Energie. Südafrika ist maßgeblich von Kohle abhängig – doch will man bis 2050 klimaneutral werden. Ein durchaus ambitionierter Fahrplan.
„Für uns ist es normal, die Luft zu sehen, die wir einatmen“, sagt Frans Tladi Mabogoane. Der Südafrikaner steht auf einem Hügel mit Blick auf seine Heimatstadt eMalahleni, über der sich gerade eine dicke, graugelbliche Wolke verzieht. Sie besteht aus Feinstaub, Schwermetall-Partikeln und Emissionen wie Stickstoffoxid. Die Luftverschmutzung ist hier so extrem, wie nur an einer Handvoll anderer Orte der Welt.
Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts wird hier Steinkohle abgebaut. eMalahleni bedeutet: Ort der Kohle. „Jeder Arbeitsplatz, jedes Geschäft hier hat irgendwie mit Kohle zu tun, mit dem Bergbau oder den Kraftwerken“, sagt Mabogoane. Die Stadt liegt im Highveld, dem südafrikanischen Kohlerevier, etwa anderthalb Fahrtstunden östlich von der Hauptstadt Pretoria. Ein Dutzend Kraftwerke des staatlichen Stromversorgers Eskom produzieren hier rund zwei Drittel des Stroms für ganz Südafrika. Die Kohle wird rundherum in über 200 Bergwerken gefördert.
Südafrikas Energieversorgung ist hochgradig abhängig von der Kohle, das Land ist der größte CO2-Emittent Afrikas und einer der 15 größten der Welt. Das soll sich nach dem Willen der Regierung ändern: Bis 2050 will das Land klimaneutral sein, ein Fahrplan zum Kohleausstieg liegt vor. Doch weil der sich noch schwerer gestaltet als ursprünglich angenommen, hat die Regierung ihre ehrgeizigen Pläne für 2030 bereits nach unten korrigiert. Die CO2-Emissionen sollen nicht so stark sinken, wie ursprünglich geplant, die geplante Laufzeit einiger Kohlekraftwerke wurde verlängert.
Die Gründe dafür sind vielschichtig: Im Kern geht es um die fragile Sicherheit der Energieversorgung, darum eine neue Welle täglicher Stromausfälle zu verhindern, unter denen Wirtschaft und Haushalte jahrelang gelitten hatten. Südafrika ist zwar ein sehr guter Standort für Wind- und Solarkraft, erneuerbare Energien werden auch massiv ausgebaut, aber nicht so schnell, wie es nötig wäre. Bis 2035 sollen sie knapp ein Drittel der Stromerzeugung ausmachen. Das einzige Kernkraftwerk des Landes soll länger am Netz bleiben, um die Grundlast zu decken, unterstützt von Batteriespeichern und Gaskraftwerken.
Internationale Hilfe
Bei diesem massiven Umbau ist Südafrika auf internationale Unterstützung angewiesen. Beim Klimagipfel 2021 hatten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die USA und die EU 8,5 Milliarden US-Dollar für eine sozial-gerechte Energiewende zugesagt. Dänemark und die Niederlande schlossen sich der sogenannten Just Energy Transition Partnership (JETP) später an, während die USA sie unter Präsident Trump im März 2025 wieder aufkündigten und damit auch ihre Finanzierungszusage von über einer Milliarde US-Dollar zurückzogen.
Südafrika will sich zwar deshalb nicht von seinem Kohleausstieg abbringen lassen, aber die Kritik an den Kosten dafür wächst. In einem Radiointerview am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos äußerte der südafrikanische Energieminister Kgosientsho Ramokgopa grundsätzliche Bedenken angesichts der Bedingungen für die internationale Unterstützung. Fördergelder und Darlehen müssten mit Blick auf Südafrikas Schuldenberg auf ihre Wettbewerbsfähigkeit geprüft werden. Damit gießt er Wasser auf die Mühlen der Kritiker im eigenen Land. Gewerkschaften warnen angesichts der bereits hohen Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent vor massiven Jobverlusten in der Kohleindustrie, ebenso wie Bergbauminister Gwede Mantashe, der für neue „emissionsarme Kohlekraftwerke“ wirbt. Die Abschaltung des ersten Kohlekraftwerks im Oktober 2022 hatte er als Katastrophe und Versagen der sozial-gerechten Energiewende bezeichnet.
