Auf dem Weg zur klimaneutralen Fernwärme in Österreich

26. März 2026

Interview. Wie Fernwärme zu einem zentralen Baustein eines klimaneutralen Energiesystems werden kann, erörtert Katalin Griessmair-Farkas, stv. Geschäftsführerin des Fachverbandes Gas Wärme in der WKÖ

Die Dekarbonisierung der Fernwärme zählt zu den zentralen energiepolitischen Vorhaben Österreichs auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2040. Eine von der Austria Energy Agency erarbeitete Roadmap dient als strategische Grundlage für die Transformation eines Versorgungssystems und spielt heute schon eine tragende Rolle in der Wärmeversorgung urbaner Räume. Wird das künftig noch weiter an Bedeutung gewinnen?

Griessmair-Farkas: Entlang des von der Austria Energy Agency skizzierten Entwicklungspfads wird bis 2040 eine Zunahme der Fernwärmenachfrage um rund ein Drittel erwartet. Diese Entwicklung wird einen umfassenden Ausbau der Netzinfrastruktur sowie der Erzeugungskapazitäten nach sich ziehen. Die Zahl der versorgten Haushalte, Dienstleistungsbetriebe und öffentlichen Einrichtungen wird deutlich steigen – so die Annahme. Dadurch etabliert sich die Fernwärme zunehmend als Rückgrat einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Aktuell arbeiten wir zudem gemeinsam mit den Fernwärmeversorgern an einem Update dieser Dekarbonisierungsstudie.


Wie sieht es mit dem Einsatz erneuerbarer Energien aus?

Der Anteil erneuerbarer Energien liegt aktuell bereits bei etwas mehr als der Hälfte, doch für eine nahezu vollständige Dekarbonisierung müssen die verbleibenden fossilen Anteile ersetzt und zugleich zusätzliche Wärmemengen für neue Anschlüsse bereitgestellt werden. Denn trotz eines langfristig sinkenden Raumwärmebedarfs als Folge energetischer Gebäudesanierungen und energieeffizienter Neubauten wird der Fernwärmeverbrauch in Folge ihres Wachstums in absoluten Zahlen steigen. Grund dafür ist der fortschreitende Ersatz dezentraler, fossil betriebener Heizsysteme durch leitungsgebundene, zentral erzeugte Wärme. Damit wächst der Anteil der Fernwärme am gesamten Wärmemarkt, auch wenn der Gesamtbedarf an Raumwärme insgesamt zurückgeht.


Wieso wird Fernwärme in der klimaneutralen Wärmeversorgung eine wichtige Rolle spielen?


Die Zahl der versorgten Haushalte, Dienstleistungsbetriebe und öffentlichen Einrichtungen wird deutlich steigen. Dadurch etabliert sich die Fernwärme zunehmend als Rückgrat einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Parallel dazu verändern sich die Anforderungen an die Erzeugungsstruktur. Während Erdgas heute noch, insbesondere in den großen Städten in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, eine wichtige Rolle spielt, soll künftig ein breiter Mix aus Biomasse, Umweltwärme, industrieller Abwärme, Großwärmepumpen, Geothermie und saisonalen Speichern die Basis bilden.

Aus welchem Grund sind Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen auch in einem weitgehend erneuerbaren Energiesystem für Versorgungssicherheit und Flexibilität unerlässlich?


Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erzeugen sehr große Mengen an Strom und Wärme gleichzeitig und bedarfsgerecht. Dadurch wird eine hohe Brennstoffausnutzung ermöglicht und sie stellen Systemdienstleistungen für das Energiesystem bereit. Ihre Dekarbonisierung setzt jedoch die Verfügbarkeit erneuerbarer Gase, insbesondere von Biomethan und erneuerbarem Wasserstoff, voraus. Effizienzsteigerungen, Wärmespeicher und zusätzliche Umweltwärmequellen können den Bedarf an diesen Energieträgern zwar reduzieren, für Spitzenlasten und die gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung bleiben sie jedoch unverzichtbar. Aktuellen Szenarien zufolge könnten bis 2040 mindestens 7,6 Terawattstunden Grüner Gase erforderlich sein, um den Einsatz fossiler Energieträger zu verringern.

Wie würde sich diese Transformation auf die Dekarbonisierung auswirken?


Die klimapolitische Wirkung wäre beträchtlich. Durch den schrittweisen Umstieg auf erneuerbare Energieträger und Effizienztechnologien können die Treibhausgasemissionen der Fernwärmeerzeugung bei den entsprechenden Rahmenbedingungen bis 2040 um mehr als 90 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 2005 sinken. Die verbleibenden Restemissionen entstehen vor allem durch fossile Bestandteile in Abfällen bei der Müllverbrennung sowie durch vorgelagerte Emissionen entlang der Biomassebereitstellung. Insgesamt wäre damit eine nahezu vollständige Dekarbonisierung mit einem erneuerbaren Anteil von etwa 85 bis 90 Prozent erreichbar.

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung hat der Umbau der Fernwärme?


Der Investitionsbedarf für Netze und Anlagen wird bis 2040 auf rund 10,5 Milliarden Euro geschätzt. Diese Mittel fließen überwiegend in inländische Wertschöpfungsketten und sichern beziehungsweise schaffen tausende Arbeitsplätze in den Bereichen Planung, Errichtung und Betrieb der Infrastruktur. Erfahrungen aus vergangenen Förderperioden zeigen zudem, dass öffentliche Unterstützung eine hohe Hebelwirkung entfalten kann: Jeder eingesetzte Förder-Euro löst ein Vielfaches an privaten und öffentlichen Investitionen aus. Vor diesem Hintergrund ist die Dekarbonisierung der Fernwärme auch eine industrie- und konjunkturpolitische Chance.

Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um diese Transformation realistisch werden zu lassen?


Dazu zählen vor allem langfristig angelegte Förderinstrumente, geeignete gesetzliche Grundlagen für den Ausbau erneuerbarer Wärme und Gase sowie Planungssicherheit für Infrastrukturbetreiber. Gelingt dies, kann die Fernwärme zu einem zentralen Baustein eines klimaneutralen Energiesystems werden und zugleich ihre Rolle als effiziente, sichere und zukunftsfähige Versorgungsform weiter ausbauen. Damit es bezüglich der damit verbundenen Kostenbelastungen für die Fernwärmekunden möglichste Transparenz gibt, hat der FGW auch einen Fernwärmekodex erstellt, der die Anforderungen an Kundenrechte und die ordentliche Praxis der Fernwärmeversorgung beschreibt. Seine Anwendung wird den Mitgliedsunternehmen empfohlen. Mittlerweile sind über 25 Unternehmen dem Kodex beigetreten.