Während die Schweiz über eine Aufhebung des Neubauverbots für Atomkraftwerke debattiert, zeigt eine Studie, dass sich neue AKW nur mit staatlicher Unterstützung rechnen. Die Studie wurde von der ETH Zürich und dem Paul Scherrer Institut (PSI) in Villigen erstellt. „Wir werden aber kein Plädoyer für oder gegen Kernenergie geben“, betonte Christian Schaffner, Geschäftsführer des Energy Science Center der ETH Zürich, am Montag vor den Medien.
Für ihre Analyse kombinierten 19 Expertinnen und Experten verschiedene Szenarien für das Schweizer Energiesystem bis 2050 und untersuchten, unter welchen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neue Kernkraftwerke Teil des kostenoptimalen Strommixes würden. Die Modelle kommen zu dem Ergebnis, dass unter den heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neue Atomkraftwerke nicht wettbewerbsfähig seien. Aber: „Es geht auch ohne“, sagte der an der Studie beteiligte Forscher André Bardow von der ETH Zürich.
Die Schweiz kann der Analyse zufolge ihr Netto-Null-Ziel, bis 2050 eine ausgeglichene Treibhausgasbilanz anzustreben, mit bestehenden und geplanten Technologien erreichen, ohne dass dafür neue Atomkraftwerke notwendig sind. Das Schweizer Energiesystem würde dann auf Wasserkraft, Solarenergie sowie weiteren erneuerbaren Energien und Speichern basieren. Entscheidend ist laut den Forschenden außerdem ein funktionierender Stromhandel mit dem Ausland. Gleichzeitig kommt die Studie zum Schluss, dass neue Kernkraftwerke grundsätzlich technisch in ein solches Energiesystem integriert werden können. Ob sie tatsächlich gebaut würden, entscheidet jedoch ihre Wettbewerbsfähigkeit. Nach den Modellen wäre diese nur erreichbar, wenn Kernenergie staatlich unterstützt würde und der Staat einen Teil der Risiken tragen würde.
Baukosten schwierig zu ermitteln
Eine zentrale Rolle spielen zudem die Baukosten. „Wir haben in Europa eine Handvoll von Neubauprojekten, die zum Teil deutlich aus dem Ruder gelaufen sind. Es gibt aber im nicht-europäischen Ausland zum Teil Projekte, bei denen die Baukosten sehr günstig ausgefallen sind. Es ist also relativ schwierig, sich dort auf eine Zahl festzulegen“, sagte Andreas Pautz vom PSI. Während die jüngsten Neubauten in Europa und den USA Investitionskosten von rund 12.000 Franken (13.018,01 Euro) pro Kilowatt verursacht hätten, gebe es in anderen Ländern deutlich günstigere Beispiele.
Nach den Modellrechnungen wäre neue Kernkraft wirtschaftlich, wenn die Baukosten höchstens rund 8.000 Franken pro Kilowatt installierter Leistung betragen würden. Dass die Baukosten auf diese 8.000 Franken pro Kilowatt gebracht werden könnten, hält Pautz nicht für unrealistisch. Auch mit neuen Kernkraftwerken verschwindet jedoch eine weitere Herausforderung nicht: die Winterversorgung. Ganz ohne Importe kommt die Schweiz laut Studie auch dann nicht aus. „Selbst mit neuen Kernkraftwerken sagen alle Modelle voraus, dass die Schweiz Nettoimporteur bleibt“, so Pautz. Ein enger Stromhandel mit den Nachbarländern bleibt in allen untersuchten Szenarien ein zentraler Bestandteil einer sicheren und bezahlbaren Stromversorgung.
Studie ruft unterschiedliche Reaktionen hervor
Die Schweizerische Energiestiftung (SES) sieht die Studie als Argument gegen den Neubau von Atomkraftwerken. „Sie bräuchten massive Bundessubventionen – und so tiefe Baukosten, wie sie für die Schweiz nicht realistisch sind“, ließ sich SES-Geschäftsführer Nils Epprecht in einer Mitteilung zitieren. Außerdem belege die Studie klar, dass die Schweiz auch ohne neue Atomkraftwerke die Versorgungssicherheit und Klimaziele gewährleisten könne.
Ganz anders sehen es Atomkraftbefürworter. „Welche Rahmenbedingungen künftig gelten sollen, ist letztlich eine politische Entscheidung“, sagte Hans-Ulrich Bigler, Präsident des Nuklearforums Schweiz in einer Mitteilung zur Studie. Die Studie zeige zudem, dass Kernenergie Teil eines zukünftigen Energiesystems sein könne und dass sie Winterstromimporte reduzieren könne. „Gerade deshalb ist die Aufhebung des gesetzlichen Neubauverbots der richtige Weg“, so Bigler weiter.
APA/sda




