„Durch dieses System geht keine Kilowattstunde mehr verloren“

7. April 2026

Markus Mitteregger, Chef der RAG, des größten Gasspeicherbetreibers im Land, treibt seit drei Jahren eines der Vorzeigeprojekte für Wasserstoff in Europa voran. Unterstützung aus der Politik? Fehlanzeige.


Die RAG testet seit 2023 die Einspeicherung von reinem Wasserstoff in einen Gasspeicher. Wie ist der Stand der Dinge?

Markus Mitteregger: Die Speicherung von Wasserstoff funktioniert gut. Wir nutzen Photovoltaikstrom aus unseren eigenen Anlagen und überschüssigen Strom aus dem regionalen Netz. Damit machen wir Wasserstoff, speichern ihn ein und er kommt bereits den dritten Winter hochrein aus dem Sandstein aus 1000 Metern Tiefe wieder heraus. Über eine acht Kilometer lange Hochdruck-Wasserstoffpipeline schicken wir ihn zu einer Kraft-Wärme-Kopplung, die unsere eigene Anlage mit Strom und Wärme versorgt. Damit ist eine sehr hohe Effizienz gegeben. Außerdem können wir mittlerweile Wasserstoff direkt ins Erdgasnetz einspeisen, vorerst nur mit zwei Prozent.

Ihr Elektrolyseur ist bisher relativ klein. Sie haben aber große Pläne.

Derzeit sind es zwei Megawatt. Wir erweitern das Ganze jetzt auf 15 Megawatt. Die Anlage ist schon in Bau und geht Ende des Jahres in Betrieb. Die Salzburg AG ist auch dabei. Damit können wir rund 17 Millionen Kubikmeter Wasserstoff herstellen und 5,5 Millionen Kubikmeter fossiles Erdgas ersetzen.

Das wäre dann der größte Elektrolyseur in Österreich?

Wenn er in Betrieb ist, wird es die größte kommerzielle Anlage sein. Es gibt aber vor allem keinen anderen, der ohne Fördergelder errichtet wird. Wir bieten einigen Energieunternehmen an, ihren Überschussstrom in Wasserstoff umzuwandeln, sodass sie ihn im Winter verwenden können. Einfach gesagt: Durch dieses System geht keine Kilowattstunde mehr verloren. Jede weitere Photovoltaik-, Wind- oder Wasserkraftanlage reduziert so den Importbedarf im Winter.

Wie viel bleibt von der eingesetzten Energie, also dem Überschussstrom, übrig?

Diese Frage will ich nicht direkt, sondern etwas differenzierter beantworten. Es ist in meinen Augen eine Suggestivfrage für jene, die kein Verständnis für Energiesysteme haben, die nur dazu dient, das schlechtzumachen. Das können Sie gern so reinschreiben. Jede Nutzung des Überschussstroms ist besser als gar keine. In der Regel sind es rund 30 Prozent. Nein. Mit der Kraft-Wärme-Kopplung kann man mit dem eingesetzten Strom auf über 70 Prozent Energieausbeute kommen. Im Winter braucht man viel mehr Energie für Wärme als für Strom.

Österreich hat eine Wasserstoffstrategie vorgelegt. Was bedeutet das für die RAG?

Laut Bundesregierung braucht Österreich 2030 rund 1,2 Terawattstunden Wasserstoffspeicherung, für die ungefähr 1000 MW Elektrolyseleistungen notwendig sind. Wir können die 1,2 Terawattstunden mit zwei Erdgasspeichern schaffen, die wir umbauen. Wir können einen guten Teil der Elektrolyseleistung im Bereich Oberösterreich/Salzburg bereitstellen. Wobei das genauso gut irgendwo in Österreich sein könnte. Hauptsache, man hat bis 2030 das Wasserstoffkern- bzw. -startnetz. Das haben wir alles in Vorbereitung. Es braucht allerdings eine gesetzliche Grundlage dafür.

Was genau fehlt?

Erstens muss die kommerzielle Wasserstoffspeicherung im Berggesetz verankert werden. Bislang haben wir bilaterale Verträge für Test- und Demoanlagen. Zweitens braucht es eine Finanzierungsgrundlage, denn eine Wasserstoffstrategie ist nur etwas wert, wenn sie auch über Gesetze finanziert wird. Man könnte zum Beispiel die CO2-Abgaben dazu heranziehen, um in erster Linie die Elektrolysen zu finanzieren. Österreich braucht diese Infrastruktur, daher muss man Geld in die Hand nehmen.

