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Stromnetzausbau geht zu langsam voran

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21. May. 2019

Netzagentur sieht hohe Kosten für Systemsicherheit 

Energiewende, Kohleausstieg, Atomausstieg: Der Umbau der deutschen Energieversorgung läuft auf vollen Touren - der dafür notwendige Ausbau des Stromnetzes allerdings eher schleppend. "Der Netzausbau kommt nicht so schnell voran, wie es nötig wäre", sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, am Donnerstag in Bonn. Das schlage sich in hohen Kosten für die Systemsicherheit nieder. 
1,4 Milliarden Euro kosteten demnach im vergangenen Jahr Maßnahmen wie Leistungsanpassungen von Kraftwerken und die Vorhaltung von Reservekraftwerken, die über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgeschlagen werden. Aktuell sind laut Homann rund 7700 Kilometer neue Stromleitungen in Deutschland geplant. Davon befinden sich 4600 Kilometer in Planungsverfahren und nur 1800 Kilometer sind genehmigt. Von den genehmigten Leitungen wurden laut dem Jahresbericht der Behörde Stand drittes Quartal 2018 nur 950 Kilometer gebaut. 

Oft hakt es bei Stromtrassen an Verzögerungen im Planungs- und Genehmigungsprozess sowie am Widerstand der Bevölkerung. Am Freitag tritt das "Gesetz zur Beschleunigung des Energieleitungsausbaus" in Kraft, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Es soll die Verfahren beschleunigen, gleichzeitig aber die Öffentlichkeit weiter einbinden und die Umweltstandards erhalten. Dies ist "ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der Energiewende", erklärte das Ministerium. Homann sagte dazu, er erhoffe sich von der Novelle einen "Beschleunigungsimpuls für die Planungs- und Genehmigungsverfahren". Von mehr Enteignungen für den Netzausbau, wie sie der Wirtschaftsweise Lars Feld gegenüber WELT vorschlug, hält Homann hingegen wenig. "Enteignungen sind wirklich das allerletzte Mittel", sagte er. Vielen Grundstückseigentümern gehe es vor allem ums Geld, da fände sich meist eine Lösung. "Ich wünsche mir allerdings, dass öffentlicher Grund etwas großzügiger zur Verfügung gestellt wird." 

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Das Stiefkind der Energiewende

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21. May. 2019

Solarstrom ist derzeit kaum relevant, könnte aber 30 Prozent des Energiebedarfs Österreichs decken

Zwei Drittel der Energieproduktion in Österreich kommen nach wie vor aus fossilen Energiequellen. Die müssen eigentlich zur Gänze bis 2050 verschwinden. Der Weg dahin geht übers Stromsparen und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Das sind Wasserkraft, Windkraft, Biomasseverstromung und -fernwärme und das Stiefkind der Energiewende, die Sonnenverstromung, also Fotovoltaik (PV). 
Derzeit stammen, je nach Wetterlage, zwischen einem halben und knapp vier Prozent des in Österreich verbrauchten Stroms aus Solarzellen. "Langfristig können 20 bis 30 Prozent des Strombedarfs aus Solarstrom gedeckt werden", sagt Vera Immitzer vom Fotovoltaik-Bundesverband. 
Aber macht das Sinn, ist das Land grundsätzlich (nicht derzeit) ausreichend von Sonne begünstigt? "In Österreich liegt die mittlere, jährliche Sonneneinstrahlung bei 1000 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Das entspricht dem Energiegehalt von 100 Litern Öl." 

Würde man mit heutiger Technologie auf drei Prozent der Fläche Österreichs (rund 2500 Quadratkilometer) Fotovoltaik-Module installieren, könnte der gesamte Energiebedarf abgedeckt werden, rechnet die Diplomingenieurin vor - jedenfalls theoretisch. 

Der Ausbau stocke seit Jahren, klagt die Branchenexpertin. Derzeit stünden für Privatpersonen Förderungen für Solarstrom in Höhe von 4,3 Millionen Euro zur Verfügung, berichtet Immitzer. In den Jahren davor seien es noch 8 Millionen gewesen. "Unser Problem ist eine Stop-and-go-Förderpolitik, die verunsichert. Die Bevölkerung kann nicht ordentlich planen, und das Gewerbe hat keine Sicherheit, wie es weitergeht." Sie sehe das auch als Problem für die von der Bundesregierung gesetzten Klimaziele für 2030. So sei bei dem von der Regierung angekündigten 100.000-Dächer-Programm bis heute nicht klar, was gemeint sei und wie die Förderung aussehen soll. "Sollen jedes Jahr PV-Module für 100.000 Dächer installiert werden, oder insgesamt bis 2030?" 

100.000 PV-Dächer Thomas Becker kann das nur bestätigen. Der Tiroler Unternehmer hat seine eigene PV-Firma, die Sonnenstrom-Lösungen für Private umsetzt. Rund 100.000 Häuser in Österreich seien derzeit schon mit den Hightech-Modulen ausgestattet. 
Nach welchen Kriterien sollte entschieden werden, ob PV-Anlagen am eigenen Hausdach installiert werden? Becker muss lachen: "Jedenfalls wenn Strom verbraucht wird." 
Je nach Stromverbrauch eines Haushalts werden derzeit Anlagen zwischen 1,5 bis 8 kW installiert. 5 kW-Anlagen kosten 10.000 Euro. 

Einen Haken hat das ganze schon: Sonnenstrom, besonders in Verbindung mit einem Stromspeicher (Kosten ebenfalls rund 10.000 Euro, siehe Artikel rechts) kann Häuser vom Stromnetz unabhängig machen - aber nur von Ende März bis Ende Oktober. 
Im Winter sei die Sonne zu schwach, die Batterien vollständig zu laden, um auch abends den eigenen Strom zu beziehen. Dann greift das installierte System automatisch auf den Netzstrom (etwa von Windkraftanlagen) zu. PV-Förderung für Private unter www.pv.klimafonds.gv.at 
 

Kurier, von Bernhard Gaul
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Kohle mit Klimaschutz

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21. May. 2019

Die Politik verteuert Kohlendioxid mit Emissionszertifikaten und Steuern.
Anleger können mit Zertifikaten und Aktien vom steigenden Preis des Treibhausgases profitieren. 

