Sonne und Wind liefern immer mehr Strom – aber nicht immer dann, wenn er gebraucht wird. Batteriespeicher können diese Lücke schließen. Für Gemeinden eröffnen sich dabei neue Möglichkeiten: als Standort, als Partner und als Profiteur.
Jahrzehntelang war die Stromversorgung einfach aufgebaut. Einige wenige große Kraftwerke erzeugten Strom und lieferten ihn über die Netze zu den Verbrauchern. Dieses System hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. In Österreich sind mittlerweile rund zehn Gigawatt Photovoltaikleistung und 4,5 Gigawatt Windkraft installiert.
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien wird Strom heute an vielen unterschiedlichen Orten erzeugt. Er kommt nicht mehr nur von großen Kraftwerken, sondern zunehmend von Hausdächern, Freiflächenanlagen und Windparks. Dadurch entstehen neue Anforderungen an das Stromsystem.
Strom aus Sonne und Wind lässt sich nicht nach Bedarf produzieren. Die Anlagen liefern Energie dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Der Verbrauch richtet sich jedoch nach anderen Faktoren. Deshalb müssen Erzeugung und Verbrauch laufend ausgeglichen werden.
Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der Austrian Power Grid (APG), nennt Strom ein „Just-in-Time-Produkt“. Er muss genau in jenem Moment erzeugt werden, in dem er benötigt wird.
WENN ZU VIEL STROM GLEICHZEITIG ERZEUGT WIRD.
Mit dem starken Ausbau erneuerbarer Energien treten immer häufiger Situationen auf, in denen große Mengen Strom gleichzeitig produziert werden. Besonders an sonnigen Tagen entstehen rund um die Mittagszeit erhebliche Überschüsse.
Hinzu kommt ein geografisches Ungleichgewicht. Ein großer Teil des erneuerbaren Stroms wird im Osten Österreichs erzeugt. Die großen Speicherkraftwerke befinden sich jedoch in den Alpenregionen im Westen. Dazwischen fehlen teilweise ausreichend leistungsfähige Leitungen, um die Energie rasch zu transportieren.
Die Folgen zeigen sich bereits heute. Immer häufiger kommt es zu negativen Strompreisen. In solchen Situationen muss Geld bezahlt werden, damit überschüssiger Strom überhaupt abgenommen wird. Das zeigt, wie groß die Herausforderungen für das Energiesystem geworden sind.
NETZE STOSSEN AN IHRE GRENZEN.
Die bestehenden Stromnetze wurden ursprünglich für eine andere Energiewelt geplant. Sie sollten Strom von zentralen Kraftwerken zu den Kundinnen und Kunden transportieren. Heute fließt Strom jedoch oft auch in die entgegengesetzte Richtung zurück ins Netz.
Deshalb investieren Netzbetreiber massiv in den Ausbau der Infrastruktur. Ziel ist es, mehr erneuerbare Energie zu den Speichern und Verbrauchszentren zu bringen. Doch Leitungen allein reichen nicht aus. Speicher werden zu einem zentralen Baustein der Energiewende.
WARUM BATTERIESPEICHER IMMER WICHTIGER
WERDEN. Batteriespeicher können Strom aufnehmen, wenn besonders viel Energie erzeugt wird. Sie geben ihn später wieder ab, wenn die Nachfrage steigt. Damit wird überschüssiger Sonnenstrom vom Mittag in die Morgen- oder Abendstunden verschoben.
Darüber hinaus helfen Batteriespeicher dabei, Lastspitzen zu reduzieren und das Stromnetz zu stabilisieren. Werden Speicher an den richtigen Standorten errichtet, können sie lokale Engpässe entschärfen und die Versorgungssicherheit erhöhen. Gleichzeitig bleibt ein größerer Teil der
Wertschöpfung in der Region.
Für Gemeinden eröffnet das neue Möglichkeiten. Erneuerbare Energie kann besser vor Ort genutzt werden. Netzkapazitäten werden effizienter eingesetzt. Außerdem können zusätzliche Einnahmequellen entstehen.
ÖSTERREICH BRAUCHT DEUTLICH MEHR SPEICHER.
Fachleute sehen beim Speicherausbau erheblichen Nachholbedarf. Der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft verlief in den vergangenen Jahren deutlich schneller als der Ausbau von Speichern und Stromnetzen.
Studien gehen davon aus, dass Österreich bis 2040 rund neun Gigawatt Batteriespeicherleistung benötigt. Das entspricht ungefähr der Leistung aller bestehenden Pumpspeicherkraftwerke des Landes. Während diese Anlagen über viele Jahrzehnte entstanden sind, muss ein vergleichbares Speichervolumen nun innerhalb weniger Jahre aufgebaut werden.
Vor allem im Osten Österreichs gelten Batteriespeicher als wichtige Lösung. Sie lassen sich vergleichsweise rasch errichten, benötigen wenig Fläche und stoßen häufig auf eine höhere Akzeptanz als andere Infrastrukturprojekte.
SPEICHERTYPEN
Nicht jeder Batteriespeicher ist gleich. Grundlegend sind drei Varianten zu unterscheiden:
- Stand-alone-Speicher werden direkt ans öffentliche Netz angeschlossen und gelten als Erzeugungsanlagen.
- Co-Location-Speicher werden gemeinsam mit einer Erzeugungsanlage – etwa Photovoltaik, Wind oder Wasser – errichtet und nutzen deren Netzanschluss.