Wie weit sind Sie bei den Netzen?

Die Netz Oberösterreich will eine Wasserstoffleitung bauen, das „Startnetz Oberösterreich“. Die Kunden sind im oberösterreichischen Zentralraum. Der Ausbau betrifft etwa 20 Kilometer von Sattledt nach Linz und in weiterer Folge von Sattledt Richtung Westen in den Flachgau, wo die großen Erdgasspeicher sind. Es braucht nur die Genehmigung durch die E-Control.

Welche Hürden gibt es sonst? Als Sie mit dem Projekt begonnen haben, war halb Europa hier.

Wie so oft haben viele geglaubt, dass das nicht funktioniert. Mittlerweile hatten wir aus der ganzen Welt Besuch, weil ähnliche Projekte geplant sind. Wir führen in Gampern auch ein EU-weites Referenzprojekt für Wasserstoffspeicherung mit Partnern aus Ungarn, Spanien, Holland und Polen an, um die Ausrollung auch in anderen Ländern zu ermöglichen.

Die großen Fragen zum Speichern sind geklärt? Es ging darum, wie sich der Wasserstoff in der Lagerstätte verhält. Wir haben zehn Jahre lang getestet und jetzt einen gewaltigen Wissensvorsprung und auch entsprechende Patente eingereicht. Die Ergebnisse haben uns überzeugt, dass wir größer planen können. Bis 2040 braucht es laut der Regierung sieben Terawattstunden für die saisonale Verlagerung von Strom. Das könnten wir mit unseren bestehenden Speichern erfüllen. Nachdem wir weiter Erdgasspeicher brauchen, vor allem für deutsche Gaskraftwerke, aber auch österreichische, wird man bei Bedarf auch zusätzliche neue Lagerstätten nutzen. Wir sind überzeugt, dass wir Schritt für Schritt alle unsere Lagerstätten von Erdgas auf Wasserstoff umstellen können.

Grüner, also mit Ökostrom erzeugter Wasserstoff ist sehr teuer. Gibt es ein Geschäftsmodell, wenn er drei bis vier Mal so viel kostet wie Erdgas?

Für den Preis gibt es einen simplen Grund: Sie müssen den Wasserstoff erzeugen. Erdgas muss nur an die Oberfläche geholt werden und ist sofort einsatzbereit. Es ist eine volkswirtschaftliche Frage, ob wir weiterhin im Sommer Anlagen – auch Wasserkraft – abschalten, weil es einfach viel zu viel Sonnenstrom gibt, und im Winter Strom aus Erdgas, Atomkraft oder Kohle teuer importieren. Es wäre auf Dauer sinnvoller, den Überschussstrom im Sommer als Wasserstoff für den Winter einzuspeichern. Vor allem: Was ist das Ziel, wenn man Erneuerbare ausbaut, die völlig wetterabhängig sind? Man muss einfach die gleichen Kapazitäten im Hintergrund halten, um den Leistungsbedarf zu decken. Mit Batterien schaffen Sie es, fünf bis sechs Stunden zu überbrücken, mit allen Pumpspeichern bestenfalls bis zu zwei Wochen. Aber der Winter dauert länger. Es würde strategisch Sinn machen, die Energiewende fertig zu denken. Wir sind bei der Hälfte stehen geblieben, der Ausgleich Sommer/Winter fehlt aber noch.

Geht sich das für die RAG ohne Förderungen aus?

Wir bauen jetzt auf eigene Rechnung und eigenes Risiko aus. Wenn aber zum Beispiel Wasserstoff seine grüne Eigenschaft verliert, nur weil er ins Erdgasnetz eingespeist worden ist, werden wir das nicht mehr lang weitermachen können oder warten müssen, bis eine Wasserstoffpipeline kommt. Wir bitten die Bundesregierung dauernd: Bitte ändert das. Aber in Österreich dauert alles extrem lang.

Um wie viel Geld geht es eigentlich?

Die Investitionen belaufen sich heuer auf 20 Millionen Euro. Ab 2027 braucht es das Netz und das Gesetz, sonst wird irgendwann das Risiko zu hoch.

Haben Sie genug Abnehmer?

Es gibt genug Interesse, aber es ist auch die Frage, ob die Firmen sich das leisten wollen. Vieles hängt vom CO2-Preis ab. Wenn es im Raum Burghausen–Linz, mit dem Chemiedreieck und der Stahlproduktion, nichts wird, wird es nirgendwo was. Die Unternehmen brauchen aber eine Transformationsförderung.

Monika Graf