Michael O'Leary, Chef der Fluglinie Ryanair, haut gerne mal einen derben Spruch raus. Dass der Mensch den Klimawandel verursacht habe, hält er für "kompletten Müll". Dennoch wirbt sein Unternehmen damit, die umweltfreundlichste Airline Europas zu sein. Tatsächlich rangiert Ryanair unter den größten Klimasündern in der EU auf Platz zehn. Davor liegen nur Braunkohlekraftwerke. Für die Treibhausgasemissionen seiner Flieger muss aber auch O'Leary Zertifikate kaufen. Dazu verpflichtet ihn das EU-Emissionshandelssystem. Die EU will damit ihre Klimaziele erreichen. 

Deutschland werde sein Klimaziel für 2020 verfehlen, räumte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Petersberger Klimadialog in Berlin ein. Das Ziel für 2030, rund 55 Prozent weniger Treibhausgase als 1990, müsse Deutschland dagegen unbedingt einhalten, so Merkel. Dabei kann der EU-Emissionshandel helfen. Wer große Mengen CO 2 ausstoßen will, braucht dafür Zertifikate, die er zum Teil zugeteilt bekommt und zum Teil kaufen muss (Details siehe Seite 87). Diese Zertifikate werden an der Börse gehandelt - und indirekt können auch Privatanleger an ihnen verdienen. 
Die CDU zieht den EU-Emissionshandel der CO 2 - Steuer vor. Sie hält ihn für marktwirtschaftlicher als eine Klimasteuer - und er funktioniert. "Es ist das einzige Instrument, bei dem die beteiligten Branchen ihre CO 2 - Reduktionsziele für 2020 tatsächlich erreichen", sagt Eric Heymann, Analyst bei der Deutschen Bank. 

Derzeit sendet der Emissionshandel klare Signale an Klimasünder, der Börsenpreis für CO 2 legte zuletzt deutlich zu. Grund dafür ist, dass die EU die Menge an Emissionsrechten verknappt. Die Rally am CO 2 - Markt zieht Spekulanten wie Ulf Ek an. Der ehemalige Energiehändler von Barclays Capital und Gründer des 484 Millionen Dollar schweren Hedgefonds Northlander Commodity wettet von London aus mit EU-Emissionsrechten. Preisschwankungen nutzte er clever, 2018 gewann sein Fonds 53 Prozent. 
Bisher gab es zu viele Emissionsrechte auf dem Markt, der CO 2 - Preis liegt noch bei 25 Euro je Tonne. Politisch gewollt sind 35 Euro. Erst dann, so die EU, lohne es sich, in emissionsarme Technologien zu investieren. Die EU werde im Winter in der Spitze bis zu 40 Euro pro Tonne CO 2 tolerieren, glaubt Mark Lewis, Emissionshandelsexperte des Vermögensverwalters BNP Paribas Asset Management. Für einen steigenden CO 2 - Preis spreche, dass Industrieunternehmen von 2021 an mehr Zertifikate zukaufen müssen - überschüssige Zertifikate würden sie deshalb vermutlich noch horten. Wichtig für den Preis sei auch die Konjunktur, sagt Andreas Speer, Rohstoffanalyst bei der Bayerischen Landesbank. Steuert Europa in eine Rezession, gehen Produktion und Stromverbrauch zurück, sinken die Treibhausgasemissionen - und damit auch der CO 2 - Preis. 

Emissionsrechte werden etwa an der Leipziger Strombörse EEX gehandelt. Privatanleger können derzeit nur indirekt über Zertifikate auf CO 2 - Preisindizes mitverdienen (siehe Tabelle Seite 86) - und das nicht eins zu eins, weil die Konstruktion der Papiere Rendite kostet. Wer kauft, sollte auch wissen, dass die Politik die Preise jederzeit wieder senken kann. "Der CO 2 - Markt ist hochpolitisch und wegen der hohen Volatilität eine Spielwiese für Spekulanten", sagt Raik-Oliver Heinzelmann, Vorstand des Emissionsrechtehändlers Advantag. 

Anleger, denen der CO 2 - Markt zu riskant ist, können in Unternehmen investieren, deren Technik hilft, CO 2 zu vermeiden, zu filtern, zu speichern oder zu messen. Der globale Markt für Umwelttechnik ist laut Vermögensverwalter Pictet Asset Management zwei Billionen Dollar groß. "Er wächst mit rund sieben Prozent pro Jahr", sagt Pictet-Manager Walter Liebe. 
Europas Öl- und Gasmultis stecken derzeit sieben Prozent ihrer Investitionen in klimafreundliche Technik. Zudem kaufen Konzerne weltweit Know-how ein. In diesem Jahr etwa übernahmen die Ölmultis Chevron, Occidental Petroleum sowie der Rohstoffkonzern BHP die kanadische Carbon Engineering. Die kann CO 2 aus der Atmosphäre filtern. Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützt Carbon Engineering. 
Viele CO 2 - Start-ups gehören inzwischen großen Konzernen oder Private-Equity-Fonds. Börsennotierte Unternehmen, die nur mit CO 2 - Emissionen Geschäfte machen, sind daher selten. Es gibt allerdings mehrere Unternehmen, die mindestens in einer Sparte am Treibhausgas verdienen. Chancen bieten vier Kategorien von Aktien. 

1. SPEICHERUNG IM BODEN 
CO 2 lässt sich in bestimmten Gesteinsschichten dauerhaft speichern. Kanzlerin Angela Merkel will in Deutschland eine neue Debatte über die hierzulande bisher politisch nicht durchsetzbare Technologie anstoßen. Vorreiter in Europa ist der norwegische Energiekonzern Equinor, ehemals Statoil. Die Norweger leiten das Treibhausgas in den Meeresuntergrund, um es dort zu entsorgen. Das Kohlendioxid stammt von drei Industriebetrieben auf dem norwegischen Festland. An dem Projekt sind auch die Ölmultis Shell und Total beteiligt. Equinor selbst speichert seit 1996 CO 2 in der Nordsee. 
Geologische Reservoirs sind endlich. Wer Land besitzt, wo CO 2 versenkt werden kann, macht den Preis. Zu diesen Unternehmen gehört in den USA der Texas Pacific Land Trust. Der texanische Großgrundbesitzer verdient bisher an den Lizenzgebühren von Öl- und Gaskonzernen, die auf dessen Land fördern. Speicherung von CO 2 könnte ein lukratives Zukunftsgeschäft werden. Auch der Forstkonzern Weyerhaeuser, mit 5,3 Millionen Hektar einer der größten Landbesitzer der USA, besitzt Grund über speicherfähigen Gesteinsschichten. 

