Die Einsamkeit der Ladesäule

1. September 2026

Infolge der Aufweichung des Verbrennerverbots geriet der Hochlauf der Elektromobilität ins Stocken. Das trifft auch die öffentlichen Ladestationen, deren Anzahl 2025 verdoppelt wurde. Einige stehen nun scheinbar verwaist in der Landschaft.

Der Zickzackkurs der Europäischen Union in der Transformation zur Elektromobilität hat enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht, bei den Autoherstellern selbst, aber auch in der gesamten Wirtschaft. Zuerst ein ambitioniertes Ziel mit einem vollständigen Verbot von Verbrennungsmotoren im Pkw ab 2030, dann eine formale Aufweichung der Regeln, indem man lediglich 90 Prozent der Ziele einfordert. Im Grund ging es nur um ein Wort, wie um des Kaisers Bart: Verbrennerverbot. Dem wurde von Teilen der Auto- und Zulieferindustrie der Begriff Technologieoffenheit entgegengesetzt. Und schon war das Schlamassel perfekt.


Die Probleme blieben aber nicht auf die Autoindustrie beschränkt. Hohe Investitionen in die Ladeinfrastruktur für Elektroautos stehen nunmehr infrage, wenn der Hochlauf der Elektroautos stockt. Deshalb lud Österreichs größter Ladeinfrastruktur-Provider Smatrics kürzlich zu einer Bestandsaufnahme, um Fakten und Zahlen über diese turbulente Zeit auszutauschen, um die aktuelle politische Situation zu beleuchten und die nunmehr etwas geänderten Perspektiven zu benennen.


Smatrics betreibt das größte Netz an Ladestationen in Österreich und bietet auch Full-Service für Unternehmen von der Errichtung von Ladestationen über den Betrieb bis zur Abrechnung.
Hauke Hinrichs, CEO von Smatrics, betont, dass die Technologie ihre Marktreife bewiesen habe und der Hochlauf bei Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur trotzdem deutlich Fahrt aufnehme. Rein technologisch gibt es da offenbar keine großen Zweifel mehr. So werden die kommenden Jahre vor allem von politischen und regulatorischen Entscheidungen geprägt sein. Hinrichs: „Für eine gelungene Transformation braucht es ein gemeinsames Zielbild, das Mobilität und Energie noch stärker zusammenführt.“


Sigrid Stagl, Professorin für Ecological Economics an der TU Wien, 2024 als österreichische Wissenschafterin des Jahres ausgezeichnet, zeigt die Perspektive auf: „Wir müssten Physik in unseren ökonomischen Analysen viel stärker berücksichtigen, denn jede ökonomische Aktivität transformiert Material, was unweigerlich zu stofflichen und energetischen Grenzen führt. Die ökonomischen Analysen, ohne naturwissenschaftliche Betrachtung mitgedacht, haben uns in diese Situation gebracht. Wir gehen deutliche Risiken für Menschen ein, wir waren im Blindflug unterwegs bezüglich der Umweltauswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten. Hot House World wollen wir nicht, wir wollen niedrige physische Risiken generieren, das ist unter 1,5 Grad, zumindest unter zwei Grad (Anm.: Erderwärmung). Wenn sich das nicht ausgeht, müssen wir die Nachfrage runterfahren. Die Austrian Energy Agency geht in ihrem Szenario davon aus, dass bezüglich des Verkehrs der Energiebedarf durch die Elektromobilität um zwei Drittel gesenkt werden kann.“


Alternativen sind noch teurer


Und sie fügt hinzu: „Die grüne Transformation kostet. Aber die Alternativen sind teurer, weil die Kosten des Nichthandelns dazu kommen. Überschwemmungen, Produktivitätsverluste, Infrastrukturschäden, Ernährungssystem, Verluste von Ökosystem-Dienstleistungen, Migrationskosten. Sie sind drei- bis fünfmal so hoch wie die Kosten der Umstellung. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist Net-Zero die beste Option.“


Philipp Wieser von der Leitstelle Elektromobilität bei Austria Tech präsentiert den Hochlauf in Zahlen: Jeder 20. Pkw auf Österreichs Straßen ist ein Elektroauto. Ein Viertel aller neu zugelassenen Pkw sind Elektroautos, in Oberösterreich sogar mehr als ein Drittel und in einzelnen Flächenbezirken das erste Mal 50 Prozent. Wieser: „Unsere Prognosen zeigen, dass im Laufe des Jahres 2028 batterieelektrische Fahrzeuge bei den Neuzulassungen auch die Benziner überholt haben werden. Österreich könnte eine vollständige Elektrifizierung bis 2032 erreichen.“


Daniel Hantigk von der Energie-Regulationsbehörde E-Control: „Aktuell schreitet der Ausbau der Ladeinfrastruktur in gleichem Maße voran, wie die Anzahl der E-Fahrzeuge zunimmt. Das bringt Nutzende in die glückliche Lage, immer ausreichend freie Ladeinfrastruktur vorzufinden. Betreiber hingegen werden in Zukunft noch stärker die Wirtschaftlichkeit ihrer Standorte im Auge behalten müssen“. Österreichweit gab es immerhin eine Verdoppelung der Anzahl der Ladepunkte alleine 2025.


Kleinere Unternehmen mit suboptimalen Standorten können durchaus Probleme haben. Hauke Hinrichs, Smatrics: „Wir werden eine Konsolidierung im Markt sehen“. Er sieht mittelfristig in den steigenden Netzkosten und der Tarifgestaltung der Energieversorger nach Anschluss-Spitzenleistung die größte Herausforderung für eine attraktive Gestaltung der Ladetarife: „Die Netzentgeltkosten sind so in den vergangenen Jahren um 30 bis 50 Prozent angestiegen.“


Die Preise fürs Laden sind kein Punkt für große Diskussionen mehr. Die Strompreise sind stabil, was man von den Kraftstoffpreisen nicht sagen kann. Die Ad-hoc-Bezahlung mit Kredit- und Bankomatkarte ist inzwischen für Ladepunkte ab 50 kW gesetzlich vorgeschrieben. Böse Überraschungen können eigentlich nur mehr drohen, wenn Roaming-Gebühren im Spiel sind.

Der Standard