Es gibt wenige Alternativen zur Straße von Hormus

27. März 2026, Wien

Die wichtigsten Öl- und Gasproduzenten der Welt sind durch den Iran-Krieg isoliert. Laut IEA kann nur ein Bruchteil der Produkte andere Wege nehmen.


Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, spart derzeit nicht mit drastischen Aussagen. Die faktische Blockade der Meerenge, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases (LNG, Liquefied Natural Gas) transportiert wird, sei „gravierender als die beiden großen Ölschocks in den 1970er-Jahren zusammengenommen“. Damals habe die Welt „jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren“, sagte Birol am Montag. Durch den Iran-Krieg habe man bis jetzt elf Millionen Barrel pro Tag verloren.


Die IEA hat sich die Alternativen zur Meerenge im Persischen Golf angesehen. Sie ist an ihrer engsten Stelle nur 29 Seemeilen (54 km) breit und besteht aus 3,7 km breiten schiffbaren Fahrrinnen sowie einer 3,7 km breiten Pufferzone. 2025 passierten laut IEA knapp 15 Mill. Barrel (159 Liter) Rohöl und rund 5 Mill. raffinierte Erdölprodukte pro Tag die Straße von Hormus. 44 Prozent des Rohöls gehen in Richtung China und Indien. Auch Japan und Korea sind stark abhängig, rund vier Prozent gingen nach Europa.


Die Alternativrouten für Rohöl aus dem Golf sind enden wollend. Laut IEA besteht eine geschätzte Exportkapazität von 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel pro Tag für Rohöl über die saudische Pipeline zum Roten Meer und über die Pipeline der Vereinigten Arabischen Emirate zum Hafen von Fujairah. Zwar könnten dort zusätzliche Kapazitäten vorhanden sein, doch die für die Umleitung und den Export größerer Mengen erforderlichen Logistik- und Lieferketten wurden noch nicht ausreichend getestet. Die 400 km lange Abu Dhabi Crude Oil Pipeline (Adcop) verläuft von den Onshore-Ölanlagen in Habshan in das kleine Scheichtum Fujairah beim Oman. Die Kapazität liegt den Angaben zufolge bei knapp 1,8 Mill. Barrel pro Tag. Die Vereinigten Arabischen Emirate exportieren bisher rund 1,1 Mill. Barrel über diesen Weg.


Saudi Aramco fährt Nutzung der „Petroline“ hoch


Quer durch Saudi-Arabien führt die „Petroline“ vom Ölfeld Abqaiq an der Ostküste zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Die zwei Leitungen haben eine Gesamtkapazität von 5 Mill. Barrel Rohöl pro Tag, die laut der saudischen Ölgesellschaft Aramco im Vorjahr auf 7 Mill. Fass täglich erhöht wurde. Parallel dazu verläuft eine Pipeline für verflüssigtes Heizgas (NGL) mit 300.000 Fass Kapazität pro Tag, die voll ausgelastet ist. Aramco-Chef Amin Nasser kündigte vorige Woche an, die Petroline werde bereits hochgefahren, man könne dann etwa 70 Prozent der üblichen Rohöllieferungen exportieren. Bisher produzierte das Land etwa 10 Mill. und exportiert 7 Mill. Barrel Öl täglich – vier Fünftel davon per Schiff.


Laut IEA flossen Anfang 2026 nur etwa 2 Mill. Barrel durch die Pipeline, womit je 3 bis 5 Mill. Fass Reservekapazität verblieben. Die Route über das Rote Meer ist allerdings teurer und sie birgt auch eigene Risiken, sollten etwa die Huthi-Rebellen im Jemen in den Krieg eingreifen. Theoretisch könnte Öl von Yanbu auch zu einem Hafen im nördlichen Roten Meer verschifft werden. Von dort führt eine Pipeline mit einer Kapazität von rund 2,8 Mill. Barrel ans Mittelmeer zum Petrochemiestandort Sidi Kerir.


Raffinerien in der Region drosseln die Produktion


Der Irak hat begonnen, die knapp 1000 km lange Pipeline vom irakischen Kirkuk – durch das Kurdengebiet – zum türkischen Hafen Ceyhan nach jahrelangen Streitigkeiten wieder zu nützen. Das Land exportierte bis zum Iran-Krieg rund 3,5 Mill. Barrel pro Tag, vor allem über den Hafen von Basra. Jetzt peilt die Regierung rund 1,2 Mill. Barrel pro Tag an.


Die Produzenten in der Golfregion exportierten 2025 auch 3,3 Mill. Barrel raffinierte Erdölprodukte, insbesondere Mitteldestillate wie Diesel und Kerosin – und 1,5 Mill. Barrel Flüssiggas (LPG) pro Tag. 39 Prozent der europäischen Kerosinimporte sollen 2025 durch die Straße von Hormus verschifft worden sein, wird berichtet. Wegen der Angriffe auf Anlagen und weil die Lager voll sind, wurden bereits Raffineriekapazitäten stillgelegt. Auch Raffinerien außerhalb der Region drosseln ihre Produktion.


Gasmarkt muss länger auf neue Kapazitäten warten


Auf den globalen Erdgasmärkten, die sich langsam von den Verwerfungen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 erholt haben, ist die Lage nun wieder ernst. Das Problem: Es gibt keine alternativen Transportwege für Erdgas aus Katar oder den Emiraten.


Katar transportiert bisher 93 Prozent seines LNG über die Straße von Hormus. Geringe Mengen Erdgas gehen über die Dolphin-Pipeline in die VAE und in den Oman, laut IEA hat die Leitung aber nur begrenzte Reservekapazitäten, zudem waren die LNG-Terminals in Oman bereits fast vollständig ausgelastet.


Durch den Angriff auf Ras Laffan in Katar am 2. März – die größte Verflüssigungsanlage der Welt – fallen zudem 17 Prozent der katarischen Lieferungen längerfristig aus. An sich wurden dieses Jahr und 2027 neue Flüssiggaskapazitäten weltweit erwartet, doch auch das werde sich verzögern, schreiben Experten des Oxford Institute for Energy Studies. Auch Komponenten für neue LNG-Terminals können nicht geliefert werden. Die Folge wären dauerhaft hohe Preise, die das Einspeichern von Gas für den nächsten Winter in Europa verteuern.

Monika Graf

Salzburger Nachrichten