Studien gehen davon aus, dass Österreich bis 2040 rund neun Gigawatt Batteriespeicherleistung benötigt. Das entspricht ungefähr der Leistung aller bestehenden Pumpspeicherkraftwerke des Landes.“ - Betriebsintegrierte Speicher sind eine Sonderform davon: Sie dienen einem konkreten betrieblichen Zweck, etwa der Lastverschiebung oder der Eigenbedarfsoptimierung in einem Gewerbebetrieb.
WIE GEMEINDEN SELBST ZU STROMSPEICHERN WERDEN KÖNNEN.
Eine wichtige Rolle könnten künftig Gemeinden übernehmen. Dabei geht es nicht darum, dass jede Gemeinde einen riesigen Speicher errichtet. Vielmehr entsteht ein Netz aus vielen kleineren Anlagen.
Ein Ansatz sind sogenannte „Schwarmspeicher“. „Direkt an öffentlichen Trafostationen werden Batteriespeicher mit 200 bis 400 kW Leistung installiert, und Hunderte Standorte werden zu einem virtuellen Großspeicher verknüpft, der gebündelt an der Strombörse vermarktet wird“, erklärt Christian Kirchweger von der Firma electrify smart energy GmbH.
Der Schwarmspeicher nimmt überschüssigen PV-Strom von Haushalten und Gewerbe direkt dort auf, wo er erzeugt wird. Das entlastet das Stromnetz und erhöht die Effizienz, weil der
Strom nicht in höhere Netzebenen transferiert werden muss. Anstatt zum Beispiel vom Weinviertel nach Tirol in den Pumpspeicher zu wandern (und wieder retour), bleibt die Energie vor Ort. Der Strom wird wieder ins Netz eingespeist, wenn er benötigt wird und dementsprechend auch etwas wert ist. „Ein Schwarmspeicher ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile“, sagt Christian Kirchweger.
GESCHÄFTSMODELL FÜR GEMEINDEN?
Indem Orts-Trafos mit Batteriespeichern ergänzt werden, soll die Netz-Sicherheit verbessert werden. Gleichzeitig erwartet man, dass Einspeisekapazitäten frei werden, weil die Mittagsspitzen weggespeichert werden. Kirchweger: „Das hilft beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren, weil dadurch mehr Photovoltaik im Netz untergebracht werden kann.“
Weiters kann die Gemeinde Zusatzerlöse aus der bestehenden Infrastruktur schaffen, indem sie sich an Speicherprojekten beteiligt oder die Flächen für Batteriespeicher in Trafo-Nähe verpachtet.
Ein Schwarmspeicher ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile.“
Christian Kirchweger, Head of Business Development bei electrify smart energy GmbH, über den Ansatz, statt eines großen viele kleinere Speicher zu errichten
Viele Gemeinden werden derzeit von Unternehmen kontaktiert, die Speicherprojekte auf Gemeindegrund errichten wollen. Leopold Schalhas, Leiter der Abteilung Umwelt- und Anlagenrecht im Amt der niederösterreichischen Landesregierung, empfiehlt diesen Gemeinden, mit der zuständigen Fachabteilung des Bundeslandes sowie mit dem Netzbetreiber Kontakt aufzunehmen und sich abzusprechen.
Wie ein Speicherprojekt aussehen kann, zeigt die niederösterreichische Marktgemeinde St. Martin-Karlsbach. Dort ist der Bau einer Großbatteriespeicheranlage mit rund 90 Megawatt Leistung und 180 Megawattstunden Kapazität geplant. Die Anlage soll direkt beim Umspannwerk entstehen und die Integration erneuerbarer Energien unterstützen.
Hinter dem Projekt steht das Unternehmen Blackvolt, das sich als Infrastrukturentwickler und Betreiber moderner Energiespeicherlösungen versteht. „Das Unternehmen ist aktiv auf uns zugekommen“, berichtet Bürgermeister Florian Weigl. In der Folge wurden Gespräche über die grundsätzliche Umsetzbarkeit und über mögliche Standorte geführt.
PLANUNG UND BÜRGERBETEILIGUNG.
Der zuständige Netzbetreiber ist in die Planung eingebunden. Bürgermeister Weigl betont: „Für mich ist wichtig, dass solche Projekte koordiniert und in ein Gesamtkonzept eingebettet umgesetzt werden.“ Eine Vertragsraumordnung wurde noch nicht abgeschlossen. Gemeinde und Unternehmen erarbeiten derzeit gemeinsam ein Konzept, die konkreten Verträge werden noch ausgearbeitet.
Zu Beginn gab es Unsicherheit unter Anrainern. Für Weigl ist das bei neuen Technologien auch nachvollziehbar: „Mir war als Bürgermeister immer wichtig, dass die Sorgen und Bedenken der Bürgerinnen und Bürger ernst genommen werden.“
Deshalb wurden gemeinsam mit Blackvolt Informationsveranstaltungen durchgeführt. Dabei wurde offen über das Projekt, die Sicherheitsmaßnahmen sowie die Chancen und Auswirkungen auf die Umgebung informiert.
MAG. HELMUT REINDL IST REDAKTEUR BEI KOMMUNAL helmut.reindl @ kommunal.at
KOMMUNAL helmut.reindl @ kommunal.at



