Infolge der Hitzewelle gibt es wenig Strom aus Wasserkraft, dafür aber viel Strom aus Photovoltaik. Wie sich die Wetterextreme auf die Stromerzeugung und die Netze auswirken.
Die anhaltende Hitzewelle bringt die Stromnetze in Osteuropa unter Druck. In Österreich fehlt dem Stromkonzern Verbund ein Drittel der Wassermenge. Wie verlässlich sind die erneuerbaren Energien und halten unsere Stromnetze die permanente Hitze aus? DER STANDARD gibt einen Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten.
Frage: Bringen die extremen Temperaturen die heimischen Stromnetze unter Druck?
Antwort: Für die Netze ist die Hitze derzeit kein Problem. „Die heimische Stromversorgung ist gesichert, die Versorgungssicherheit bleibt gewährleistet“, schreibt das Energieministerium auf seiner Website. Auch Gerhard Christiner, Vorstand des Stromnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), beruhigt: „Die Stromnetze sind nicht so stark belastet. Wir sind nicht so importabhängig, wie viele glauben.“
Frage: Wirkt sich die volatile Lage in Osteuropa auf Österreich aus?
Antwort: Ungarn stand knapp vor einem totalen Shutdown seines einzigen Kernkraftwerks, weil die Donau Niedrigwasser führt. Das AKW Paks produziert ein Drittel des ungarischen Strombedarfs. Die Lage im ungarischen Stromnetz bleibt also weiter angespannt. Rumänien griff zu drastischeren Maßnahmen und sprengte einen Felsen in der Donau, um ausreichend Kühlwasser zum AKW Cernavoda leiten zu können. „Nach derzeitigem Stand bestehen keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Österreich“, heißt es auf der Website des Energieministeriums. Folgen für das heimische Stromnetz sieht auch APG-Vorstand Christiner „im Moment“ nicht. „Wir sehen starke Stromflüsse von Deutschland über Tschechien und die Slowakei nach Rumänien. Durch Österreich aus dem Ausland fließen derzeit nur 2000 Megawatt, das ist beherrschbar.“ Erst ab 3000 bis 4000 Megawatt wird es kritisch.
Frage: Wie oft gab es im Stromnetz heuer Engpässe?
Antwort: Österreichs Strom stammt bereits zu rund 90 Prozent aus Sonnen-, Wasser- und Windkraft sowie aus Biomasse. Erneuerbare Energieträger gelten als volatil, was für das Stromnetz Herausforderungen mit sich bringt. Um Überlastungen zu vermeiden, muss gezielt in das Netz eingegriffen werden, das heißt, Kraftwerke werden etwa gedrosselt. Man spricht vom Redispatch. Heuer musste der Stromnetzbetreiber APG bis Ende Juli bereits an 133 Tagen Redispatch-Maßnahmen setzen – 2025 gab es im selben Zeitraum an 105 Tagen Eingriffe. Heuer verursachten die Maßnahmen bisher Kosten von 37 Millionen Euro.
Frage: Wenn es jetzt so heiß ist, haben wir dann mehr PV-Strom?
Antwort: Im Sommer wird in der Regel mehr PV-Strom produziert. Die Produktionsspitzen sind zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht. 70 Prozent des heimischen PV-Stroms werden in Ostösterreich produziert. Im Juni sorgte die gute PV-Produktion bei der Strombilanz für ein Plus: Österreich konnte Überschüsse exportieren. „Photovoltaik ist in der Gesamtmenge sehr zuverlässig, weil Anlagen über ganz Österreich verteilt sind. Die Erzeugungsmengen sind vom Frühjahr bis in den Spätherbst sehr gut prognostizierbar“, sagt Franz Angerer, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur.
Frage: Funktionieren Photovoltaikanlagen bei dieser Hitze eigentlich noch?
