
Die extreme Hitzewelle und das Rekord-Niedrigwasser der Donau führen in Ungarn zur Energiekrise, zu schweren Schäden in der Landwirtschaft und zu einem nahezu völligen Erliegen des Schiffsverkehrs auf der Donau. Das ungarische Atomkraftwerk Paks, das normalerweise 30 Prozent des Strombedarfs des Landes produziert und in Spitzenzeiten auch deutlich mehr, muss nun aber doch nicht wegen Kühlwassermangels abgeschaltet werden – zumindest vorerst, so Ungarns Premier Péter Magyar.
Der Regierungschef erklärte im Verlauf des Montags laut AFP, es sei den Ingenieuren gelungen, die für den Betrieb einer Turbine erforderliche Kühlwassermenge zu reduzieren. Am Vortag hatte Magyar angekündigt, dass das gesamte AKW erstmals seit 44 Jahren abgeschaltet werden würde. Auch am Montag hatte es ursprünglich noch danach ausgeschaut.
Paks produziert aber nicht auf Normalniveau. Ein Leistungsausfall von 2.000 Megawatt im südungarischen Atomkraftwerk führte bereits zu einer schweren Energiekrise im Land. Kompensiert werden soll dieser Ausfall durch alle verfügbaren ungarischen Reservekraftwerke sowie durch Importe. Der slowakische Premier Robert Fico hatte am Sonntag Soforthilfe mittels Stromlieferungen angeboten.
Strenge Vorschriften für Energieeinsparung
Die ungarische Regierung hat zudem laut Verordnung strenge Maßnahmen gegen große Industrieunternehmen angeordnet. Diese können vorübergehend vom Netz genommen werden, wenn sie die geforderte Verbrauchsreduzierung nicht erfüllen. Die Stromversorgung für Haushalte soll nur dann beeinträchtigt werden, wenn alle Optionen ausgeschöpft sind. Einschränkungen gibt es seit Montag beim Schienengüterverkehr, um im kritischen Zeitfenster zwischen 17.00 und 22.00 Uhr Reserven freizumachen.
Der ungarische Premier Péter Magyar dankte am Montag auf einer Pressekonferenz in Budapest der Bevölkerung und den Unternehmen für ihre freiwillige Senkung des Energieverbrauchs, mittels derer mehrere hundert Megawatt gespart werden konnten.
Millionen-Einbußen durch Energiekrise
Laut Magyar könnte die Energiekrise dem Land schätzungsweise 50 Milliarden Forint (137 Mio. Euro) kosten, da Importe teurer seien als der Strom von Paks. Der Premier kritisierte die abgewählte Regierung von Ex-Premier Viktor Orbán für deren Versäumnisse. Experten hätten bereits 2018 die Umlagerung der Pumpen im AKW zur Kühlwasser-Sicherung empfohlen, was nicht geschah. Unter Orbán seien keine Windparks gebaut worden, noch gebe es Fortschritte hinsichtlich des umstrittenen Baus von Paks II. Die zwei neuen Blöcke sollen durch den russischen Staatskonzern Rosatom gebaut werden.
Schwere Schäden durch historische Dürrekatastrophe
Auch die Landwirtschaft leidet unter der Dürrekatastrophe. Große Schäden gibt es vor allem bei Mais und Sonnenblumen. Durch Hitze und Wassermangel drohen große Einbußen bei der Nahrungs- und Futtermittelproduktion. Da die extreme Trockenheit den Reifeprozess der Pflanzen beschleunigte, mussten frühzeitige Ernten erfolgen. Laut dem staatlichen Wetterdienst HungaroMet hat die seit Beginn der Vegetationsperiode nahezu ununterbrochen anhaltende Dürre vielerorts irreversible Schäden verursacht. Weil die schwache Maisernte das Futtermittelangebot zu schmälern droht, könnte die Krise auch die Viehhaltung des Landes einholen. Die ungarische Regierung kündigte an, die Landwirte unterstützen zu wollen.
Donau-Schifffahrt auf Grund
Angesichts der historischen Tiefstände des Donauwassers kämpfen Fracht- und Personenschiffe auf der Donau mit massiven Behinderungen und Tiefgangsbeschränkungen. Etwa 15 internationale Kreuzfahrtschiffe sollen derzeit auf dem ungarischen Donauabschnitt ankern. Auch die Mehrheit der Frachtschiffe sitzt fest oder kann laut ungarischem Verkehrsministerium nur mit 10 bis 20 Prozent ihrer eigentlichen Tragfähigkeit fahren.
Dabei liegt die Entscheidung der Nutzung des Donauabschnittes auf Basis der täglich neu vermessenen Daten der ungarischen Wasserwirtschaftsdirektion (OVF) in der Eigenverantwortung der Kapitäne, da es keine behördliche Sperre gibt. Die Personenschifffahrtsgesellschaft MAHART hat umfassende Einschränkungen und Streckensperrungen angeordnet. Laut Experten ist Ungarn durch die Hitzekatastrophe besonders hart getroffen, da hier schiffbarkeitsfördernde Staustufen fehlen, berichtete das Onlineportal „VG.hu“. Demnach sind auch Tanker, die Treibstoff aus den Raffinerien in Schwechat und Bratislava (Slowakei) transportieren, betroffen, was die Lieferketten der großen Mineralölkonzerne OMV und des ungarischen Mineralölkonzerns MOL belastet und so für Probleme bei der Versorgung des ungarischen Treibstoffmarktes sorgen könnte.
APA