2. TRANSPORT IN PIPELINES 
Um Kohlendioxid zu speichern, muss es dorthin, wo die geologischen Verhältnisse optimal sind. CO 2 lässt sich kostengünstig mit Pipelines transportieren. In Kanada wird derzeit für 470 Millionen Dollar die weltgrößte CO 2 - Pipeline, die Alberta Trunk Line, gebaut. Das Kohlendioxid stammt aus einer Fabrik des Düngemittelherstellers Nutrien und soll von Bohrfirmen eingesetzt werden, um Öl aus dem Boden zu pressen. 
Das US-Unternehmen Denbury Resources besitzt mehrere CO 2 - Pipelines in Texas. Geld verdienen die Texaner vor allem mit dem Fördern von Öl und Gas. Ähnlich wie bei dem Projekt in Kanada liefert Denbury mit Pipelines Kohlendioxid zu Öl- und Gasfeldern. 

3. KATALYSATOREN UND FILTER 
Chancen bieten auch Technologien zur Filterung von CO 2 aus bestehenden Anlagen. Das Treibhausgas soll anschließend zurück in den Produktionskreislauf. Der Schweizer Spezialchemie-Anbieter Clariant will CO 2 aus Abgasen der Stahlindustrie mithilfe von Katalysatoren abscheiden. Das CO 2 geht dann in die Chemieindustrie. Noch ist das Konzept nicht marktreif. Bisher ist es billiger, Kohlenstoffe aus Öl zu gewinnen. Das Verfahren lohnt sich erst, wenn Öl teurer ist. Bereits marktreif sind die von Clariant entwickelten Katalysatoren, um Stickoxide, Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffe zu filtern, die ebenfalls den Treibhauseffekt verstärken. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz mit Katalysatoren um zwölf Prozent. Damit machen die Schweizer 16 Prozent ihres Gewinns. 
Der US-Versorger NRG Energy hat eine Versuchsanlage in Texas, mit der sich das Treibhausgas eines Kohlekraftwerks um 90 Prozent reduzieren lässt. Das in der Anlage aufgefangene CO 2 nutzt die Ölindustrie, um nahezu ausgebeutete Quellen wieder zu beleben. Das Öl soll dabei aus dem Boden geholt werden und das Treibhausgas drin bleiben. NRG hat auch bei anderen emissionsarmen Geschäftsmodellen einen Fuß in der Tür, etwa bei Ladestationen für Elektroautos. Der Energiekonzern baut für die Stadt Houston die Ladeinfrastruktur aus. Houston ist beim Klimaschutz Vorbild: 85 Prozent des Stroms kommen aus erneuerbaren Energien. 

4. MESSEN UND WARNEN 
Damit Unternehmen wissen, wo im Produktionsprozess wie viel Kohlendioxid anfällt, brauchen sie Mess- und Sensortechnik. Geräte des US-Technologieunternehmens Thermo Fisher Scientific messen den Gehalt von Treibhausgasen in der Luft. Mit der Sparte Analysetechnik macht Thermo Fisher ein Fünftel seines Umsatzes und wächst mit acht Prozent pro Jahr. Im Kerngeschäft verkauft der Konzern Medizintechnik und rüstet Chemielabore aus. 
Auch der finnische Technologiekonzern Vaisala spürt CO 2 auf. Dessen Messgeräte werden in der Industrie, bei Wetterdiensten und von Kommunen eingesetzt. Vaisala verdient gleich doppelt am Treibhausgas, weil es Technik liefert, mit der sich Lecks in CO 2 - Kühlanlagen aufspüren lassen. Gefrorenes CO 2 wird nämlich auch als Kühlmittel eingesetzt. Hier ist der Klimakiller also sogar umweltfreundlich - CO 2 ersetzt die für die Ozonschicht der Atmosphäre schädlichen Fluorkohlenwasserstoffe. 
EU-EMISSIONSHANDEL 
DECKELN UND KÜRZEN 
DIE EU VERKNAPPT DIE EMISSIONSRECHTE. WIE DER CO 2 - MARKT FUNKTIONIERT - UND WAS SICH ÄNDERT. 

Unternehmen, die in der EU große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO 2 )durch den Schornstein jagen, brauchen dafür Emissionsrechte. Der 2005 für diese Zertifikate eingeführte Handel erfasst rund 45 Prozent der CO 2 - Emissionen in der EU. Nach festgelegten Quoten erhalten Industrieunternehmen und Energieversorger Emissionsrechte für einen befristeten Zeitraum. Ein Teil davon ist kostenlos, den Rest müssen die Unternehmen über Börsenauktionen zukaufen. Solche Auktionen laufen etwa über die Leipziger Strombörse (EEX), eine Tochter der Deutschen Börse. 
Weil die Gesamtmenge an CO 2 für einen bestimmten Zeitraum gedeckelt ist, hat der Preis kurzfristig keinen Einfluss auf die Emissionen. Er spielt allerdings eine Rolle bei Investitionen in Technologie, die Treibhausgase verringert. Ziel der EU ist es daher, den Preis pro Tonne CO 2 auf 35 Euro zu treiben. Erst ab diesem Preis lohnt es sich für Unternehmen, in emissionsarme Technologie zu investieren. Lange Zeit galt der Emissionshandel als Flop, weil mehr CO 2 - Zertifikate auf dem Markt waren, als die Industrie brauchte. Kritisch war es nach der Finanzkrise 2008, als Europas Wirtschaft lahmte und die CO 2 - Emissionen schrumpften. Der Überschuss an Zertifikaten stieg auf 2,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Das ist in etwa die Hälfte dessen, was die EU 2016 insgesamt an Kohlendioxid produzierte. Zeitweise kostete eine Tonne CO 2 nur noch vier Euro. Zu wenig für effektiven Klimaschutz, monierten Kritiker. Laut WWF sollen Europas größte Klimasünder satte Gewinne mit dem Handel von CO 2 - Zertifikaten gemacht haben. 

