Energie. Fast 120 Dollar pro Fass bedeuten einen neuen Höchststand. Warum es dazu kam, wer darunter besonders leidet, wie darauf reagiert wird und woran die aktuelle Krise erinnert.
Durch den Konflikt um den Iran sind Öl- und Gaspreise in der vergangenen Woche bereits stark angestiegen. Am Wochenende hat sich die Lage nochmals verschärft. Der Ölpreis ist auf den höchsten Stand seit Juli 2022 geklettert. Der Preis für ein Fass der Sorte Brent stieg in der Nacht auf Montag um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar – kam im Tagesverlauf aber wieder auf rund 103 Dollar zurück.
Wieso ist es zu diesem Preissprung gekommen?
Beim Ölangebot droht eine größere und längere Knappheit, als bisherige Prognosen erwarten ließen. Deshalb steigt der Preis noch einmal stärker. Ökonomen haben bereits damit gerechnet, dass es einen Preissprung geben wird, wenn die Öl- und Gasproduktion im Nahen Osten teilweise zum Erliegen kommt. Die US-Bank Goldman Sachs rechnet etwa mit 150 Dollar bis Ende März.
Wie lange werden die Preise noch so hoch bleiben?
Solange keine Entspannung erkennbar ist, werden die Preise hoch bleiben. Entscheidend ist, wie die USA auf die hohen Preise reagieren. Schon jetzt steigt der Druck auf Trump, dem im Herbst Zwischenwahlen bevorstehen: Die US-Wirtschaft ist extrem ölintensiv, verbraucht mehr als 40 Prozent mehr Öl als die chinesische und 50 Prozent mehr als die europäische; selbst Russlands Wirtschaft ist weniger vom Öl abhängig. Die in die Höhe schnellenden Preise werden die Amerikaner darum nicht nur an der Zapfsäule spüren.
Was können die USA und die G7 tun?
Um den Ölpreis wieder nach unten zu bekommen, müsste Trump versuchen, die Hormus-Blockade schnellstmöglich zu beenden – was mit dem neuen Obersten Führer Modschtaba Khamenei illusorisch erscheint. Kurzfristig kann die US-Regierung die Märkte beruhigen, indem sie ihre strategische Ölreserve freigibt. Das hat bereits während des Golfkriegs 1991 und auch bei der russischen Invasion der Ukraine funktioniert.
Auch die G7 – die führenden Industrienationen der Welt, zu denen die USA auch gehören – planen eine Freigabe etwa eines Drittels ihrer Reserven. China, das ebenso große Bestände hat und der Hauptabnehmer des Iran war, hätte diese Option auch. Theoretisch könnten alle Reserven die Ausfälle vom Golf ein ganzes Jahr kompensieren. Den Preis würde das aber nicht dämpfen, wenn die Kämpfe weitergehen.
Wie sehr leiden treibstoffintensive Branchen unter den steigenden Preisen?
Die Transportbranche sah sich bereits durch die Erhöhung der Lkw-Maut um knapp 8 Prozent seit Jänner unter hohem Druck. Vor allem der gestiegene Dieselpreis verschärfe die Lage, sagt Alexander Klacska, Obmann der Bundessparte Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer. Diesel kostete zu Mittag an den günstigsten Tankstellen knapp unter 1,9 Euro und Benzin rund 1,7 Euro pro Liter. Man könne damit rechnen, dass dadurch bald Preise für viele Dienstleistungen und Produkte steigen werden. „In allem, was wir täglich in der Hand haben, stecken Transportkosten“, so Klacska. 25 bis 30 Prozent der Kosten eines Lkw-Transports seien Energiekosten. Wenn diese um 10 Prozent steigen, könne man mit 2 bis 4 Prozent höheren Preisen rechnen. Das würde die Inflation erhöhen. Der Finanzminister hätte es in der Hand, schnell Gegenmaßnahmen zu treffen.
Wie lange wird es noch dauern, bis staatliche Eingriffe kommen?
Bereits nach einer Woche Krieg im Iran drängen Automobilklubs und Opposition auf staatliche Eingriffe beim Preis für Benzin und Diesel. Der ARBÖ etwa stellt sich einen Deckel von 1,50 Euro pro Liter Benzin vor. Die FPÖ will eine Senkung der Mineralölsteuer und eine Abschaffung der CO2-Bepreisung. WIFO-Chef Gabriel Felbermayr hält solche Diskussionen für verfrüht. „Ich denke, es müssten die Preise noch einmal deutlich stärker steigen, dass so etwas gerechtfertigt wäre“, sagte der Wirtschaftsforscher in der ORF-Sendung „Das Gespräch“.
Zwei Euro pro Liter Diesel seien aus seiner Sicht noch nicht genug für einen Eingriff. Die Frage sei jedoch, wie genau eingegriffen werden soll. „Da wird man scharf nachdenken müssen“. Aus anderen Ländern gebe es Beispiele, welche Eingriffe nicht funktioniert haben: Der Tankrabatt in Deutschland mittels Senkung der Mineralölsteuer sei bereits nach wenigen Monaten nicht mehr für den Staat leistbar gewesen, die Preiseingriffe direkt an den Zapfsäulen in Ungarn hätten wiederum zu langen Warteschlangen an den Tankstellen geführt.
Warum werden Irans Öllager bombardiert?
Um die Mullahs dazu zu bringen, ihr Bombardement auf die Ölinfrastruktur der Golfstaaten einzustellen. Die USA haben nicht damit gerechnet, dass der Iran Öl zur Waffe macht. Vor der Invasion wurde den Golfstaaten versichert, dass ihre Anlagen unberührt blieben. Das hat sich als falsch herausgestellt.
Wird die Krise ähnliche Ausmaße annehmen wie die Ölkrise 1973?
Damals erlebte die Welt den größten Ölschock in der Geschichte, die Ausgangslage war allerdings eine andere. 1973 verhängten die arabischen Produzenten ein Ölembargo, weil die USA unter Richard Nixon Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützten – binnen drei Monaten vervierfachten sich die Ölpreise. Jede Intervention wird nun mit Bedacht auf den Ölpreis geführt.
Viele US-Analysten sprechen aber von der größten Ölkrise seit damals. Das liegt daran, dass der Nahe Osten mit einem Drittel der weltweiten Produktion ungefähr so viel wie in den frühen 1970er-Jahren fördert. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Anders als 1973 gibt es weniger langfristige Verträge und Händler sind besser in der Lage, Ladungen umzuleiten – etwa an neue Bestbieter.
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