei, dass der Schiffsverkehr in der Gegend zum Erliegen kommt und der üppige Aufschlag eingepreist wird.


„Die USA sollten Garantien geben, dass der Iran keine weiteren Angriffe auf die Straße von Hormus durchführen wird. Um eine solche Garantie zu ermöglichen, braucht es diplomatische Kanäle“, sagt Experte Ghodsi zur Situation im Persischen Golf. US-Präsident Donald Trump plant tatsächlich Garantien. Aber nicht gedeckt durch einen ausgehandelten Waffenstillstand oder gar ein Handelsabkommen. Der Präsident will den „gesamten Meereshandel“ in Nahost – genauer: die Schäden, die dort verursacht werden – durch US-Staatsausgaben decken. Die US-Navy soll darüber hinaus Schiffe aus der Straße von Hormus eskortieren, um den weiteren Handel aufrechtzuerhalten. Ob Trump Wort hält, ist freilich noch offen. Aber zumindest die US-Aktienmärkte beruhigten sich nach Donald Trumps Ankündigung ein wenig: Der Dow Jones verringerte sein Minus von zeitweisen 1200 Punkten auf nunmehr minus 486 Punkte.


Auch auf höchster europäischer Ebene werden die Preisentwicklungen genau beäugt. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte sich zum Ziel, die Inflation nach der letzten Energiekrise wieder in den Griff zu bekommen. Und tatsächlich: Kurz vor Kriegsbeginn lag die Inflationsrate bei etwa 1,9 Prozent. Der Iran-Krieg rückt dieses Ziel und die ursprünglich diskutierte Zinssenkung für März 2026 jedoch wieder in weite Ferne.


Mitgetankt


Zurück zur Tankstelle in Braunau: Die Warteschlange ist mittlerweile kürzer geworden. Übrig bleibt aber die Frage, ob das Benzin-Hamstern überschießender Alarmismus ist oder doch gelernte Vorsicht: Die Spritpreise sind seit Sonntag um fast zehn Prozent gestiegen. Allein: Vielleicht sind die Preise noch gar nicht so hoch, wie die Tankstellen es vermuten lassen. Autoclubs kritisieren, dass der Spritpreis sprunghaft in die Höhe geschossen ist, obwohl viele Energie-Unternehmen eigene Öllager und Raffinerien besitzen, sie also nicht so schnell vom Krieg im Iran betroffen sein dürften. Gleichzeitig korrigieren Tankstellen die Preise weit weniger rasch nach unten, wenn der globale Ölpreis wie vergangenes Jahr sinkt.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat deshalb eine Prüfung der Tankstellenpreise angekündigt. Vielleicht ist also nicht die Reaktion der Bevölkerung übertrieben, sondern der saftige Spritpreis.