77 Prozent der Flüsse in Österreich ungeschützt

3. November 2026, Wien
Wasserkraftwerke können den Wasserstand in Flussbetten verringern
 - Flachauwinkl, APA/THEMENBILD

Drei Viertel der ökologisch wertvollen Flussstrecken in Österreich sind ungeschützt. Das geht aus einem aktuellen Report des Umweltverbands WWF (World Wide Fund for Nature) hervor. Für viele Gewässerstrecken gibt es keinen verbindlichen Schutz vor weiterem Wasserkraftausbau. In Kärnten und Vorarlberg sind die Schutzmaßnahmen besonders unzureichend. Der WWF sieht angesichts zunehmender Hitze und Dürre dringenden Handlungsbedarf beim Schutz und bei der Renaturierung.

Insgesamt sind 9.700 Flusskilometer rechtlich nicht vor dem Ausbau der Wasserkraft geschützt. Betroffen sind naturnahe Abschnitte, Strecken mit intakten Auen sowie Gewässer im potenziellen Verbreitungsgebiet gefährdeter Fischarten. „Angesichts zunehmender Hitze und Dürre ist es fahrlässig, intakte Flüsse weiter zu verbauen. Bund und Länder müssen sie verbindlich schützen und die Renaturierung vorantreiben“, erklärte WWF-Expertin Bettina Urbanek in einer Aussendung am Dienstag.

Schlechtes Zeugnis für Kärnten und Vorarlberg

Für den WWF-Flüssereport wurden Gewässerdaten und geltende Schutzbestimmungen abgeglichen. Die Auswertung zeigt besonders große Schutzlücken in den Bundesländern Kärnten und Vorarlberg. In beiden Bundesländern fehlt laut Report für jeweils mehr als 90 Prozent der Gewässerstrecken ein rechtlicher Schutz vor einem weiteren Wasserkraftausbau. In Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark, Tirol und Oberösterreich sind jeweils 50 Prozent der ökologisch wertvollen Flussstrecken betroffen.

Ungeschützt sind auch Gewässerabschnitte, die Bund und Länder gezielt renaturieren wollen. Rund 1.900 Flusskilometer sollen laut nationalem Renaturierungsplan wieder frei fließen. Für 76 Prozent der vorgesehenen Strecken fehlt jedoch der rechtliche Schutz. „Neue Kraftwerke könnten diese Renaturierungen auf Jahrzehnte blockieren“, warnte WWF-Expertin Urbanek.

Kritik an bestehenden Wasserkraftanlagen

Der WWF-Report verzeichnet österreichweit mehr als 6.600 Wasserkraftanlagen. Kritisiert werden darin auch erhebliche Defizite bei vielen bestehenden Anlagen. Für die Stromproduktion wird Wasser aus dem Fluss ausgeleitet und erst weiter flussabwärts zurückgeführt. Dadurch bleibt im ursprünglichen Flussbett häufig nur ein geringer Wasseranteil zurück. In 57 Prozent dieser Restwasserstrecken ist die ökologisch notwendige Mindestwassermenge nicht gewährleistet.

Für Fische sind 77 Prozent der Querbauwerke mit Wasserkraftnutzung unüberwindbare Hindernisse. Dazu zählen auch Wehre, die natürliche Gewässer durch künstliche Bauwerke unterbrechen. „Bei Hitze erwärmen sich geringe Wassermengen rascher, versperrte Wanderwege verhindern das Ausweichen in kühlere Abschnitte. Für Huchen, Äsche und Forelle werden überfällige Sanierungen zur Überlebensfrage“, erklärte Urbanek.

Die Wehre und Staudämme von Wasserkraftanlagen unterbrechen auch den natürlichen Transport von Kies und Schotter. Fehlt dieses Material flussabwärts, kann sich das Flussbett tiefer eingraben und der Grundwasserspiegel im Umland sinken. Das kann die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft beeinträchtigen. „Angesichts zunehmender Trockenheit muss der Schutz unserer Wasserreserven mehr Priorität bekommen“, stellte Urbanek fest.

Forderung nach Schutzprogramm und Sanierungsoffensive

Der WWF fordert von Bund und Ländern verbindliche Schutzmaßnahmen. Ökologisch wertvolle Flussstrecken und geplante Renaturierungsstrecken sollen vor weiteren Verbauungen rechtlich geschützt und die Förderung für neue Kleinwasserkraftwerke beendet werden – ihr begrenzter zusätzlicher Strombeitrag rechtfertige keine dauerhaften Eingriffe in weitere Flussstrecken. Öffentliche Mittel sollten stattdessen vorrangig in ökologische Sanierungen und naturverträgliche Modernisierungen fließen.

Bei bestehenden Anlagen benötige es ausreichend Restwasser, durchgängige Fischwanderwege und Maßnahmen gegen die Eintiefung der Flussbetten, betonte der WWF. An den anfallenden Kosten sollten sich die Wasserkraftbetreiber stärker beteiligen. Der Umweltverband empfiehlt der Bundesregierung einen Wasserzins nach Schweizer Vorbild von rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde Wasserkraftstrom. Die Einnahmen sollen zweckgebunden in Gewässerschutz und Renaturierung fließen.

APA