Energie-Mix. Der Anteil von erneuerbarer Energie steigt, doch die Abhängigkeit der EU-Staaten von fossilen Brennstoffen – insbesondere aus Drittstaaten – nimmt kaum ab.
Die EU hat es tatsächlich geschafft, sich in der Energiebeschaffung neu aufzustellen. Seit Beginn des russischen Ukraine-Feldzuges 2022 sank bis auf wenige Ausnahmen (Ungarn und Slowakei) der Import von russischem Öl und Gas auf ein Minimum. Ende 2021 war Russland noch der dominierende Zulieferer gewesen, heute sind es die USA und Norwegen. Doch „REPowerEU“, wie das Projekt 2022 von der EU-Kommission benannt wurde, war nur ein Teilerfolg. Denn die geplante Umstellung auf erneuerbare Energieträger ist nicht im gewünschten Ausmaß geglückt. Die Energiewende, die Teil des Green Deals war, muss auf die lange Bank geschoben werden. Und das im doppelten Sinne: Denn zum einen sinkt der CO2-Ausstoß aus genutzter Energie nicht in ausreichendem Maße, zum anderen bleibt eine unabhängige Energieversorgung ein Wunschtraum.
Die Öl-Einfuhren sanken laut Eurostat-Zahlen von 2022 bis zum dritten Quartal 2025 nur geringfügig von rund 39,9 Mio. Tonnen pro Monat auf 36 Mio., der Import von Gas ging ebenfalls in kleinem Ausmaß zurück. Hier wurde Pipeline-Gas vor allem durch Flüssiggas (LNG) ersetzt. Der Import von LNG stieg von 7,6 Millionen Tonnen pro Monat im Jahr 2022 auf 8,4 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr.
Der Plan, fossile Energie, die in großem Ausmaß importiert werden muss, durch selbst produzierte erneuerbare Energie zu ersetzen, scheiterte. Obwohl Windparks und Photovoltaikanlagen in einem großen Ausmaß gebaut wurden – allein 2025 wurden laut dem Centre for Research on Energie and Clean Air (CREA) in der gesamten EU 330 Milliarden Euro in deren Errichtung investiert – konnten diese lediglich den zusätzlichen Energiebedarf decken, nicht aber den bisherigen ersetzen.
In der Stromerzeugung spielt in der EU auch Atomkraft eine gewichtige Rolle. Sie trägt zu 23,3 Prozent des Strombedarfs der EU bei. Allerdings gibt es auch bei der Nuklearenergie – insbesondere bei Brennstäben – eine erhebliche Abhängigkeit von Drittstaaten. Mit den steigenden Energiepreisen, die sich angesichts des Iran-Kriegs abzeichnen, verliert die EU zudem an Kaufkraft ihrer Bürger. Denn dieses Geld fließt nun wieder verstärkt zu den Energiezulieferern in Drittstaaten. Seit 2022 waren die Energiepreise schrittweise gesunken. Im vergangenen Jahr gaben EU-Bürger nach Berechnungen von CREA durchschnittlich 880 Euro für importierte fossile Brennstoffe aus.
Von USA abhängig
Die Energieabhängigkeit hat sich von Russland auf die USA verlagert. Sie belieferten die EU zuletzt nicht nur mit mehr als der Hälfte (57 Prozent im ersten Halbjahr 2025) des benötigten LNG, sondern führen in der Handelsstatistik auch bei Rohöl und Kohle. Pipeline-Gas wird zu über 60 Prozent aus Norwegen zugekauft. Auch 20 Prozent des Rohöls kommen aus dem skandinavischen Nachbarland. Weitere relevante Zulieferer sind Kasachstan und Libyen bei Öl, Algerien bei Gas.
Ob der Krieg im Nahen Osten für die Europäer ein heilsamer Schock sein könnte, der den Trend in Richtung lokale Energieerzeugung wenden kann, ist angesichts der breitflächigen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ungewiss. Zoomt man in die langjährige Entwicklung des Anteils erneuerbaren Energien in der EU hinein, lässt sich immerhin ein Hoffnungsschimmer ausmachen: 2022, im ersten Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine und dem damit einhergehenden Energiekrieg gegen Europa, ist der Ökoenergie-Anteil in der gesamten EU vergleichsweise sprunghaft angestiegen – nämlich um rund eineinhalb Prozentpunkte auf 24,6 Prozent. Im darauf folgenden Jahr halbierte sich diese Zuwachsrate wieder.
Soll heißen: Die jüngste Ölkrise wird aller Voraussicht nach dafür sorgen, dass EU-Staaten, Kommunen, Unternehmen und Haushalte schneller auf Ökostrom umsteigen, als sie dies sonst vorgehabt hätten. Sollte diese Entwicklung mit einer Ölschock-bedingten wirtschaftlichen Stagnation oder gar Rezession in Europa einhergehen, könnte das unter Umständen sogar dazu führen, dass der europäische Energie-Mix spürbar in Richtung erneuerbarer Energie kippt.
Apropos Energie-Mix: Windkraft war 2024 für 38 Prozent des EU-weit erzeugten grünen Stroms verantwortlich, gefolgt von Wasser mit 26,4 und Solar mit 23,4 Prozent. Österreich liegt dank seiner Flüsse und Berge bei Wasserkraft weit vorne: 90 Prozent der hierzulande 2024 verbrauchten Elektrizität stammten aus nachhaltigen Quellen, gefolgt von Schweden (88 Prozent). Am anderen Ende des Spektrums waren Malta (10,7 Prozent) und Tschechien (17,9 Prozent).
Von Wolfgang Böhmund Michael Laczynski
Die Presse





