Bei Gas ist die Lage schlimmer als bei Öl

10. Juli 2026

Der Gaspreis ist seit der erneuten Eskalation im Iran um mehr als elf Prozent gestiegen. Der wichtige Produzent Qatar Energy setzt Pläne zum Hochfahren der Produktion aus.
Der europäische Gaspreis ist seit Dienstag um mehr als elf Prozent auf 49 Euro pro Megawattstunde (MWh) gestiegen, nachdem ein katarischer Flüssiggastanker attackiert wurde. An Bord brach Feuer aus. Auch ein weiterer Tanker, der die Straße von Hormus passierte, wurde getroffen.
Die USA reagierten mit neuen Angriffen auf den Iran, US-Präsident Donald Trump erklärte das Friedensabkommen am Rande des Nato-Gipfels für hinfällig. Der Verkehr durch die Straße von Hormus ist seitdem nahezu zum Erliegen gekommen.


Am Mittwoch passierten laut Bloomberg nur 14 Tanker die Meerenge in beide Richtungen, in den drei Wochen zuvor lag der Durchschnittswert bei 34. Am Donnerstagmorgen fuhren bisher nur zwei größere Schiffe durch die Straße von Hormus. Doch bereits vor dieser erneuten Eskalation lag der Gaspreis, anders als Öl, deutlich über dem Niveau, das er vor dem Irankrieg hatte. Der für das europäische Preisniveau richtungsweisende Kontrakt Amsterdam TTF wurde bereits am Montag, vor den erneuten Angriffen, rund 40 Prozent über dem Vorkriegsniveau gehandelt.


Denn die Risiken rund um die Straße von Hormus sind nicht der einzige Grund, wieso der Gaspreis so hoch bleibt.
Während am Ölmarkt bereits zeitweise über ein Überangebot spekuliert wurde, herrscht am Gasmarkt weiterhin Knappheit. Der Grund dafür sind die massiven Zerstörungen von Produktionsinfrastruktur im Nahen Osten. Zwar waren auch Ölanlagen von Angriffen betroffen, doch das Ausmaß der Zerstörungen im Gassektor ist viel größer. So wurde die Flüssiggas-Anlage in Ras Laffan, die von Staatskonzern Qatar Energy betrieben wird, im März durch iranische Raketenangriffe schwer beschädigt.
Katar deckte bis zum Irankrieg etwa ein Fünftel des weltweiten Bedarfs an verflüssigtem Erdgas (LNG), in Ras Laffan steht die wichtigste Anlage. Betroffen sind laut Nachrichtenagentur Bloomberg bis zu 20 Prozent der katarischen LNG-Kapazitäten. Es dürfte Jahre dauern, bis sie vollständig wiederhergestellt werden.


Zwar bemüht sich Qatar Energy um ein schnelles Wiederhochfahren der unbeschädigten Anlagenteile, doch zwei Produktionslinien bleiben voraussichtlich für drei bis fünf Jahre außer Betrieb. Auch eine für 2027 geplante Erweiterung der Kapazitäten musste Qatar Energy auf 2028 verschieben.
Wegen des Angriffes auf den LNG-Tanker am Dienstag hat Qatar Energy zudem vorerst gestoppt, seine Produktion rasch wiederhochzufahren, wie Bloomberg berichtet. Demnach soll die Produktion auf einem Mindestniveau gehalten und die Zahl der Schiffe, die den Hafen der Anlage anlaufen, reduziert werden. Das ist eine der drastischsten Folgen der erneuten Eskalation und stellt eine Kehrtwende dar.
Noch im Juni sagte der katarische Ministerpräsident und Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani der „Financial Times“: „Innerhalb weniger Wochen wird sich die Produktion mit Ausnahme der beschädigten Anlage wieder normalisieren.“ Qatar Energy bereite sich darauf vor, den Betrieb wieder aufzunehmen, sobald sich die Lage in der Straße von Hormus normalisiert habe, sagte Al-Thani. Das wurde nun vorerst auf Eis gelegt.


Experten waren ohnehin weniger optimistisch. So rechnet Francisco Blanch, Leiter des Bereichs globale Rohstoffe bei der Bank of America (BofA), mit vier Monaten, bis Katar wieder etwa 80 Prozent des Vorkriegsniveaus produziert. Weitere drei Jahre dürfte es dauern, bis dieses Niveau überschritten werde.
Auch David Luff, Senioranalyst bei der Preisberichtsagentur Argus Media, sagt: „Es besteht weiterhin erhebliche Unsicherheit hinsichtlich des Zeitplans für eine vollständige Erholung der Produktion.“ Im Argus-Basisszenario würden die Versorgungsunterbrechungen noch bis in den September hinein anhalten. Angesichts der weiterhin fragilen geopolitischen Lage bestehe aber das Risiko, dass Qatar Energy sich gegenüber den Kunden noch länger auf höhere Gewalt berufen könne. Zuletzt hatte das Unternehmen dem italienischen Energiekonzern Edison mitgeteilt, dass die Lieferungen wegen höherer Gewalt weiterhin ausfielen.


