Taiwans Atomwende im Schatten Chinas

27. März 2026, Taipeh

Vor rund einem Jahr ging das letzte taiwanesische AKW vom Netz. Doch auf der Insel plant man schon den Neustart: Ohne eigene Atomkraft ist man Chinas Launen ausgeliefert. Der Irankrieg zeigt die bestehenden Lücken auf.

Es war ein Meilenstein in der Energiepolitik Taiwans, als Mitte Mai vergangenen Jahres der letzte Atomreaktor der Insel abgeschaltet wurde. Die „atomkraftfreie Heimat“ – das war seit Jahren, ja, Jahrzehnten Kernvision der progressiven Regierungspartei DPP. Das Unglück von Fukushima hat dieser Entwicklung zum Durchbruch verholfen.


Wenn am vergangenen Sonntag Präsident Lai Ching-te ankündigte, zwei Reaktoren – einen im Süden, einen im Norden der Insel – wieder ans Netz bringen zu wollen, dann zeigt der Schritt das Energiedilemma auf, in dem sich die umstrittene Insel befindet. Dass 95 Prozent von Taiwans Energiebedarf importiert werden müssen, hat zu einem großen Teil mit natürlichen Gegebenheiten zu tun. Kohle, Erdgas (LNG) und Rohöl kommen nahezu gänzlich aus dem Ausland – nämlich aus Saudi-Arabien, Kuwait, USA, Australien, Katar, Indonesien und Russland. So erklärte Lai den Schritt unter anderem damit, dass „die volatile geopolitische Lage eine absolute Resilienz der taiwanischen Energieversorgung“ erfordere. Gemeint ist der Krieg in Nahost und die Sperre der Straße von Hormus.


Eigentlich war es Präsident Lai, der in den letzten Jahren Tempo bei der Energiewende machte. Noch vor wenigen Monaten präsentierte man stolz die Fortschritte, die man bei der Diversifizierung der Energiequellen gemacht habe. 2024 wurden bereits 47 Prozent des Stroms aus Flüssiggas generiert, Tendenz steigend. Doch der Krieg in Nahost wirft nun ein Schlaglicht auf ein Problem, das die Insel immer wieder einholt: die Energiesicherheit.


Chinesische Bedrohung


Und beim Thema „Sicherheit“ ist die Frage nach der Volksrepublik China nie weit. Peking sieht Taiwan als eigenes Territorium, das sich es zur Not mit Gewalt einverleiben will. Vergangene Woche bot Peking Taipeh an, der Insel Energiesicherheit zu garantieren, sollte es sich der Herrschaft Pekings unterwerfen. In Taiwan lehnt man das ab. Was, wenn China aber tatsächlich beschließt, die Insel anzugreifen? Die Wahrscheinlichkeit für eine gewaltsame Invasion bleibt zwar gering, wie jüngst ein US-Geheimdienstbericht darlegte. Allerdings könnte just die Energie zum zentralen Angriffsziel Chinas werden, etwa im Szenario einer Blockade oder Quarantäne. In den Gewässern um Taiwan könnten chinesische Schiffe die Energielieferungen schlicht blockieren. Der Iran macht gerade vor, wie das in der Straße von Hormus funktioniert. Und US-Präsident Donald Trump zeigt, wie man Kuba den Energiehahn abdrehen kann. Die taiwanische Regierung bemüht sich um Beruhigung: Es gebe genug Reserven für die nächste Zeit, im Juni käme Nachschub aus den USA.


Und doch: Auf Taiwan rauchen die Köpfe. Der steigende Energiebedarf, die volatile Lage, China: Wie kann sich das langfristig ausgehen? Für manche hat gerade die Anti-Atompolitik der vergangenen Jahrzehnte zur enormen Abhängigkeit der Insel in Sachen Energielieferungen geführt.


Mitte September brach im drittgrößten Kraftwerk Taiwans ein Feuer aus. Es war zwar rasch gelöscht – der Vorfall aber sei vorhersehbar gewesen, meinen Energie-Analysten in Taipeh. Zu schnell sei diversifiziert, zu schnell auf Erneuerbare umgestellt worden. Das Stromnetz ist nicht so robust, wie es sein sollte. Und die Energiepolitik sei insgesamt zu ambitioniert.


Unrealistische Ideale


Die Regierung hatte das Ziel vorgegeben, bis 2030 den Anteil der Erneuerbaren von zwölf auf dreißig Prozent anzuheben. „Unmöglich“ nennt das ein Experte auf der Insel, der im Off spricht. Kurzum: atomfrei und grün. Das sind schöne Ideale – mit den realen Herausforderungen in Taiwan aber kaum vereinbar. Hinzu kommt, dass Taiwans Energiebedarf rasch steigt, mit seiner energieintensiven Chip-Industrie. Der Halbleitergigant TSMC wird zwar als „Silikonschild“ gegen Pekings Drohungen bezeichnet. Doch der Riese frisst Massen an Energie, seit der KI-Revolution am Chip-Markt umso mehr. So hat sich nun die Meinung, dass der Atomausstieg langfristig Taiwans Sicherheit gefährdet, bis in die höchsten Regierungsebenen durchgesetzt. Die zwei Reaktoren, die wieder hochgefahren werden sollen, könnten bereits Ende 2027 oder 2028 wieder Strom produzieren. Präsident Lai betont dabei, dass dafür die Nuklearsicherheit und das Problem des Atommülls gelöst werden müssen.


Kann der Atomstrom also Taiwans Energiedilemma auflösen? Die Herausforderungen sind enorm. Zuletzt hat Atomstrom auch nur noch rund drei Prozent des Energiemixes ausgemacht. Das könnte man wieder hochfahren. Die AKWs sind vielleicht verlässliche Energielieferanten – im Falle eines Konflikts werden sie aber auch zur Zielscheibe. Das Szenario der Vollinvasion ist wiederum aus energiepolitischer Sicht gar nicht das kniffligste, wie Bonnie Glaser und Amanda Hsiao vom German Marshall Fund jüngst schrieben. Damit würde ohnehin ein Handelsstopp einhergehen, die Industrie würde rasch heruntergefahren.


Heikle Gratwanderung


Was aber, wenn China langsam die Schlinge enger zieht? Wenn Peking LNG-Schiffe blockiert, aber nicht klar ist, für wie lange? LNG-Schiffe abfängt oder für eine ungewisse Zeit? Wenn Taipeh in dem Fall zu früh seine gesamte Chipindustrie einstellt, wäre das wirtschaftlich und politisch „selbstmörderisch“, so Glaser und Hsiao. Aber: „Sollte Taipeh den Stromverbrauch frühzeitig zu stark einschränken, läuft es Gefahr, seine Reserven zu schnell aufzubrauchen.“ Die Energiepolitik auf Taiwan bleibt eine Gratwanderung, wie so vieles auf der Insel.

Der Standard