Die EU beschloss daher im Februar 2018 eine Reform des Emissionshandels. Seit 1. Januar gehen doppelt so viele der überschüssigen Zertifikate in eine Stabilitätsreserve (24 statt 12 Prozent). Diese Reserve soll die Preise am CO 2 - Markt stabil halten. Zudem sinkt die Zahl der Emissionsrechte von 2021 bis 2030 um jährlich 2,2 Prozent. Bis 2020 verringert sich das Kontingent nur um 1,74 Prozent pro Jahr. 
Mit der Reform von 2018 hat sich der CO 2 - Preis wieder erholt. Er zog seit Januar 2018 von 8 auf rund 25 Euro pro Tonne an (siehe Grafik). Da abzusehen war, dass Brüssel den Emissionshandel verschärft, haben vor allem Finanzinvestoren CO 2 - Zertifikate gebunkert. Das Handelsvolumen an der EEX stieg im vergangenen Jahr um 110 Prozent gegenüber 2017. 

Auf Energiepreise spezialisierte Hedgefonds treiben zusätzlich den CO 2 - Preis. Sie verknüpfen ihre spekulativen Deals mit Wetten auf Strom, Öl und Gas. So verdienen sie doppelt. Denn wird mehr Energie nachgefragt, produzieren die Kraftwerke mehr Kohlendioxid, und die Versorger müssen Emissionsrechte zukaufen. Finanzinvestoren haben im Emissionshandel einen schlechten Ruf. So waren zwischen 2009 und 2010 mehrere Manager der Deutschen Bank an einem Umsatzsteuerbetrug mit CO 2 - Emissionsrechten beteiligt. 2016 wurden sie zu Haftstrafen verurteilt. 
 

Wirtschaftswoche
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Verbund im Clinch mit der E-Control

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Wien, 21. May. 2019

Der Verbund sorgt mit dem Gaskraftwerk Mellach dafür, dass das Stromnetz stabil bleibt. Dafür kassiert er Geld. Zu viel, sagt die E-Control.
Der Betriebsrat droht mit einem Marsch auf Wien. 

Das 550 Millionen Euro teure Verbund-Kraftwerk im steirischen Mellach steht unter keinem guten Stern. Kaum fertiggestellt, fiel der Strompreis so stark, dass das modernste Gaskraftwerk im Land auf dem Markt nichts verdienen konnte. Die Rettung brachte just der Ökostromausbau. Die vielen Tausend Wind- und Solarkraftwerke schwanken in ihrer Erzeugung so stark, dass stabile Lieferanten wieder heiß begehrt sind. Seither sichert Mellach als "Feuerwehr" die Stabilität des heimischen Stromnetzes. Hunderte Male hat der Netzbetreiber APG das Kraftwerk anwerfen lassen, wenn Sonne und Wind gerade ausgelassen haben. 
Allerdings habe die Verbund-Tochter APG ihren Mutterkonzern für die Dienste zu gut bezahlt, befindet der Regulator E-Control. Der Verbund soll aus dem Dreijahresvertrag bis 2021 etliche Millionen Euro zurückbezahlen. Davon will das Unternehmen nichts wissen - der Streit spitzt sich zu. 
Wackelt der Standort Mellach? 

Klar ist, dass das Bereithalten von Kraftwerksleistung kostet: Personal muss abgestellt werden, Reparaturen häufen sich - und dann soll unter dem Strich auch noch etwas übrig bleiben. Umso mehr, wenn ein Kraftwerk wie jenes in Mellach erst acht Jahre jung ist und seine Investition nicht zurückverdient hat. 

Vor Kurzem landete daher ein recht deutlicher Brief aus dem Verbund-Konzern auf den Tischen der beiden E-Control-Vorstände, Wolfgang Urbantschitsch und Andreas Eigenbauer: "Ich möchte Sie daran erinnern, dass bei jedem Wirtschaftsunternehmen (. . .) die Gewinnkomponente eine Überlebensfrage darstellt", schreibt der Vorsitzende des Zentralbetriebsrats der Verbund Thermal Power, Kurt Christof. "Eine Anerkennung der Kapitalkosten ist erforderlich, um den Standort nicht zu gefährden." 
Wie war das? Ist Mellach schon wieder in Gefahr? Zur Erinnerung: Der Verbund-Vorstand hat lange Jahre um die Zukunft seines Kraftwerks gerungen. "Verkaufen, stilllegen, einmotten", lautete das Motto. Mellach sei von strategischer Bedeutung für das heimische Netz, aber "wenn niemand zahlt, muss es weg", ließ Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber noch 2016 wissen. Heute kalmiert der Vorstand: Es gebe einen laufenden Vertrag mit der APG. Man befinde sich in "normalen Tarifverhandlungen". 
Doch was "normal" ist, liegt in den Augen des Betrachters: "Wir werden zu Tode geprüft", klagt Kurt Christof. Zahle der Verbund in Mellach drauf, sei das Schreckgespenst der Schließung schnell zurück, fürchtet er. Auch die APG hat sich eingeschaltet und den Bescheid des Regulators angefochten. Weder APG noch E-Control wollten sich zum Verfahren äußern. 

Dass eine Lösung gefunden werden muss, ist aber allen klar. Nicht nur, um den 170 Mitarbeitern in Mellach die Jobs zu sichern, sondern auch, um die Stromversorgung im Land nicht zu gefährden. 
Mehr als die Hälfte der thermischen Kraftwerksleistung in Österreich hat die APG reserviert, um sie im Notfall hochfahren zu können und damit das Netz zu stabilisieren. Die kalkulierten Kosten liegen bei gut hundert Millionen Euro im Jahr, die über die Netzkosten von den Stromkunden bezahlt werden. 
Kraftwerk zusperren verboten 
Bleibt die Frage, wie viel so ein Feuerwehreinsatz der Stromkonzerne die Allgemeinheit kosten darf. Laut Gesetz muss der wirtschaftliche Nachteil der Kraftwerksbetreiber ausgeglichen werden, eine Gewinnkomponente sei nicht vorgesehen, heißt es aus der E-Control. 