Antwort: Ja, sie verlieren jedoch an Effizienz. Je heißer die PV-Module werden, desto weniger effizient sind sie. Auf die Stromproduktion wirkt sich das aber kaum aus. „Die Effizienzverluste werden im Sommer durch mehr Sonnenstunden und eine starke Sonneneinstrahlung ausgeglichen“, sagt Fabian Janisch, Technischer Berater beim Photovoltaik-Verband Österreich. Die höchste Stromausbeute gäbe es im Idealfall bei einer konstanten Temperatur von 25 Grad Celsius. PV-Anlagen im alpinen Raum funktionieren daher sehr gut, weil die Luft in den Bergen kühler ist und es zudem genug Sonneneinstrahlung gibt.
Frage: Dafür schwächelt die Wasserkraft. Wie gravierend ist das?
Antwort: Tatsächlich liefert Wasserkraft derzeit rund 30 Prozent weniger Strom als sonst um diese Jahreszeit, weil die Donau nur ein Drittel der üblichen Wassermenge führt. Das bekommt der teilstaatliche Stromkonzern Verbund besonders zu spüren. Er ist der größte heimische Wasserkraftproduzent und betreibt an der Donau seine größten Anlagen. „Das Jahr 2026 ist tatsächlich mittlerweile das trockenste Jahr, seit wir hydrologische Aufzeichnungen machen“, sagte Verbund-Vorstandschef Michael Strugl vor kurzem. „Die Wasserkraft verlagert den Höhepunkt ihrer Erzeugung in den Winter. Die Niederschläge verteilen sich ganz anders als früher“, sagt Verbund-Sprecher Florian Seidl.
Frage: Hinterlässt die Wasserkraft eine große Lücke in unserem Strommix?
Antwort: Nein. „Die fehlende Wasserkraft wird durch hohe Photovoltaik-Produktion kompensiert“, sagt APG-Vorstand Christiner. Am Mittwoch etwa deckte PV mit 26 Prozent sogar den größten Anteil am Strombedarf, danach kommen die Laufwasserkraftwerke mit 24 Prozent. An den Tagesrändern tragen Pumpspeicherkraftwerke viel zur Stromversorgung bei. Sie speichern elektrische Energie, indem sie Wasser – kurz gesagt – von unten nach oben pumpen. Wird Strom gebraucht, fließt das Wasser durch Turbinen wieder nach unten und produziert Strom. Am Abend werden auch Gaskraftwerke hinzugeschaltet, sagt Christiner. In der Nacht ist Österreich auf Stromimporte angewiesen. Dieser Strom ist ein Mix, bei dem sowohl deutscher Windstrom als auch französischer Atomstrom enthalten sein kann.
Frage: Apropos Windkraft: Wie ist Österreich da aufgestellt?
Antwort: 15 Prozent des heimischen Strombedarfs deckt die Windkraft derzeit. In Österreich wurde im Juli 31 Prozent mehr Windstrom produziert als im Schnitt der vergangenen zwölf Jahre. Laut IG Windkraft „gibt es keine Kenntnis oder Anzeichen, dass durch die Extremhitze Beeinträchtigungen in der Windstromproduktion entstehen“. Windräder sind auf minus 20 bis plus 40 Grad Celsius ausgelegt. Doch der Ausbau von Windkraftanlagen hinkt hinterher.
Frage: Sind wir für die Zukunft gut aufgestellt?
Antwort: Österreich will sich bis 2030 bilanziell zu 100 Prozent mit grünem Strom versorgen. Mehr E-Autos auf den Straßen, mehr Ladeinfrastruktur, strombasierte Prozesse in der Schwerindustrie. Das alles braucht viel Strom, die Übertragungs- und Verteilernetze müssen dafür entsprechend ausgebaut werden. „Wir müssen unsere Netze effizienter nutzen und möglichst viel Strom transportieren. Im Endeffekt geht es darum, die Netzkosten günstig zu halten“, sagt Energieagentur-Geschäftsführer Angerer.
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