Im Kraftwerk in Komati hatte der staatliche Energieversorger Eskom über 60 Jahre lang Strom produziert. Heute rosten rundherum die Strommasten, nebenan wächst eine Siedlung aus Wellblechhütten. In der einst geschäftigen Stadt herrscht nur noch vor dem kleinen Supermarkt etwas Betrieb. „Die meisten Familien haben mit einem Schlag ihre Lebensgrundlage verloren“, sagt Carlos Vilankulu. Er ist 36, Sohn eines Kohlearbeiters und hat selbst als Schweißer im Kraftwerk gearbeitet. „Es wurde einfach stillgelegt. Ohne daran zu denken, dass eine ganze Community daran hängt. Eine ganze Wertschöpfungskette.“ Sub-Unternehmer, Dienstleister und auch jene, die vor den Werkstoren Essen verkauft hätten.
Die, die geblieben sind, warten nun auf den versprochenen Aufbau einer grünen Energiewirtschaft, neue Jobs und Ausbildungsprogramme. „Wir sollen uns von der Kohle in ein grünes Produkt verwandeln“, sagt Vilankulu. Als gewähltes Mitglied des Gemeinde-Komitees will er dafür sorgen, dass seine Community diesmal mit einbezogen wird, wenn es um ihre Zukunft geht. Es gibt erste Workshops, Umschulungsprogramme, Pilotprojekte für Erneuerbare Energien und Landwirtschaft. Aber oft seien die Pläne schon fertig, kritisiert er. „Dann heißt es: Nehmt sie an oder nicht.“ Dabei wolle nicht jeder in der Landwirtschaft arbeiten, viele hätten technische Berufe und wünschten sich große Produktionsstätten. „Wir könnten Handwerker ausbilden und Betriebe aufbauen, für Windturbinen oder andere Teile für die neuen Stromerzeuger.“
Die Zeit nach der Kohle
Zurück in eMalahleni, denkt auch Frans Tladi Mabogoane an die Zeit nach der Kohle. Das Start-up Samanjalo, das er mitgegründet hat, stellt Ziegel- und Pflastersteine aus Abfällen der Kraftwerke her – unter anderem aus Flugasche, feinen Rückständen der verbrannten Kohle. Es sei ein fantastischer Baustoff mit großem Potenzial, sagt Mabogoane. Sogenannte Geopolymere, mineralische Bindemittel, sind stärker als Beton. „Preiswerter, leichter, stärker. Resistent gegen Feuer und Korrosion, wie durch Säure. Und wasserdicht ist Geopolymer-Zement auch“, zählt er auf. Damit könnte man nicht nur bauen, sondern auch Dämme, durch die toxische Abwässer fließen, auskleiden. Die Umwelt und das Grundwasser würden besser geschützt. Und die Emissionen lägen fast 80 Prozent niedriger als bei der konventionellen Zementherstellung.
Aus den milliardenschweren Töpfen für die sozial gerechte Energiewende sei kein Geld geflossen, sagt Magoboane. Aber: „Wir sind ein Teil davon, weil wir es machen. Wir sitzen mit in den Konferenzräumen, weil die Leute darüber reden, was wir tun. Aber handfeste Unterstützung oder Förderung haben wir nie bekommen.“ Bewerten möchte er das nicht. Stattdessen betont er die Mitverantwortung dafür, das Ruder herumzureißen. „Komati ist schon geschlossen. Was wird aus eMalahleni? Wir müssen jetzt beginnen, damit der Übergang reibungsloser verläuft, wenn auch hier Berg- und Kraftwerke schließen.“
von unserer Korrespondentin LEONIE MARCH
Die Presse





