In Aspern bohrt die OMV nach heißem Wasser, etwas weiter östlich nach Erdgas. Der Gegensatz steht für das Dilemma des gesamten Konzerns: Die Zukunft ist eindeutig zweigleisig, das große Geld kommt aber weiterhin aus dem fossilen Geschäft.
Es ist das tiefste Loch Wiens. Hier, am äußersten Stadtrand in Wien-Aspern, führt eine Tiefenbohrung der OMV und der Wien Energie drei Kilometer unter die Erde. Zu 20 Millionen Jahre altem, heißem Wasser, das im Vollausbau in ein paar Jahren 200.000 Wiener Haushalte über das Fernwärmenetz beheizen soll. Die ersten 20.000 Haushalte sollen schon 2028 mithilfe dieser nichtfossilen Ressource, die 3000 Meter unter der Erde liegt, beheizt werden. 90 Millionen Euro fließen allein in diese erste Geothermieanlage in Wien-Aspern.
„Deeep“ – so heißt das gemeinsame Projekt von OMV und Wien Energie – ist das neue, saubere und zukunftsgerichtete Gesicht des teilstaatlichen Energiekonzerns OMV. Unter dem ehemaligen Generaldirektor Alfred Stern galt die Prämisse: Erdöl soll nicht mehr verbrannt, sondern zu hochwertigem Kunststoff veredelt werden. Die Zukunft ist grün, bis spätestens 2050 will der Konzern klimaneutral sein.
Keine zehn Kilometer von der Aspern-Anlage entfernt zeigt sich die OMV aber in ihrem alten, nicht ganz so fossilfreien Antlitz. Nahe Wittau in Niederösterreich bohren die schweren OMV-Maschinen ebenfalls tiefe Löcher in den Grund. Von dort strömt aber kein heißes Wasser aus dem Erdzeitalter Miozän, sondern Erdgas. Die in der ersten Phase erschlossene Gasmenge entspricht dem Wärmebedarf von rund 100.000 heimischen Haushalten für zehn Jahre. „Das Projekt in Wittau wird bei vollem Ausbau die Gasproduktion von OMV in Österreich verdoppeln“, schreibt die OMV über das erst kürzlich erschlossene Gasfeld.
Österreich deckt derzeit fast sieben Prozent seines Gasbedarfs selbst. Bei vollständigem Ausbau von Wittau soll dieser Anteil laut OMV auf rund 14 Prozent steigen. 150 Millionen Euro hat der Energiekonzern bereits in die erste Projektphase investiert. Mehr Gas aus eigener Produktion bedeutet auch mehr Unabhängigkeit von internationalen Lieferanten. Und vielleicht billigeres Gas, so zumindest die Hoffnung. Für den weiteren Ausbau der Gasförderung in der Region sieht die OMV ein Investitionspotenzial von rund einer halben Milliarde Euro. Sehr viel Geld dafür, dass man eigentlich geplant hatte, das fossile Geschäft zurückzufahren.
Aber beide Investitionen fügen sich in die aktuell pragmatische Strategie des Konzerns: das Lukrativste aus beiden Welten. Nach Alfred Stern muss diese Balance jetzt die neue OMV-Chefin Emma Delaney finden. Auf sie kommen aber noch eine ganze Reihe weiterer Großbaustellen zu.
Ein Ausstieg aus Öl und Gas zahlt sich derzeit schlicht nicht aus. Die OMV sollte eigentlich stärker zum Chemiekonzern werden, verdient derzeit aber wieder außergewöhnlich gut mit Öl, Gas und Raffinerien. Das ist einerseits den hohen Ölpreisen zu verdanken: Seit Beginn des Iran-Kriegs kletterte der Ölpreis auf über 100 US-Dollar pro Barrel. Andererseits steht das Chemiegeschäft weltweit unter Druck. Hohe Energiekosten in Europa, Überkapazitäten, geopolitische Risiken belasten die Branche. Und die Golfregion, wo besonders viele dieser Kunststoffe produziert werden, ist stark vom Iran-Krieg betroffen.
Und so profitiert die OMV massiv von ihrer fossilen Vergangenheit. Im zweiten Quartal verdiente der teilstaatliche Konzern operativ bereinigt 1,7 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 65 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Erträge im Bereich Fuels, also bei den Treibstoffen, sind um satte 85 Prozent gestiegen. Die Raffineriereferenzmarge stieg von – im Zeitkontext sehr niedrigen – 8,1 US-Dollar pro Barrel auf gut 20 US-Dollar. Man könnte die OMV hier getrost als Krisengewinnerin beschreiben und den Staat gleich mit. Rund 450 Millionen Euro an Dividende liefert der Konzern über die Staatsholding ÖBAG allein heuer an den Bund ab.