Noch nicht. Denn die Chancen stehen gut, dass die Regierung mit dem Erneuerbaren Ausbau Gesetz (EAG) auch diese Regelung ändern wird. Rückendeckung hätte sie genug: "Das ist ein Notfallsparagraf und sicher keine Dauerlösung", sagt E-Control-Ko-Vorstand Andreas Eigenbauer. Österreich brauche eine zukunftsfähige Lösung für das Problem. 

Doch nicht alles, was in den Verhandlungen zum EAG auf dem Tisch liegt, wird den Betreibern zusagen. So hat das Ministerium dem Vernehmen nach Gefallen an einer Idee gefunden, die die frühere APG-Chefin Ulrike Baumgartner-Gabitzer ins Spiel gebracht hat: Die APG soll das Recht erhalten, Betreibern im Notfall das Schließen von Kraftwerken zu verbieten. Auch eine mögliche Preisobergrenze für die Feuerwehreinsätze soll im Gespräch sein.

Damit würde das Problem nur verschlimmert, warnt Kurt Christof. Der Betriebsrat hofft auf ein Einlenken der Regulatoren, damit der Verbund nicht von sich aus aus dem Vertrag aussteige. "Dann werden wir laut", droht er. "Hier geht es um unsere Arbeitsplätze. Wird Mellach infrage gestellt, marschieren wir auf - vor der E-Control in Wien." 
 

Die Presse, von Matthias Auer
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Gewinne mit dem Klimahandel

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21. May. 2019

Durch den Kauf von CO2-ZERTIFIKATEN können auch PRIVATANLEGER von dem System zur Verringerung der Umweltbelastung profitieren.

EINE WELT, die den Klimawandel tatsächlich bekämpfen will, muss ihre Ernährung umstellen. So lautet die Erkenntnis einer im Wissenschaftsmagazin Lancet veröffentlichten Studie von 37 Forschern aus 16 Ländern. Denn die landwirtschaftliche Fleischproduktion ist für 26 Prozent der weltweit menschengemachten Erderwärmung hauptverantwortlich. Oder man startet wie die Umweltaktivistin Greta Thunberg eine globale Bewegung für den Klimaschutz. Die Politik wiederum versucht, durch Drehen an der CO2-Schraube bei Unternehmen den Klimawandel in den Griff bekommen. Neben der aktuell diskutierten CO2-Steuer sind die CO2-Zertifikate schon seit Längerem ein Versuch, den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Unternehmen, die mehr Kohlendioxid in die Luft jagen, als ihnen zusteht, müssen Zertifikate zukaufen. Jene, deren Ausstoß unter dem ihnen erlaubten Grenzwert liegt, können Zertifikate verkaufen. Und an diesem Handel können auch Privatanleger profitieren. Die Commerzbank hat eigens dafür ein Indexzertifikat auf die an der Energiebörse EEX in Leipzig und London gehandelten Emissionsrechte begeben (ISIN: DE000DR1WBM0). Nach einem zögerlichen Start bei der Einführung des Systems 2005 hat sich der Preis für die Emissionsrechte im vergangenen Jahr beinahe verdoppelt. Das Indexzertifikat hat die Preisbewegung mitvollzogen (siehe Chart). Und die Experten der Berenberg Bank prophezeien einen weiteren Anstieg um mehr als 100 Prozent. Denn die Gesamtmenge des CO2- Ausstoßes für die einzelnen Unternehmen wird gesenkt. Die Obergrenze für die Gesamt-Emissionen wird Jahr für Jahr um 1,74 Prozent reduziert. Und ab 2021 wird der Gesamtausstoß um 2,2 Prozent jährlich verringert. Hauptauslöser für die steigenden Preise ist jedoch die sogenannte Marktstabilitätsreserve (MSR) - das sind Zertifikate, die jährlich vom Markt genommen werden. Bis 2018 sind zwölf Prozent der handelbaren Zertifikate in diesen MSR-Fonds gewandert, ab 2019 soll der Anteil noch einmal verdoppelt werden. Es erfolgt also eine künstliche Verknappung der käuflichen Zertifikate. Wenn die Unternehmen ihren Kohlendioxid- Ausstoß dennoch nicht in diesem Ausmaß verringern, müssen sie teurer zukaufen. Erst wenn es für Unternehmen günstiger ist, in umweltschonende Technologie zu investieren, wird der Kurs der Zertifikate wieder fallen.
 

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"Wir brauchen eine Gesamtökobilanz"

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17. May. 2019

Im Gespräch. Prof. Bernhard Geringer über die Trends beim 40. Internationalen Wiener Motorensymposium

Diese Woche findet in der Wiener Hofburg das 40. Internationale Wiener Motorensymposium statt, das von Prof. Hans Peter Lenz gegründet wurde (siehe Zusatzartikel). Mehr als 1000 Experten aus aller Welt werden wieder über aktuelle Entwicklungen im Bereich der Straßenmobilität und ihren Antrieben berichten und darüber diskutieren. Schwerpunkt ist der Energiewandel. "Die primäre Energieform bestimmt den künftigen Antrieb und nicht umgekehrt", so Prof. Bernhard Geringer, der zusammen mit Prof. Hans Peter Lenz das Symposium organisierte. 

Im Gespräch mit dem Motor-KURIER gibt Prof. Geringer Einblick in den tiefen Wandel, in dem die Antriebstechnik steckt. 

