
15 Jahre nach dem Fukushima-Unfall nimmt die Atomkraft politisch wieder Fahrt auf. Expertinnen und Experten zeigten sich im Rahmen einer Veranstaltung unter dem Titel „Zwischen Reaktor und Rotor – Energiesicherheit im Krisenzeitalter“ an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien nun höchst skeptisch. Viele Akteure würden negative Aspekte der Kernkraft verschweigen. Und: „Ein Reaktor verzeiht keine Fehler“, sagte der Risikoforscher Nikolaus Müllner am Dienstagabend.
Erst kürzlich bezeichnete die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den – auch im Angesicht von Fukushima – angepeilten Atomkraftausstieg als „strategischen Fehler“. Auf der anderen Seite hat sich am Wochenende eine niederösterreichische Gemeinde in einer Abstimmung gegen die Umsetzung eines Windkraftprojekts ausgesprochen. Beides Indizien dafür, dass die viel zitierte Wende hin zu erneuerbaren Energieträgern und zum Klimaschutz aktuell einen schweren Stand hat – auch in Europa. Wenn nun die Atomkraftindustrie Morgenluft wittert, streicht sie gerne die positiven Aspekte der Technologie hervor – und spart Negativa tunlichst aus, so der Tenor unter den Forschenden und Aktivisten.
„Small Modular Reactors“ als neuer Aufguss von Uralt-Ideen
Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Boku, erklärte, dass viele der Argumente selbst unter gegenüber der Kernkraft recht positiv gestimmten Wissenschaftern und anderen Akteuren sehr kritisch gesehen werden. Was manche Start-ups im Zusammenhang mit ihren Konzepten für sogenannte „Small Modular Reactors“ (SMRs) – also Klein-Atomkraftreaktoren – in den Raum stellen, mache einige, auch industrienahe Personen direkt „wütend“. Vielfach handle es sich um neu aufgebrühte Ideen aus den 1960ern, 1970ern und 1980ern, die schon damals mit gutem Grund verworfen wurden, so Müllner.
Die alten SMR-Konzepte hätten sich als zu teuer entpuppt, erklärte Klaus Gufler, Experte für Nukleare Sicherheit im Umweltbundesamt. Jetzt komme einiges davon mit ein paar „Zusatzfeatures“ zurück in die vor allem politische Diskussion. Warum das alles jetzt plötzlich günstiger sein soll, könne aber niemand schlüssig darstellen. Dazu komme insgesamt die Frage, wie viele Uranvorräte mit guter Qualität es weltweit eigentlich noch gibt. Sehe man sich die horrenden Errichtungskosten von AKWs, ihre fragliche Laufzeit und ihre unklare Rolle im dezentraleren, mit Erneuerbaren gespickten Energiesystem an, frage man sich, woher der neue Hype um die Kernkraft eigentlich kommt.
Global 2000 sieht „viel Blabla“
Die Wirtschaftlichkeit sei tatsächlich höchst fraglich, meinte auch Patricia Lorenz von Global 2000. Man dürfe nicht vergessen, dass hier eine Industrie um ihr Überleben kämpft – vielfach mit nicht nachvollziehbaren Argumenten. AKWs brauchen teils Jahrzehnte, um mit Milliardensubventionen gebaut zu werden, und würden dann die „teuerst mögliche Energie“ liefern. Zudem würden sich private Investoren in dem Sektor weiter kaum engagieren, ergo müsse der Staat alles finanzieren und teuer fördern. Es sei bei weitem nicht alles so auf Schiene, wie es oft dargestellt werde. Lorenz: „Vieles ist wirklich Blabla.“
Trotzdem gebe es in der EU aktuell eine „extrem starke Nuklearlobby“, sagte Eva Gratzer-Heilingsetzer. Sie ist im Landwirtschafts- und Klimaschutzministerium für „Nuklearangelegenheiten“ zuständig. Das angestrebte Comeback zeichne sich schon länger ab, der Ukraine-Krieg war paradoxerweise ein Beschleuniger – obwohl die ukrainischen AKWs teils in die Schusslinie gerieten. Wenn jetzt in EU-Dokumenten die Kernenergie als „nachhaltig“ bezeichnet wird oder es Anwandlungen gibt, sie den Erneuerbaren gleichzustellen, sehe man, wohin die Reise geht.
Österreich in Mahner-Rolle aktuell „isoliert“
Österreich nehme seine Rolle als Warner vor den vernachlässigten negativen Aspekten der Technologie, auch in Form von eingebrachten Klagen, weiter wahr, stehe aber zunehmend isoliert da. Über neue AKWs wird momentan etwa in Italien, Estland, Lettland, Griechenland oder bereits seit knapp 15 Jahren in Polen nachgedacht, so Gratzer-Heilingsetzer.
Insgesamt habe man es hier mit einer risikobehafteten Technologie zu tun. Aus den Unfällen in Tschernobyl und Fukushima habe man zwar viel gelernt, die Frage, ob Reaktoren einmal „unanfällig für Fehler“ werden, sei jedoch eher mit einem Nein zu beantworten, so Müllner. Vor allem Bedienungsfehler könnten immer wieder passieren. Angesichts der massiven Folgen von Unfällen, der hohen Kosten und der Unsicherheiten bei der mittelfristigen Uran-Verfügbarkeit müsse man sich fragen: „Brauchen wir die Technologie so dringend?“
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