Wo bleibt das »gute« Gas aus Österreich?

20. Oktober 2026

Mehr Biogas aus Österreich soll die Abhängigkeit von fossilen Importen senken. Viele Unternehmen haben investiert, doch der Startschuss der Politik kommt nicht. Nun kämpfen viele ums Überleben.

Vergangenen Dienstag war es so weit: Der Gaspreis in Europa stieg auf den höchsten Wert seit der Gaskrise 2022. Mit 87 Euro je Megawattstunde war Erdgas dreimal so teuer wie vor Beginn des Irankriegs. Um unabhängiger von fossilen Importen zu werden, soll Österreich mehr eigenes Gas erzeugen, wünscht die Politik. Und zwar vor allem Biogas aus Abfällen, Ernteresten und Gülle. Doch bisher hat die Regierung außer Lippenbekenntnissen nichts geliefert. Jetzt geht es vielen Unternehmen an die Existenz.


In der Biogasanlage von Katharina Hader, nahe Amstetten, landen an diesem Freitag palettenweise verdorbene Joghurts auf den Förderbändern. Jeden Monat verwertet das Unternehmen „Bio Fuel Systems“ Tonnen an organischen Reststoffen aus den umliegenden Industriebetrieben. Bakterien verarbeiten den Müll zu Biogas, das danach zur Stromerzeugung verbrannt wird. Noch, denn bald soll das Biogas weiter gereinigt werden und als Biomethan fossiles Erdgas aus dem Gasnetz verdrängen.


Kein Geld mehr ab Februar


Nur noch kleine Biogasanlagen, die weit vom Gasnetz entfernt sind, dürfen künftig weiter Strom und Wärme erzeugen. Der Rest des grünen Gases soll besser eingesetzt werden – in Verkehr, Industrie und Raumwärme.
Der Wunsch des Gesetzgebers ist nicht neu. Seit Jahren bereitet Katharina Hader die Umrüstung der Anlage vor, investiert, plant, holt Genehmigungen ein – und wartet auf den Startschuss. Der sollte in Form des versprochenen Erneuerbare-Gase-Gesetzes (EGG) längst da sein. Doch die Umwelttechnikerin wartet noch immer und steht plötzlich mit ganz anderen Problemen da: „Mit 22. Februar 2027 wird es eng für uns“, sagt sie. Dann laufe die Förderung für die Biogas-Verstromung endgültig aus. Der Betrieb werde mit einem Schlag defizitär und das Geschäft, von dem die Politik ständig rede, sei nicht in Sicht.


Ein paar Kilometer weiter im niederösterreichischen Pöchlarn steht Alfred Bergner vor demselben Dilemma. Bei ihm dienen vor allem Kartoffelschalen, verdorbenes Saatgut und andere landwirtschaftliche Reststoffe als Grundlage für die Biogasproduktion. Auch er muss überlegen, wie lange er den Betrieb nach Februar am Laufen halten kann, um den Start des EGG vielleicht noch zu erleben. „Wenn eine Anlage einmal abgedreht wurde, kann man sie nicht so schnell wieder hochfahren“, sagt der Unternehmer. Ein Wiedereinstieg und die notwendige Umrüstung kosteten viel Zeit und Geld.


Wer zahlt die 150 Millionen im Jahr?


Welches Potenzial Biomethan für die Energieversorgung Europas haben kann, wird offensichtlich, wenn man sich ansieht, welche Summen andernorts bewegt werden. „In Europa werden bis 2030 gut 36 Milliarden Euro investiert, um 1200 neue Anlagen für die Produktion von Biomethan zu bauen“, sagt Johannes Hauptmann, Obmann des Biogas-Verbands. Österreich komme hingegen „seit fast zehn Jahren nicht in die Gänge“.


Dabei war das Gesetz noch unter der alten Regierung im Nationalrat, scheiterte dort aber an der Zwei-Drittel-Mehrheit. Auch ÖVP, SPÖ und Neos waren sich einig, dass 2030 zumindest 6,5 Terawattstunden (TWh) an heimischem Biomethan ins Gasnetz eingespeist werden sollen. Die heutige Produktion liegt nicht einmal bei einem Sechzigstel. Doch aus den 6,5 TWh dürfte nichts werden. Im letzten Entwurf des EGG, den die „Presse“ einsehen konnte, war von einer „nationalen Produktion von zumindest einer Terawattstunde im Jahr 2030“ die Rede. Selbst darauf konnten sich die Koalitionäre nicht einigen, da unklar ist, woher die 150 Millionen Euro im Jahr kommen sollen, um den Preisunterschied zwischen fossilem Gas und Biomethan wettzumachen.


Der Verband kritisiert das Ziel von einer TWh als „viel zu niedrig“. Schon die Anlagen, die zwangsweise umrüsten werden, könnten diese Menge liefern. Um neue Werke entstehen zu lassen, brauche es drei bis sechsmal höhere Ziele. Möglich wäre es, sagt die österreichische Energieagentur. Alleine aus organischen Reststoffen könnte Österreich bis 2040 rund 20 TWh an Biogas und Biomethan produzieren. Das entspricht einem guten Viertel des Gasbedarfs im Land.


Zaudernde Politik kostet bares Geld


„Wir brauchen erneuerbare Gase aus heimischer Produktion“, heißt es aus dem Energieministerium zur „Presse am Sonntag“. Es würden „intensive Gespräche“ geführt und an einer „tragfähigen Perspektive“ für all jene gearbeitet, deren Förderungen auslaufen.
Katharina Hader hat die Erzählung, wonach Biogas ein förderbedürftiges Problemkind sei, inzwischen längst satt. Sie will als Industriebetrieb ernst genommen werden, der eine Antwort auf die fossile Abhängigkeit und hohe regionale Wertschöpfung biete. Doch wie jeder Industriebetrieb braucht auch sie Klarheit, um investieren zu können. An Plänen mangelt es der Unternehmerin nicht. Hader möchte einen zweiten Standort aufbauen, organischen Dünger erzeugen, CO2 aufbereiten und womöglich auch Wasserstoff erzeugen. „Die Technik ist nie das Problem“, sagt sie. Wohl aber zaudernde Politik. Nicht nur, dass mit jedem Monat Unsicherheit wichtige Investitionen auf Eis liegen. Manche Ausgaben sind auch bereits verloren. Das Naturschutzgutachten, das sie für geplante Umrüstung bezahlt hat, ist inzwischen wieder abgelaufen, da das Gesetz so lange auf sich warten ließ. Die Folge: Noch einmal 20.000 Euro bezahlen und weiter keine Ahnung, ob der versprochene Markt bald kommt. Eine „tragfähige Perspektive“ sieht anders aus.
Wir bleiben von Meeresengen abhängig, statt uns stärker selbst zu versorgen und regionale Unternehmen am Leben zu lassen.

Von Matthias Auer