Die KI-Strategie der EU für mehr Unabhängigkeit von den USA ist fragwürdig – sind Anlagen wie das Rechenzentrum in Kronstorf doch meist im Besitz der Tech-Giganten.
Das geplante Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf erhitzt die Gemüter. Vor Ort demonstrierten hunderte Menschen gegen die Umweltfolgen, Strom- und Bodenverbrauch. Das Projekt läuft praktisch ohne verpflichtende Umweltprüfung und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger; eine Initiative fordert die vollständige Offenlegung aller Verträge mit Google. Bei aller berechtigter Aufregung: Nicht nur Errichtung und Betrieb von Rechenzentren verdienen eine kritische Auseinandersetzung, sondern auch die dahinterliegende Macht der Big-Tech-Konzerne.
Kronstorf ist kein Einzelfall. In und um Wien sind schon 23 (kleinere) Rechenzentren in Betrieb, in ganz Österreich 52. Der amerikanische Konzern Digital Realty wirbt auf seiner Webseite mit Wien als idealem Standort für weitere Rechenzentren. Auch in Leopoldsdorf in Niederösterreich soll 2027 ein großes Rechenzentrum gebaut werden. EU-weit sind laut Prognosen mindestens 94 weitere sogenannte Hyperscaler mit enormem Stromverbrauch in Planung.
Die Proteste nehmen international zu – zwei Beispiele: In den Niederlanden haben Anrainerinnen und Anrainer gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten ein geplantes Meta-Großrechenzentrum in Zeewolde verhindert. In der spanischen Region Aragón kämpft die Initiative „Tu Nube Seca Mi Río“ („Deine Cloud trocknet meinen Fluss aus“) gegen Amazon-Rechenzentren, die bis zu 70 Prozent des regionalen Stromverbrauchs verschlingen könnten.
Hohe Energiepreise
Die Kritik ist überall ähnlich: Die Konzerne eignen sich Land, Wasser und Netzkapazität an und treiben die Energiepreise nach oben, während die Gewinne größtenteils in die USA fließen; die lokalen Gemeinden bleiben mit Lärm und ausgetrockneten Böden zurück. In Irland, wo Rechenzentren bereits 22 Prozent des gesamten Stroms verbrauchen, sind die Strompreise spürbar gestiegen. Dabei ist umstritten, ob dieser Ausbau überhaupt notwendig ist: So nutzen bestehende Rechenzentren in den Niederlanden nur rund ein Drittel ihrer reservierten Netzkapazität.
Geht es nach der EU, sollen bis 2030 viele weitere Rechenzentren gebaut werden. Mit dem geplanten Cloud and AI Development Act will die EU-Kommission die Rechenzentrumskapazität der Union verdreifachen. In „Beschleunigungszonen“ sollen Umweltprüfungen, Flächenwidmung und Bürgerbeteiligung ausdrücklich umgangen werden.
Die EU will durch mehr Infrastruktur die Unabhängigkeit von den USA sichern und die europäische Position im Wettlauf um KI stärken. Ob das mit der aktuellen Strategie gelingt, ist fragwürdig. Denn laut Folgenabschätzung der EU-Kommission wird der Ausbau vorwiegend von nicht-europäischen Cloud-Anbietern vorangetrieben. So werden Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google bis 2028 rund 65 Prozent der Nachfrage nach Rechenzentren in Europa abdecken. „Wenn ein Großteil der neuen Kapazitäten faktisch von einer Handvoll Akteuren genutzt wird, können diese maßgeblich mitbestimmen, wo und wie neue Infrastruktur entsteht, sich Zugang zu geeigneten Standorten sichern und zusätzlich von Skaleneffekten profitieren“, ist im Bericht zu lesen.
Der Anspruch nach digitaler Souveränität wird somit zum Einfallstor für genau jene US-Konzerne, von denen sich Europa eigentlich unabhängiger machen wollte – auf Kosten von Umwelt, Energiepreisen und Mitspracherecht der Menschen vor Ort. Das europäische Versprechen von digitaler Souveränität ist somit hohl und ohne demokratische Substanz.
Unbestritten ist, dass wir Rechenzentren für unsere digitale Gesellschaft benötigen. In welchem Ausmaß und unter welchen Bedingungen diese kritische Infrastruktur errichtet und betrieben wird, darf dabei nicht den Big-Tech-Konzernen überlassen bleiben.
Das grundsätzliche Problem
Der lokale Konflikt in Kronstorf ist dabei Symptom eines grundsätzlichen Problems: Amazon, Microsoft und Google sind zu den Machtzentren des digitalen Kapitalismus geworden. Sie kontrollieren mit ihren Cloud-Diensten heute rund 70 Prozent des europäischen Marktes. Die autoritären Big-Tech-Konzerne beherrschen damit die zentrale digitale Infrastruktur von Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung. KI dient dabei nur als Beschleuniger, mit dessen Hilfe die Konzerne nun auch das weltweite öffentliche Wissen privatisieren und monopolisieren. Die entscheidende Frage lautet daher, wer unsere digitale Infrastruktur kontrolliert, wie sie genutzt wird und wessen Interessen sie dient.
Deshalb reicht es nicht, Big Tech nur zu regulieren oder auf europäische Konkurrenzunternehmen zu hoffen. Digitale Infrastruktur muss als öffentliches Gemeingut verstanden und demokratisch kontrolliert werden. Das erfordert eine aktive Industriepolitik mit massiven Investitionen in eine öffentliche europäische KI-Infrastruktur – mit Rechenzentren, Cloud-Kapazitäten, Hochleistungsrechner und offener Software unter demokratischer Kontrolle. Dabei entscheidet sich, ob die rasante technologische Entwicklung zu noch mehr digitaler Überwachung, Polarisierung, Spekulation und massivem Ressourcenverbrauch führt – oder ob sie dem Gemeinwohl dient und die Sorgen der Menschen um Ressourcenverbrauch und Klimaschutz adressiert.
Hanna Braun ist Sozialwissenschafterin und arbeitet bei Attac zur Macht (digitaler) multinationaler Konzerne, Militarisierung und Energie.
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