Klima- und Industrieschutz. Die Bundesregierung will das „Versenken“ von Kohlendioxid tief unter der Erde erlauben. Das ist eine große Hilfe für jene Industriebetriebe, die solche Emissionen nicht vermeiden können.
Die meisten Industriebetriebe werden in den kommenden Jahren enorme Anstrengungen auf sich nehmen müssen, um künftig ohne fossile Energieträger arbeiten zu können. So hat etwa die Voestalpine am Montag das Kernstück ihres neuen Elektrolichtbogenofens am Standort Linz erhalten, mit dem ab 2027 jährlich bis zu 1,6 Millionen Tonnen CO2-reduzierter Stahl produziert werden sollen. Die Milliardeninvestition ist für den Konzern eine wirtschaftliche Existenzfrage, da Schlüsselkunden aus der Autoindustrie grünen (CO2-armen) Stahl fordern und auslaufende Gratis-Emissionszertifikate die Hochöfen unrentabel machen.
Es gibt aber auch Industriezweige, die prozessbedingt sehr viel CO2 ausstoßen, das sich nicht vermeiden lässt. Damit diese Unternehmen nicht einfach nach Afrika oder Asien abwandern, sondern weiter Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Österreich halten, wird schon lange nach alternativen Lösungen gesucht. Heute, Dienstag, kommt genau dafür das „Bundesgesetz über die geologische Speicherung von Kohlenstoffdioxid“ in die Begutachtung: Es geht um CCS, also die Möglichkeit, große Mengen an CO2 in Österreich zu „vergraben“. Der KURIER hat die Antworten auf die drängendsten Fragen.
? Was ist CCS?
CCS steht für „Carbon Capture and Storage“: CO2 wird direkt am Schlot einer Industrieanlage aus dem Abgas gefiltert, verdichtet, zu einer Speicherstätte transportiert und dort dauerhaft tief unter der Erde eingelagert – etwa in ausgeförderten Öl- und Gaslagerstätten. Möglich wird das vor allem für Betriebe, bei denen CO2 nicht durch Verbrennung, sondern direkt im Produktionsprozess entsteht – etwa beim Erhitzen von Kalkstein zu Zement. Da hilft auch hundertprozentiger Ökostrom nichts.
? Warum ist CCS derzeit in Österreich verboten?
2011 hat der Nationalrat unter Kanzler Werner Faymann (SPÖ) das Speicherverbot beschlossen – entsprechend einer EU-Richtlinie, die den Mitgliedstaaten erlaubt, die Speicherung auf ihrem Gebiet zu untersagen. Begründung damals war, dass die Technik noch in der Entwicklung steckte und hohe Risiken wie Leckagen oder Erdbeben hatte. Laut Regierung sind diese Bedenken mittlerweile ausgeräumt – Umweltorganisationen widersprechen dem.
? Ist CCS heute sicher?
Geologische CO2-Speicherung gilt bei sorgfältig ausgewählten, gut überwachten Lagerstätten als sicher. Der Weltklimarat hat als Richtwert, dass ein Speicher maximal ein Prozent der gespeicherten Menge in 1.000 Jahren verlieren darf. Kritiker wie Greenpeace warnen weiterhin, dass schon kleine Lecks den Klimaschutzeffekt zunichtemachen könnten. Bei Erdbeben sei ein Entweichen nicht ausgeschlossen. Und der WWF fordert strenge Haftungsregeln nach dem Verursacherprinzip und pocht darauf, dass CO2-Vermeidung immer Vorrang vor Speicherung habe.
? Wer soll in Österreich von CCS profitieren?
In erster Linie die „Hard-to-abate“-Industrien („kaum zu vermeiden“): Zement-, Kalk- und Teile der Stahl-, Keramik- und Feuerfestindustrie. Konkret genannt werden etwa Holcim Mannersdorf und das Kirchdorfer Zementwerk in Oberösterreich (dort läuft mit einer Pilotanlage bereits ein Testbetrieb). Die Regierung beziffert die an all diesen Betrieben hängenden Jobs mit rund 600.000.
? Wer macht das schon?
Norwegen hat mit „Northern Lights“ seit August 2025 das weltweit erste grenzüberschreitende CO2-Speicherprojekt in Betrieb, 2,6 km unter dem Meeresboden. Anfangs sollen 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr und am Ende bis zu fünf Millionen Tonnen jährlich gespeichert werden. Dänemark hat mit „Greensand“ gerade erst einen kommerziellen Betrieb gestartet – auch hier wird in der Nordsee in ehemaligen Öl-/Gasfeldern gespeichert, Ziel sind acht Millionen Tonnen pro Jahr bis 2030. Und auch Deutschland hat sein CCS-Gesetz erst 2024/25 novelliert und ermöglicht die Offshore-Speicherung in der Nordsee.
? Wie viel CO2 soll künftig gespeichert werden?
Bis 2029 sollen rund drei Millionen Tonnen jährlich, bis 2034 bis zu sieben Millionen Tonnen jährlich gespeichert werden. Sollte es irgendwann ein CCS-CO2-Rohrleitungssystem ins Ausland geben, wäre das unbegrenzt nutzbar (Adria, Nordsee).
? Wie soll das Kohlendioxid von den Betrieben zu den Lagerstätten kommen?
Fehlende Infrastruktur. Eine Studie des AIT kommt auf Kosten bis zu 18 Milliarden Euro.
Das neue Gesetz zur CO2-Speicherung regelt genau, wie viel CO2 vergraben werden darf. Eine zentrale Frage lässt es aber unbeantwortet: Wie kommt das CO2 überhaupt vom Fabriksschlot zum Speicher?
Als Übergangslösung könnten Lkw genommen werden, doch ein Lkw kann maximal etwa 18 Tonnen transportieren. Ein Transportwaggon auf der Schiene schafft mit 62 Tonnen schon deutlich mehr. Ein Binnenschiff kann sogar 2.000 Tonnen transportieren. Doch falls wirklich bis zu sieben Millionen Tonnen CO2 jährlich in Tiefspeichern versenkt werden sollen, ist das alles nicht ausreichend.
CO2-Pipelines
Als Lösung wird ein Rohrleitungssystem, auch bekannt als Pipeline, angedacht. Bereits 2024 wurde diese Möglichkeit in einer Studie im Auftrag des Klimaministeriums untersucht: Das AIT Austrian Institute of Technology, die Gasnetz-Gesellschaft AGGM sowie die Montan-Uni haben damals durchgerechnet, wie ein österreichisches CO2-Netz aussehen könnte – und was es kosten würde.
Für das gesamte Pipelinenetz rechnet die Studie mit Baukosten von 12 bis 18 Milliarden Euro – je zur Hälfte für die Leitungen selbst und für Verdichter- und Pumpstationen. Dazu kommen laufende Kosten von 1 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr, größtenteils für den Strom, der für die Verdichtung des CO2 gebraucht wird. Macht zusammen 35 bis 50 Euro pro transportierter Tonne CO2.
Der Transport ist dabei nicht einmal die teuerste Etappe. Die Abscheidung des CO2 direkt am Schlot macht laut Studie rund die Hälfte der Gesamtkosten der Kette aus – der Pipelinetransport innerhalb Österreichs nur etwa ein Fünftel. Die Studie gibt zu, bei den Kosten eine große Schwankungsbreite zu haben. Das Umweltbundesamt rechnet bis 2040 mit kumulierten Investitionskosten von 10,7 Milliarden Euro für Anlagen und das Transportnetz. Ungeklärt ist, wer das am Ende bezahlen soll.
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