Experte: Kein guter Ausblick auf Öl- und Gaspreisentwicklung

10. März 2026, Wien
Niedrige Gaslagerstände im kommenden Winter möglich
 - Wien, APA/THEMENBILD

Angriffe auf die Ra’s-Tanura-Raffinerie in Saudi-Arabien, ein Öllager bei Teheran und die wichtige Bahrain-Raffinerie: Diese neue Phase des Kriegs zwischen den USA, Israel und dem Iran mit Bombardierungen von Energie-Infrastruktur hat nicht nur weitere negative Auswirkungen auf die Öl- und Gasversorgung sowie die Treibstoffpreisentwicklung in Europa, sondern auch auf die Inflation in Österreich, sagte Johannes Benigni von der Energieberatungsfirma JBC Vienna im APA-Gespräch.

„Je länger die Energieversorgung nachhaltig geschädigt ist, desto länger werden die Preise gestützt sein“, prognostizierte der Experte. Bis die zerstörten Anlagen wieder aufgebaut sind, könnten Wochen oder Monate vergehen. Die weitgehende Schließung der Straße von Hormuz zuvor sei die „erste Eskalationsstufe“ in dem Krieg gewesen. Diese habe dazu geführt, dass keine Schiffe mehr durch die Meerenge fahren können, jetzt werden Öl- und Gasfelder geschlossen. Benigni sprach davon, dass „hunderte Produktionsfelder im Persischen Golf – eines nach dem anderen“ außer Betrieb gesetzt werden oder wurden. Wenn man diese Felder wieder reaktivieren wolle, dauere das Wochen, wenn nicht Monate.

Verlust von raffinierten Produkten „tut besonders weh“

Die Schließung der Straße von Hormuz betreffe Österreich nur indirekt: durch einen Anstieg der Ölpreise. Die geringen Mengen des Rohöls, das über diesen Seeweg nach Europa geliefert worden sei, ließen sich „schon ersetzen“. „Das, was aber besonders weh tut momentan, ist der Verlust der raffinierten Produkte, die aus dem Nahen Osten gekommen sind“, verwies Benigni auf die Importabhängigkeit Europas bei Mitteldestillaten vor allem Diesel und Flugtreibstoff. Die großen Raffinerien im Nahen Osten würden als Diesel-Lieferanten „jetzt ausfallen“. Sie hatten unter anderem die großen Flughäfen wie Heathrow und Amsterdam mit Flugtreibstoff versorgt.

Die Schließung der Straße von Hormuz habe außerdem Auswirkungen auf den LNG-Gasmarkt und den Gaspreis, bestätigte Benigni. 20 Prozent des weltweiten Flüssiggases kämen aus Katar, betonte der Experte. „Also das sind schon 100 Milliarden Kubikmeter, die allein da wegfallen.“ Es handle sich um Mengen, die man nicht so leicht auffangen könne. „Das heißt, wir haben keinen guten Ausblick.“ Länder wie Großbritannien hätten bereits Probleme mit ihren Lagerbeständen.

Stress in der Wintersaison erwartet

In Österreich seien die Lagerbestände zwar auch niedrig, aber das sei saisonal nach der Heizsaison nicht ungewöhnlich. Die Herausforderung sei, wie die Speicher wieder aufgefüllt werden. Die Händler hätten weniger Anreiz, sich mit teurem „Sommergas“ einzudecken, also zu hohen Preisen für den Winter auf Vorrat einzukaufen. „Damit werden wir höchstwahrscheinlich in die Wintersaison gehen und nicht so viel Gas auf Lager haben, und das wird dann zu Stress führen“, meinte Benigni.

Erhöhte Nachfrage aus Asien, das das meiste Öl und Gas aus der Nahost-Region bezieht, werde sich ebenfalls in den Preisen niederschlagen. Allerdings reagiere der asiatische Markt flexibel. In der Gas-Krise nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine 2022 hätten die Asiaten weniger Gas gekauft. Sie hätten dann wieder mehr Kohle verstromt, erinnerte Benigni.

Zwei Alternativrouten für Straße von Hormuz

Aus dem Golf gebe es zwei „Bypass-Möglichkeiten“, erläuterte Benigni weiter: Eine Öl-Pipeline mit einer Kapazität von 1,5 Millionen Fass pro Tag, die über die Vereinigten Arabischen Emirate auf die andere Seite der Straße von Hormuz gehe. Darüber hinaus führe die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien zum Yanbu-Raffinerie-Komplex ans Rote Meer. Diese Pipeline könne geschätzt zwei bis drei Millionen Fass pro Tag zusätzlich durchpumpen. Benigni rechnet damit, dass man mit beiden Pipelines gut vier Millionen Fass Öl an der Straße von Hormuz vorbeitransportieren könne.

Netto kommt der Verlust durch den Ausfall der Straße von Hormuz auf rund elf Millionen Fass Rohöl pro Tag. Hinzu kämen der Export von rund 2,5 bis drei Millionen Fass an raffinierten Produkten, die Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) täglich verlören.

Dass die Versicherer die Deckung von Kriegsrisiken in der Golfregion zurückgezogen hatten, ist nach Ansicht Benignis belanglos. „Momentan fahren ohnedies keine Schiffe durch die Straße von Hormuz.“ Und: „Kein Schiffseigentümer würde das Risiko eingehen, dass er hundert Millionen Dollar – so viel kostet ein Schiff – eventuell versenkt. Dieses Risiko würde niemand auf sich nehmen“, so der Experte.

APA