KURIER: Wie tragen Sie dem Umbruch der Antriebstechnik beim Motorensymposium Rechnung? 
Prof. Geringer: Unsere Schwerpunkte reichen von klassischen Verbrennungsmotoren und Hybridantrieben, über neue Kraftstoffe bis zur Elektromobilität mit Batterien und Brennstoffzellen sowie zum autonomen Fahren. Wir müssen hinkommen zur Energiewende, auch beim Verkehr. Es geht um Defossilisierung, also weg von fossilen Energieträgern. Das ist etwas anderes als Dekarbonisierung. Denn synthetische Kraftstoffe, die mit recyceltem und Ökostrom hergestellt werden, so genannte E-Fuels, enthalten zwar Kohlenstoff, aber er wird vorher der Luft entnommen, wodurch es in Summe zu keinem -Anstieg kommt. 
Wir müssen der Politik vor Augen führen, dass es mit Batterie-elektrischer Mobilität allein nicht gehen wird, wenn man auch Flugzeuge, Schiffe, Fern-Lkw mitberücksichtigt. Das ist reines Wunschdenken. 
Derzeit werden weltweit 70 bis 80 Prozent des Energieverbrauchs durch fossile Energien gedeckt. Im Verkehr sind es mehr als 90 Prozent. Dies komplett durch Ökostrom zu ersetzen, wird schwer. 
Synthetische Kraftstoffe und Wasserstoff sind wichtige Alternativen und zudem sehr gut geeignete chemische Speicher für überschüssigen Ökostrom. Sie sind heute noch teuer und brauchen eine lange Vorlaufzeit, aber ohne sie werden wir nicht auskommen. Einige Länder wie die Schweiz forcieren bereits Wasserstoff als Alternative. Deutschland dagegen bremst. 

Europäische Verkehrsminister konzentrieren sich heute auf den Batterie-elektrischen Antrieb, weil damit lokal null entsteht. Woher der Strom für die Ladung und Herstellung der Batterien kommt, interessiert sie nicht. Wir brauchen eine Gesamtökobilanz für jeden Antrieb von der Energiegewinnung, der Fahrzeugherstellung über den Betrieb bis zum Recycling des Fahrzeugs, die Besten werden sich dann durchsetzen. Derzeit zeigt die EU dafür aber wenig Interesse. ist jedoch ein globales Klimagas, nur den Ausstoß vom Auspuff zu betrachten, halte ich für falsch. 

Der klassische Verbrennungsmotor wurde schon oft totgesagt. Gibt es auf dem Motorensymposium einen Höhepunkt rund um den Verbrennungsmotor, auf den Sie sich freuen? 
Ein Höhepunkt ist sicher der Vortrag über die neuen 6-Zylinder-Boxermotoren im neuen Porsche 911. Diese begeistern Motorenleute. Der 911er ist ein Synonym für Spitzenentwicklung bei Benzinmotoren. Aber es werden mehrere Neuentwicklungen präsentiert. Besonders von Interesse sind neue und extrem saubere Dieselmotoren für Pkw und Lkw. 

Der Verbrennungsmotor ist sicher nicht im Sterben oder tot. Schon gar nicht weltweit, das zeigen auch die Vorträge am Symposium aus den USA. Ich glaube auch nicht, dass wir derzeit die letzte Generation von Verbrennungsmotoren erleben oder dass autonomes Fahren nur mit Elektroantrieb möglich ist. Aber die Vielfalt an neuen reinen Verbrennungsmotorantrieben wird sinken und die Hybridisierung, die Kombination von Verbrennungsmotor mit Elektroantrieb, wird zunehmen. 
 

Kurier, von Maria Brandl
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Schwimmkurs für Solarparks

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Köln , 17. May. 2019

Weltweit bauen Versorger Photovoltaikanlagen in Gewässern. Das soll nicht nur wertvolle Agrarflächen schonen, sondern auch höhere Stromerträge bringen als an Land. 

Es war eine Nachricht von beißender Ironie. Im Juni 2011 kündigte der Projektentwickler Juwi den Einstieg in die Offshore-Solarenergie an. Weil die staatliche Unterstützung mit zunehmender Distanz zur deutschen Küste steige, habe man "Projekte im sibirischen Polarmeer und etwa 372,34 Kilometer vor Madagaskar" im Portfolio, polemisierte Juwi per Pressemitteilung: "Wir wissen zwar nicht, wofür man das braucht, aber finanziell lohnt es sich allemal für uns." Tatsächlich ließen die Juwi-Chefs ihrer Wut über die aus ihrer Sicht ungerechte höhere Förderung für Windräder im Meer freien Lauf. 

Knapp acht Jahre später ist Juwi noch immer ein reiner Onshore-Projektierer - und das solle auch so bleiben, sagt ein Juwi-Sprecher. Andere Solarspezialisten aber streben tatsächlich aufs Wasser. Schwimmende Sonnenkraftwerke dürften "künftig insbesondere in Ländern mit einer hohen Bevölkerungsdichte und vielen Wasserflächen an Bedeutung gewinnen", sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW). "Auch in Deutschland muss der Ausbau der Solarstromernte vervielfacht werden, um die Erderhitzung einzudämmen." Photovoltaik auf Gewässern sei dafür geeignet. 

Global über 100 Projekte zählten Forscher am National Renewable Energy Laboratory (NREL) 2018: Schwimmende Photovoltaik könne zehn Prozent des Strombedarfs in den USA decken - "selbst unter konservativen Annahmen", so Projektleiterin Alexandra Aznar. 24 000 künstliche Binnengewässer in den USA seien geeignet. Die Systeme minderten zudem die Verdunstung in Trinkwasserseen und böten eine Alternative zu hohen Landpreisen. 

In Japan ist Kyocera Solar aktiv, in Großbritannien stellte Lightsource BP schon 2016 ein 6,3-Megawatt-Solarkraftwerk auf einem Trinkwasserreservoir nahe London fertig. In Frankreich kündigte im Herbst der Versorger Akuo Energy den Bau der größten schwimmenden Photovoltaikanlage Europas im Departement Vaucluse an. Stolze 17 Megawatt Leistung wurden avisiert, und weitere Projekte würden folgen, sagte Eric Scotto, Präsident von Akuo Energy. Erst im April versprach der niederländische Projektentwickler Groenleven: 2020 werde ein 48-Megawatt-Solarpark auf dem Baggersee eines Kieswerks schwimmen. 
"Wenn wir die Energiewende in absehbarer Zeit umsetzen wollen, müssen wir alle Potenziale erschließen", sagt Harry Wirth, Bereichsleiter Photovoltaik am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Als passenden Einsatzort sieht Wirth Braunkohlereviere. Der Tagebau habe bislang 1 773 Quadratkilometer Fläche verbraucht. "Das ist das Dreifache des Bodensees", sagt Wirth. "Und große Teile davon wurden oder werden noch geflutet." 