Begehrlichkeiten aus der Politik
Szenenwechsel ins Parlament. Ende September findet sich der Nationalrat in einer Sondersitzung zusammen, um das, was gemeinhin als Spritpreisbremse bekannt ist, zu beschließen. Genau genommen wird für die Monate Oktober und November die Mineralölsteuer auf Diesel und Benzin um 6,7 Cent pro Liter gesenkt – bis auf das EU-rechtlich zulässige Minimum. Hinzu kommt eine Margenbegrenzung von 3,5 Cent pro Liter. Zusammen soll das den ohnehin sehr teuren Treibstoff um bis zu zwölf Cent je Liter verbilligen.
Die Maßnahme soll vor allem die Inflation etwas einbremsen. Im September stieg diese laut Schnellschätzung wieder auf 3,6 Prozent. Der Anstieg war vollständig auf höhere Treibstoff- und Heizölpreise zurückzuführen. Eine zweite Energiekrise und ein erneutes Durchrauschen der Inflation überlebt die schwarz-rot-pinke Regierung wohl kaum.
Da Österreich nur einen fossilen Energie-Großkonzern und mit Schwechat nur eine große Raffinerie hat, kann man diese Maßnahme getrost eine OMV-Steuer nennen. Im Frühling – bei der Erstauflage der Spritpreisbremse – war man im Konzern nicht unbedingt erfreut darüber. Wie profil damals aus informierten Kreisen erfuhr, soll es zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen der OMV-Spitze und dem Finanzministerium gekommen sein.
Ob es die mit der neuen Chefin Delaney auch geben wird? Die Topmanagerin verantwortete zuletzt das Treibstoffgeschäft beim Öl-Multi BP und war Mitglied der engsten Führungsspitze. Die Irin hat ihre gesamte Karriere in der Energiebranche verbracht und war weltweit tätig. Sie gilt als ausgewiesene Expertin, aber eben auch als marktaffin. In der angelsächsischen Firmenkultur sind Zurufe aus der Politik oder staatliche Einmischung in die Governance von Konzernen weder üblich noch erwünscht.
Aber Österreich ist anders. Über die Österreichische Beteiligungs AG (ÖBAG) ist der Bund mit 31,5 Prozent am ehemals staatlichen Konzern beteiligt. 24,9 Prozent entfallen auf den Syndikatspartner Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc), 43,1 Prozent sind in Streubesitz; weitere 0,5 Prozent entfallen auf eigene Aktien und das Mitarbeiteraktienprogramm.
Nicht nur die OMV hat eine neue Chefin, auch die ÖBAG bekommt sehr bald einen neuen Chef. Thomas Arnoldner löst mit 1. Februar 2027 Edith Hlawati ab. Mit dem Chefwechsel wünschen sich Wirtschaftsministerium und Aufsichtsrat eine aktivere Beteiligungspolitik. „Mehr gestalten, weniger verwalten“, sagt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) gern dazu.
Die OMV wird unweigerlich eine Rolle in der Industriestrategie der Bundesregierung spielen. Das Fundament dieser ist nämlich eine „kosteneffiziente Energieversorgung“ für die heimische Industrie und den Standort. Zurufe vonseiten der Politik sind programmiert. Hinzu kommt, dass Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) einer von sechs europäischen Finanz- und Wirtschaftsministern ist, die sich gerade auf EU-Ebene für eine Übergewinnsteuer für Ölkonzerne starkmachen.
Neo-CEO Delaney wird sich eine Strategie für Zurufe aus der Politik zurechtlegen müssen. Denn diese wird es, wie auch in der Vergangenheit, unweigerlich geben. In den Augen einiger in der Politik gehört die OMV noch immer den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern. Und die Interessen der größten Einzelaktionärin, der Republik, entsprechen nicht immer den Interessen des Syndikatspartners in Abu Dhabi oder der zahlreichen Aktionärinnen und Aktionäre im Streubesitz. Letztere vertritt Anlegerschützer Flo- rian Beckermann. „Der Streubesitz ist der größte Aktionär“, sagt er. Die Anleger haben in den vergangenen Jahren nicht nur von äußerst üppigen Dividenden profitiert, sie erwarten auch Transparenz und eine klare Strategie, meint Beckermann. „Öl und Gas überzeugen die Aktionäre nicht langfristig. Wir brauchen eine Transformationsgeschichte.“
Unter Beschuss
Den Strategie-Spagat, den die OMV zwischen der Geothermieanlage in Aspern und dem Gasfeld Wittau macht, vollzieht der Konzern – global betrachtet – zwischen dem Schwarzen Meer und dem Persischen Golf. Vor der rumänischen Schwarzmeerküste schlummern unter dem Meeresgrund rund 100 Milliarden Kubikmeter förderbares Gas. Damit ist Neptun Deep das größte Gasfeld in der Europäischen Union. Es gehört zu gleichen Teilen der rumänischen OMV-Tochter Petrom und dem staatlichen rumänischen Gasproduzenten Romgaz. Rund vier Milliarden Euro kostet die Entwicklung des Projekts, und ab 2027 soll das erste Gas fließen. Die Plateauproduktion soll acht Milliarden Kubikmeter jährlich erreichen. Das entspricht größenordnungsmäßig fast dem gesamten jährlichen Gasverbrauch Österreichs.
