Die Kernschmelze des Green Deal

16. März 2026

Energie. Nach ihrer Atom-Umkehr könnte die EU eine sinnvolle Energiewende spät, aber doch noch schaffen. Wenngleich sie mit ihrem verkorksten Green Deal schon ziemlich viel industrielles Porzellan zerschlagen hat.


Der Ausstieg aus der Kernenergie sei „ein strategischer Fehler“ gewesen, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Woche. Die Kommission arbeite deshalb jetzt an einer Strategie, damit Europa wenigstens bei der kommenden Technologie der kleinen, modularen Kernkraftwerke wieder dabei sei. Und werde dafür auch kräftig Geld in die Hand nehmen. Vorerst sei dafür ein (vergleichsweise mickriger, wie wir anmerken) Fonds über 200 Mio. Euro vorgesehen.


Mit ihrer späten Einsicht hat die Kommissionschefin wohl recht. Wenngleich sie früher als Ministerin der Regierung Merkel in Deutschland selbst aktiv an der Vorbereitung dieser strategischen Fehlentscheidung beteiligt war. Und nicht nur an dieser: Der ganze Green Deal der EU war eine schreckliche Fehlkalkulation. Nicht, weil die Energiewende und das Anpeilen einer CO2-neutralen Wirtschaft falsch wären. Sondern weil dies alles bürokratisch, ideologiegetrieben, physik- und praxisfern aufgezogen worden war. Und damit der Wirtschaft enormen Schaden zugefügt hat. Viele Industriebetriebe wurden dadurch zu Teilverlagerungen ins Ausland gezwungen.


Hunderttausende gut bezahlte Industriearbeitsplätze sind auf diese Weise in den vergangenen sechs Jahren aus Europa verschwunden. Am stärksten hat die Deindustrialisierung dort zugebissen, wo die ideologiegetriebene Energiewende am radikalsten durchgezogen wurde: in Deutschland. Dort sind in den vergangenen Jahren fast 270.000 Industriejobs verschwunden. Knapp die Hälfte davon im Vorjahr. Die Entwicklung nimmt zudem gerade unangenehm Fahrt auf: Heuer sollen weitere 150.000 Jobs verschwinden.


Ein einziges Unternehmen, der Volkswagen-Konzern, hat in dieser Woche den Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland angekündigt. Die meisten dieser Jobs sind allerdings nicht weg: Sie wandern nach China, in die USA, nach Indien, aber auch in EU-Länder mit vernünftigerer Industrie- und Energiepolitik. Deutsche Paradebetriebe sind ja gerade dabei, in großem Stil Produktion und damit Arbeit etwa nach Polen oder nach Ungarn umzuschichten.


Teure Energie ist natürlich nicht der einzige Grund dafür. Aber einer der wichtigsten. Und zumindest bei der Elektrizität, die ja künftig die dominierende Rolle in Industrie, Verkehr und Raumwärme spielen soll, sind die Probleme sehr weitgehend hausgemacht.


Man kann das wieder am Extrembeispiel Deutschland sehr schön darstellen: Dort wurden bisher 600 Mrd. Euro in eine weitgehend ideologiegetriebene Energiewende gesteckt. Mit dem Ergebnis, dass Deutschland immer noch (gemessen am CO2-Ausstoß) den zweitschmutzigsten Strom Europas erzeugt. Bilanziell haben Wind und Sonne zwar schon einen sehr hohen Anteil am Strommix, der Durchschnitt ist in einem Stromnetz aber völlig irrelevant. Weil die Erneuerbaren Strom nicht dann produzieren, wenn er gebraucht wird, und elektrische Energie schwer „lagerbar“ ist, kostet es unterdessen an die 30 Mrd. Euro an Subventionen im Jahr, um das System im Gleichgewicht zu halten.


Das sind deutlich mehr als zehn Cent Subvention pro erneuerbar erzeugter Kilowattstunde zusätzlich zu den reinen Gestehungskosten. So viel zum Thema „Wind und Sonne schicken keine Rechnung“. Viele Millionen gehen dabei übrigens für wirtschaftliche Blödheiten wie „Geisterstrom“ drauf. Also für die Entschädigungszahlungen vor allem an Windstromerzeuger für Strom, den sie produziert hätten, aber nicht durften, weil er nicht gebraucht wurde. Ein abenteuerlich marktfernes System.