Machbarkeit im Blick 
Rechnerisch ergibt sich laut Wirth dort ein Potenzial für schwimmende Anlagen mit 50 Gigawatt Gesamtleistung - das sei etwas mehr als die in Deutschland derzeit installierte Leistung. "Allerdings muss man sehen, was davon wirtschaftlich und praktisch erschlossen werden kann", schränkt Wirth ein. 
Das bislang größte Projekt in Deutschland hat der baden-württembergische Versorger Erdgas Südwest mit dem Kieswerkbetreiber Armin Ossola gestartet. Auf dem Baggersee Maiwald entsteht eine schwimmende Photovoltaikanlage - im internationalen Vergleich mit 750 Kilowatt Leistung noch überschaubar dimensioniert. Im Bundesland seien Flächen für Erneuerbare begrenzt, sagt Projektleiter Boris Heller. "Bei der Photovoltaikanlage auf dem Baggersee gibt es keine Flächenkonkurrenz." Verträglichkeitsprüfungen hätten ergeben, dass weder die Tier- noch die Pflanzenwelt des Sees beeinträchtigt würden. 
Zwei Prozent der Seeoberfläche belegen die schwimmenden Module, die pro Jahr 800 000 Kilowattstunden Strom liefern sollen. Das meiste will Ossola selbst nutzen. "Bei einem Kieswerk passen Produktion und Verbrauch hervorragend zusammen", so Heller. Dank des hohen Eigenverbrauchs sei es möglich, die Anlage wirtschaftlich zu betreiben. Grundsätzlich sei die Erzeugung bei schwimmender Photovoltaik noch teurer als an Land. "Im nächsten Schritt gilt es, die Kosten an Freiflächenanlagen anzugleichen", sagt Heller. 150 geeignete Baggerseen gebe es allein entlang der Rheinschiene in Baden-Württemberg. "Wir hoffen, dass wir noch weitere Kieswerkbetreiber begeistern können", so Heller. 

Auch technisch bieten die schwimmenden Anlagen Vorteile. So sorgt das Wasser für eine kühle Umgebung im Sommer. "Das bietet Chancen auf Mehrerträge in der sonnigen Jahreszeit", sagt Fraunhofer-Experte Wirth. Laut Faustregel winkt ein Prozent mehr Stromertrag, wenn die Betriebstemperatur um zwei Grad sinkt. "Die Performance kann schon ordentlich höher sein als an Land." Erdgas Südwest erwartet laut Projektleiter Heller beim Baggersee-Projekt einen Mehrertrag von rund zehn Prozent im Vergleich zu einer Anlage an Land. Wirth sieht Chancen für Synergien an Stauseen mit Wasserkraftwerken. "Die elektrische Infrastruktur ist dann schon vorhanden." 

In neuer Dimension plant der niederländische Anbieter Floating Solar: Im Norden des Landes errichtet er am Andijk-Trinkwasserreservoir 15 schwimmende Solarkraftwerke. "Es funktioniert nicht, Dachanlagen einfach auf das Wasser zu setzen", sagt Floating-Solar-Chef Arnoud van Druten. "Wir bringen die entscheidenden Kompetenzen zusammen." Floating Solar ist ein Joint Venture der unter anderem auf Schiffswinden spezialisierten Dromec und des Solarprojektierers Sunprojects. 
Im Sommer 2017 startete Floating Solar Tests in einem See nahe Rotterdam. Dort habe die Anlage bei einem Sturm bis zu eineinhalb Meter hohe Wellen verkraftet. Das "Weather Risk Management" hält dann die schwimmenden Anlagen in einer möglichst günstigen Position. Der hauseigene Algorithmus "Optimal Solar Tracking" positioniere zudem die beweglichen Module stets optimal zur Sonne. "Das ermöglicht uns, wenigstens 30 Prozent mehr Strom zu gewinnen", so van Druten. 

Schatten war einmal 
Im November sollen die ersten drei Inseln mit je 140 Meter Durchmesser fertig werden. Die Module schwimmen auf Konstruktionen nach dem Vorbild von Katamaranen. Sie bewegen sich an Seilen frei zwischen drei Bojen - und vermeiden so Schatten. Maßgefertigte Isolierungen verhindern, dass an den Anschlussstellen Wasser in die Stromkabel eindringt. 
Die Inseln wird der Versorger PWN kaufen, um Strom für 10 000 Haushalte zu erzeugen. Es bestehe ein hohes Interesse an den Solarinseln auch im Ausland, sagt van Druten. "Wir wollen hier beweisen, dass das Konzept funktioniert", kündigt der Manager an. "Anschließend planen wir eine Expansion über internationale Tochterunternehmen." 
Als Herausforderung für die Modulherstellung sieht ISE-Forscher Wirth, dass das Material trotz der hohen Luftfeuchtigkeit mehr als 20 Jahre halten müsse. "Es dürfen auch keine Stoffe ausgewaschen werden, die das Wasser belasten." 

Offshore-Standorte vor den deutschen Küsten hält Wirth für denkbar: "Interessant wäre es, schwimmende Photovoltaik dort aufzubauen, wo schon Windräder stehen - um die Stromleitungen gemeinsam zu nutzen", sagt der ISE-Wissenschaftler. "Allerdings bedeutet der hohe Salzgehalt des Meeres eine immens hohe Belastung für das Material." 

BSW-Experte Körnig erwartet auch höhere Wartungskosten. Offshore-Solarkraft sei möglich, in Deutschland aber nicht sehr wahrscheinlich: "Ein Vorteil der Solarenergie liegt in ihrer Verbrauchsnähe und in ihren sehr hohen Akzeptanzwerten selbst in unmittelbarer Nachbarschaft", sagt Körnig. "Warum also in die Ferne schweifen?" Allerdings sind Pionierfirmen schon auf dem Meer aktiv. So hat die indische Sea6 Energy Solarkraftwerke entwickelt, die Inseln mit Strom versorgen sollen. Das einst spöttisch gemeinte Juwi-Szenario könnte also Realität werden. 