Die Exporte aus Ras Laffan liegen laut Bloomberg weiterhin etwa 80 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Erholung des Gasmarkts geht also nur langsam voran. Viel hängt von der Normalisierung der Schifffahrt in der wichtigen Seestraße von Hormus ab. Und diese verlief bereits vor der erneuten Eskalation zwischen den USA und dem Iran holprig: Der Schiffstrackerdienst Marine Traffic verzeichnete zwischen dem 3. und 5. Juli insgesamt 108 Durchfahrten. Das ist lediglich rund ein Fünftel des Vorkriegsniveaus. Davon hätten 44 Schiffe die iranische Route, 30 die omanische und zehn die von der International Maritime Organisation ausgewiesene Route benutzt – beim Rest weiß man es nicht.
Der Iran besteht darauf, dass Schiffe die Fahrrinne entlang seiner Küste nutzen. Dass die iranischen Revolutionswächter dies mit Gewalt durchsetzen wollen, machten sie mit ihren jüngsten Angriffen auf Tanker deutlich. In dem Konflikt geht es um mögliche Gebühren, die Teheran für den Transit erheben will. Darüber verhandelt der Iran derzeit mit dem Oman.


Durch die Blockade der Straße von Hormus fehlten dem Markt jeden Tag etwa zehn Milliarden Kubikmeter LNG, die nicht kompensiert werden könnten, schreibt Commerzbank-Analyst Norman Liebke. Von den Ausfällen sind vor allem die asiatischen Länder betroffen, da sie deutlich abhängiger von der Golfregion sind als europäische Länder, schreibt Liebke. So würden Indien, Südkorea, Taiwan und Pakistan etwa 30 Prozent ihres gesamten Gasverbrauchs aus dem Nahen Osten decken. Europa importiere hingegen nur knapp drei Prozent seines Bedarfs aus dem Nahen Osten.


Dennoch bewegen sich die Preise in Europa (TTF) und Asien (JKM) nahezu im Gleichlauf. Der Grund dafür ist die zunehmende Globalisierung des Gasmarkts. „Europa und Asien konkurrieren um dieselben flexibel verfügbaren LNG-Mengen“, erklärt Commerzbank-Analyst Liebke. Das heißt: „Steigt in Asien aufgrund höherer Versorgungsrisiken die Zahlungsbereitschaft, müssen europäische Käufer ebenfalls höhere Preise akzeptieren, um Lieferungen anzuziehen.“


Derzeit liegt Asien in diesem Konkurrenzkampf vorn: Die US-LNG-Exporte nach Europa seien im Juni auf ein Zweijahrestief gefallen, da zunehmend Lieferungen in andere Regionen, vor allem Asien, umgeleitet worden seien, so Liebke. Das unterstreichen auch Daten von Argus. Demnach sank Europas Anteil an den US-LNG-Exporten im Juni auf 41 Prozent, gegenüber 64 Prozent im Vorjahr. Asiens Anteil stieg auf 39 Prozent, verglichen mit 19 Prozent im Vorjahr. Laut der Bank UBS nahmen die US-LNG-Lieferungen nach Asien im Vergleich zum Vorjahr um 56 Prozent zu, während die Lieferungen nach Europa um 45 Prozent zurückgingen.


„Für den europäischen Gasmarkt könnte diese Entwicklung zum Problem werden, insbesondere da die Region ihre Speicher vor der nächsten Wintersaison noch weiter auffüllen muss“, warnt Commerzbank-Analyst Liebke.


Die europäischen Gasspeicher wiesen Ende Juni einen Füllstand von 49 Prozent auf, rund zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Sollte das Einspeichertempo anhalten, könnte der Füllstand bis Ende Oktober laut UBS etwa 72 Prozent erreichen. Damit läge er deutlich unter dem bisherigen Tiefstwert von 77 Prozent. Problematisch ist dabei auch das Preissignal des Marktes: Da Sommerkontrakte aktuell teurer sind als Winterkontrakte, fehlt den Händlern der Anreiz, Gas für die kalte Jahreszeit einzulagern.


Hitzewelle verschärft Engpass
Als wäre die geopolitische Lage nicht schon komplex genug, schlägt jetzt auch das Wetter auf den Gasmarkt durch. Experten warnen, dass mit einer 80- bis 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit das Wetterphänomen El Niño in der zweiten Jahreshälfte auftritt. Dabei erwärmt sich das Wasser im Pazifik ungewöhnlich stark. Alle zwei bis sieben Jahre belegen Meteorologen das Phänomen, das sich weltweit auswirkt und zu ausgeprägter Hitze und Dürre, aber auch zu verbreitetem Starkregen führen kann.
Extreme Hitzewellen in Asien und Europa erhöhen die Stromnachfrage für Klimaanlagen massiv, was wiederum den Gasverbrauch zur Stromerzeugung in die Höhe treibt und die Preise weiter steigen lässt.
Der Gasmarkt dürfte sich also mindestens in diesem Jahr noch nicht normalisieren, Europa muss sich auf eine längere Phase höherer Preise einstellen.


Eine spürbare Entlastung durch neue Kapazitäten aus den USA und den reparierten Anlagen in Katar wird wohl erst im Winter 2027 eintreten.

Handelsblatt