Zwar fließt dieses Gas nicht direkt nach Österreich. Es wird in das rumänische Fernleitungsnetz eingespeist. Aber wenn solche Gasmengen zusätzlich auf den europäischen Markt kommen, so die Hoffnung, sollte das die europäischen Gaspreise insgesamt entspannen.
Nur: Das Schwarze Meer ist mittlerweile Kriegsgebiet. Immer wieder werden Treibminen an die Strände der umliegenden Länder gespült. Schiffe der russischen Schattenflotte transportieren Öl kreuz und quer über das Schwarze Meer. Erst am 5. Oktober geriet ein Frachtschiff nahe einer OMV-Petrom-Ölplattform in rumänischen Gewässern in Brand, zwei Menschen starben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte russische Drohnen dafür verantwortlich, die rumänischen Behörden haben die Ursache bislang allerdings nicht abschließend bestätigt. Einen Tag später wurden zwei Handelsschiffe in den bulgarischen Gewässern von Drohnen getroffen, eines davon sank.
In einem solchen Umfeld Gas zu fördern, ist ein erhebliches Sicherheitsrisiko für die OMV-Tochter vor Ort. Hinzu kommt, dass Russland seit Jahrzehnten gegen die Erschließung der Gasreserven im Schwarzen Meer ist. Konkurrenz vor der eigenen Haustür braucht die russische Gazprom nicht.
Gas aus dem Schwarzen Meer, chemische Erzeugnisse aus der Golfregion. Für Letztere ist seit 31. März 2026 die Borouge Group International AG, kurz BGI, zuständig. Diese ist aus der Zusammenlegung der heimischen OMV-Beteiligung Borealis mit Borouge aus Abu Dhabi sowie der kanadischen NOVA Chemicals entstanden. OMV und XRG, die Investmentgesellschaft des Abu-Dhabi-Konzerns Adnoc, sind mit jeweils 50 Prozent an dem Joint Venture beteiligt. Bei der Ankündigung des Zusammenschlusses wurde der Firmenwert mit mehr als 60 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Das ist keine Börsenbewertung, zeigt aber die Dimension des neuen Chemiekonzerns: Seine Transaktionsbewertung ist doppelt so hoch wie der derzeitige Unternehmenswert der OMV selbst.
Rund 1,5 Milliarden Euro Cash musste die OMV zuschießen, um mit XRG gleichziehen zu können. Hinzu kommt eine geplante Kapitalerhöhung von BGI von bis zu vier Milliarden US-Dollar. OMV und XRG sollen sich daran nach bisheriger Planung allerdings nicht beteiligen. Mit der Kapitalerhöhung soll unter anderem die Bilanz gestärkt und der Streubesitz erhöht werden.
Und hier ist die OMV in einer heiklen Situation. Denn Adnoc ist über seine hundertprozentige Tochter XRG nicht nur Partner im Chemiegeschäft, sondern mit 24,9 Prozent auch zweitgrößter Kernaktionär der OMV. Adnoc möchte diesen OMV-Anteil auch auf XRG übertragen. Bei Fragen der Unternehmensführung, bei anstehenden Investitionen und Kapitalmaßnahmen sowie bei der Governance sitzt der Konzern damit auf mehreren Seiten des Tisches. Und der Partner aus Abu Dhabi ist wesentlich größer und höher kapitalisiert als die OMV.
Jedenfalls gestaltet sich der Start des nunmehr viertgrößten „Polyolefinproduzenten“ (Polyolefine sind eine bestimmte Art von Kunststoffen, Anm.) der Welt holpriger als erhofft. Und das hat einiges mit der aktuellen Weltlage zu tun. Im April dieses Jahres wurde die Borouge-Anlage in Ruwais in den Vereinigten Arabischen Emiraten beschädigt, nachdem infolge eines abgewehrten Luftangriffs Trümmer auf das Gelände gefallen waren. Teile der Produktion mussten gestoppt werden. Die Reparaturarbeiten dauerten bis Juni und kosteten eine ganze Menge Geld.
Außerdem schafft es der Konzern nur mit erheblichem logistischen Aufwand, seine Kunststofferzeugnisse auf den Weltmarkt zu bringen. Wegen der Blockade der Straße von Hormus musste Borouge alternative Routen nutzen, was die Logistik verteuert.
Das ist – wenn auch nicht selbst verschuldet – alles andere als ein Starterfolg. Der für heuer geplante Börsengang des Konzerns in Abu Dhabi wurde auf 2027 verschoben. Wann das zusätzliche Listing in Wien erfolgen soll, ist noch unklar. OMV und Adnoc begründen die Verschiebung mit den Marktbedingungen und wollen Börsengang, Aktientausch und Kapitalerhöhung zeitlich aufeinander abstimmen. Auch die geplante Mindestdividende von einer Milliarde Euro wurde heuer auf eine halbe Milliarde halbiert.
Zurück nach Österreich. Solange das Chemiegeschäft nicht voll anspringt, geht es weiterhin ganz stark um Öl und Gas – und nebenher um heißes Wasser.