Der Strom ist dort übrigens deshalb so schmutzig, weil in Deutschland statt der Kohle- die Kernkraftwerke abgeschaltet wurden. Bestens funktionierende Kraftwerke übrigens, die noch das eine oder andere Jahrzehnt an Laufzeit geschafft hätten. Und die in dieser Zeit, weil bereits abgeschrieben, konkurrenzlos billigen und aus Klimasicht sauberen Strom liefern hätten können. Ideologiegetriebene Energiepolitik eben, die insgesamt zu einem überhöhten Strompreis führte, welcher der von multiplen Krisen gebeutelten Wirtschaft in dieser Situation gerade noch gefehlt hatte.


Mit der Kehrtwende der EU-Kommission besteht jetzt die Chance, dass ein bisschen Vernunft in die Energiewende einkehrt. Dass man also endlich den notwendigen Ausbau von Wind- und Sonnenstrom wirklich koordiniert mit der Ertüchtigung der Netzkapazitäten und dem Aufbau entsprechender Speicherkapazitäten durchführt. Und nicht blind in Probleme wie etwa den spanischen Solar-Blackout vom vergangenen Frühling rennt.


Dazu gehört aber auch die politisch-ideologisch bisher ja stets bestrittene Erkenntnis, dass man, wie sehr man Sonne und Wind auch ausbaut, damit allein kein Stromnetz für eine moderne Industriegesellschaft betreiben kann. Man benötigt zwingend eine Parallel-Infrastruktur für Zeiten, in denen keine Sonne scheint und zu wenig Wind weht. Was in den vergangenen Wintermonaten übrigens relativ häufig der Fall war.


Und nein, Speicher können das grundlegende Problem wetterabhängiger Elektrizitätserzeugung, nämlich die saisonalen Unterschiede, nicht lösen. Mit Batteriespeichern kann man sehr leicht ein paar windlose Nächte überbrücken. Aber es gibt, vor allem nach dem Scheitern der großspurig angekündigten Wasserstoffprojekte, bisher noch keine technische (und vor allem keine kommerziell darstellbare) Möglichkeit, die hohen Solarüberschüsse aus dem Sommer in die große Solar-Winterlücke zu retten.
Und die ist gewaltig: In Österreich mit seinem im Sommer sehr hohen Erneuerbaren-Anteil (inklusive Wasserkraft) musste im vergangenen Dezember fast die Hälfte des Bedarfs importiert werden. Vielfach übrigens aus grenznahen Kernkraftwerken.


Wenn die Wende zu CO2-armer Stromerzeugung gelingen soll, wird es eben ein abgestimmtes System benötigen. Das bedeutet selbstverständlich weiteren Ausbau von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft. Aber gleichzeitig ist die Bereitstellung von ausreichend Kapazität in schnell regelbaren Gaskraftwerken (mit welcher Art von Gas die künftig auch immer betrieben werden) notwendig. Und ein verlässlich liefernder Kraftwerkspark für die Bedienung der Grundlast.


Und nein, Grundlast ist nicht, wie die Grünen immer wieder posaunen, ein Konzept aus der Vergangenheit, solange der Anteil der elektrischen Energie, die jederzeit benötigt wird, nicht null ist. Und diese Grundlast, die derzeit vielfach noch Kohlekraftwerke liefern, wird wohl Kernkraft sein. Die meisten europäischen Länder haben das begriffen, jetzt auch die EU-Kommission. In Deutschland und Österreich hapert es damit noch ein bisschen, wobei beide Länder allerdings ohnehin bestens mit Kernkraft aus dem Ausland versorgt sind.


Die Alternative wäre wohl beschleunigte Deindustrialisierung und Verarmung des Kontinents. Wenn man Raumwärme, Industrie und Verkehr vollständig auf emissionsfreien Strom umstellen will, dann muss man dafür sorgen, dass diese Energie auch dann verfügbar ist, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Europa scheint da die Kurve gerade noch zu kriegen.

Die Presse