Die Dürre legt nicht nur die Landwirtschaft lahm, sondern erstmals auch Teile der Energieversorgung.
Mit einem Gefühl des Enthusiasmus verlässt Diana Ürge-Vorsatz eine Schulung zum Thema Klimawandel mit den neuen Parlamentsabgeordneten in Budapest. „Es war toll. Sie respektieren meine Arbeit wirklich und hören zu“, sagt die ungarische Professorin an der Central European University, die 2023 zur Vizevorsitzenden des Weltklimarats (IPCC) gewählt wurde, zum STANDARD. In Ungarn war das bekanntlich nicht immer so. Unter der Vorgängerregierung von Viktor Orbán entwickelte sich das Land zu einem der hartnäckigsten Bremser der europäischen Klimapolitik.
Dass die neue Tisza-Regierung unter Ministerpräsident Péter Magyar nun erstmals seit 16 Jahren wieder ein eigenständiges Ministerium für Umweltschutz, Naturschutz und Tierschutz geschaffen hat, mache Hoffnung. Genauso wie der Plan, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, die Schieneninfrastruktur zu modernisieren, das Stromnetz zu erneuern und die Energiespeicherung zu fördern, so Ürge-Vorsatz. Doch die Ausgangslage ist ernst.
Alle Flüsse begradigt
Europa erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Besonders Mittel- und Osteuropa – und damit auch Ungarn – sind betroffen, weil sich das Landesinnere grundsätzlich schneller aufheizt als küstennahe Regionen. Im Falle Ungarns kommt laut Ürge-Vorsatz eine jahrhundertelang verfehlte Wasserpolitik verschärfend hinzu. „Ungarn war eigentlich ein Land der Feuchtgebiete und der sich windenden, kurvenreichen Flüsse. Aber die Flüsse haben wir alle begradigt. Heute fließen sie also schnell wieder aus dem Land ab. Und die Feuchtgebiete haben wir trockengelegt, indem wir das Wasser für die Landwirtschaft nutzbar gemacht haben.“
Die Folgen: Der Grundwasserspiegel in Zentralungarn sei nach Angaben der Klimaexpertin mancherorts auf bis zu elf Meter abgesunken. „Das bedeutet, dass selbst Brunnen und Bäume den Grundwasserspiegel nicht mehr erreichen können.“ Der Velencer See, der drittgrößte See des Landes, droht mittlerweile auszutrocknen. Er könnte in wenigen Wochen nur noch knöcheltief sein, warnt Umweltminister László Gajdos.
Derzeit sind rund 90 Prozent der Landesfläche von Dürre und Trockenheit betroffen. Nach Angaben der britischen NGO „Energy and Climate Intelligence Unit“ werden die Ernteausfälle in Europa erheblich ausfallen. Die größten Verluste werden in Frankreich erwartet, wo die Maisernte voraussichtlich um 3,4 Millionen Tonnen geringer ausfallen wird als noch im Juni prognostiziert. Die zweitgrößten Einbußen werden mit 2,4 Millionen Tonnen in Ungarn erwartet, gefolgt von Spanien mit 1,4 Millionen Tonnen. Laut der NGO wird die Abhängigkeit von Getreideimporten in Europa dadurch weiter steigen.
AKW vom Netz genommen
Wegen des niedrigen Wasserstands musste am vergangenen Donnerstag das Kernkraftwerk Paks, das rund die Hälfte des in Ungarn erzeugten Stroms liefert, zum ersten Mal in seiner 44-jährigen Betriebsgeschichte vom Netz genommen werden. Die Maßnahme war nötig geworden, weil nicht mehr ausreichend Kühlwasser aus dem Fluss zur Verfügung steht. Auch Rumänien musste das Atomkraftwerk Cernavodă an der Donau vom Netz nehmen.
Ürge-Vorsatz befürchtet, dass sich die Folgen der Ausfälle bei Ernte und Strom schon bald deutlich in den Preisen niederschlagen werden. „Wir wissen noch nicht, wie das Energiesystem beeinträchtigt wird, ob wir diesen Ausfall an Produktionskapazität überstehen können oder ob wir Strom teurer importieren oder zusätzliche Reservekapazitäten in Betrieb nehmen müssen“, so die Expertin.
Solche Probleme zeigten sich zunächst in Form von Inflation, werden sich aber auch in sinkenden Einkommen bemerkbar machen, weil die Landwirte, die Tourismusbranche und andere Wirtschaftszweige insgesamt weniger verdienen werden.