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN 
10 PROZENT des US-amerikanischen Strombedarfs könnten schwimmende Solarkraftwerke liefern. Quelle: National Renewable Energy Laboratory. 
Wenn wir die Energie- wende in absehbarer Zeit umsetzen wollen, müssen wir alle Potenziale erschließen. 

Handelsblatt, von Thomas Mersch
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Eine andere Welt

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BERLIN, 17. May. 2019

Gewinner, Verlierer und neue Rivalitäten: Geopolitische Risiken der Energiewende

Klimapolitik wird von Umweltpolitikern betrieben. Sie läuft aber oft auf Wirtschaftspolitik hinaus, denn im Kern geht es darum, Wirtschaftsprozesse umzustellen. Energie soll nicht durch den Gebrauch von Kohlendioxidträgern wie Öl, Kohle oder Gas erzeugt werden. Stattdessen sollen CO2-freie, natürliche Ressourcen wie Wind, Sonne oder Biomasse genutzt werden. Für Konzerne, die aus dem Verkauf von Öl, Gas und Kohle über Jahrzehnte ein einträgliches Geschäft gemacht haben, ist der Umstieg riskant. Notenbanken haben vor unwiederbringlichen Verlusten gewarnt, wenn Unternehmen als werthaltig geltende Lagerstätten von Energierohstoffen abschreiben und Geschäftsmodelle aufgeben müssten. Banken und Versicherungen verweigern zunehmend die Finanzierung neuer Kohlegruben oder -kraftwerke. Andererseits erwachsen aus dem Bau neuer Wind- und Solarparks wirtschaftliche Chancen. 

Die energiepolitische Weltwende verläuft nicht geradlinig. Soeben erst hat die Internationale Energieagentur mitgeteilt, dass der Ausbau regenerativer Energien im vergangenen Jahr erstmals seit der Jahrtausendwende stagniert. Wegen eines Einbruchs in China verharrt er auf Vorjahresniveau. Überall sonst auf der Welt zeigen die Ausbautendenzen nach oben. Daraus erwachsen für Länder und Regierungen Chancen und Risiken - das Ausbeuten von Energierohstoffen ist meist eine staatliche Domäne. Deshalb befassen sich Politikwissenschaftler zunehmend mit den Auswirkungen der Energiewende auf die internationalen Beziehungen. Experten, unter anderem von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, kamen jetzt in einem Beitrag für die Zeitschrift "Nature" zu dem Schluss, die weltweite Energiewende werde die Geopolitik verändern. Der Umstieg auf eine Niedrigemissionsgesellschaft erzeuge Rivalitäten, Gewinner und Verlierer. 

Ähnlich lautet die Botschaft einer Untersuchung der Internationalen Agentur zum Ausbau Erneuerbarer Energien (Irena): "Die sich abzeichnende neue geopolitische Realität wird sich fundamental von der überkommenen Landkarte der Energie-Geopolitik unterscheiden, die über mehr als ein Jahrhundert das Bild geprägt hat", heißt es dort. Die Welt werde durch den Umstieg auf regenerative Energien eine andere. Machtstrukturen gerieten unter Veränderungsdruck, die Beziehungen der Staaten wandelten sich. Die Energieerzeugung werde dezentraler. "Die Mehrheit der Staaten kann darauf hoffen, ihre Unabhängigkeit von Energieimporten signifikant zu erhöhen, weniger Staaten werden dem Risiko unterbrechbarer Energielieferungen und Preisschwankungen ausgesetzt sein." 

Die Autoren erwarten einen wachsenden Einfluss Chinas. Das Land habe stark in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert, Herstellungskapazitäten aufgebaut und nutze die Chancen - nicht nur zur Minderung teurer Importe, sondern auch für die Ausfuhr entsprechender Anlagen. Zu den potentiellen Verlierern zählten Staaten, deren Wirtschaftsmodell auf dem Export fossiler Brennstoff beruhe und die nicht auf Erneuerbare setzten. Sie müssten sich auf wachsende Risiken und sinkenden politischen Einfluss einstellen. Allerdings entstehen in Regionen wie Nordafrika und der arabischen Halbinsel auch neue Möglichkeiten umweltfreundlicher Energieerzeugung. So kann dort aus Wind- und Solarstrom "grüner" Wasserstoff erzeugt werden, wie er in großen Mengen für künstliche Treibstoffe in der Luft- und Schifffahrt und im Schwerlastverkehr benötigt werden wird. 

Gefahren und Chancen sind jedoch auch unter den Öl- und Gasexporteuren unterschiedlich verteilt. Libyen, Angola, Kongo oder Südsudan hätten kaum die Reserven, um einen Preisverfall abzufedern und den Umstieg auf Erneuerbare zu bewerkstelligen. Anders sei das in Saudi-Arabien, Qatar, Kuweit und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit hohen Finanzrücklagen. Russland, Algerien, Iran und Aserbaidschan zählen die Autoren zur Gruppe mit "moderaten" Chancen und Risiken. Ländern, deren Wirtschaftskraft stark von Öl und Gas abhänge, drohten Phasen der Instabilität, sollten sie sich nicht früh und schnell auf den Weg des energiepolitischen Umbaus machen. Unvergessen sind die Auswirkungen niedriger Ölpreise auf die Haushalte von Ländern wie Russland oder Venezuela. 

Auf der Habenseite des Umbaus verbuchen die dem Ausbau der Erneuerbaren verpflichteten Irena-Fachleute weitere Vorteile: von der besseren Ernährungslage in Staaten, die mehr Energie selbst erzeugten, bis hin zu weniger Konflikten, ob es nun um vermutete Gas- und Öllagerstätten wie im Südchinesischen Meer und dem östlichen Mittelmeer gehe oder um Engpässe auf den internationalen Transportrouten für Öl und Gas, wie der Straße von Hormuz oder der Meerenge bei Malakka. "So könnte die weltweite Energiewende auch eine Friedendividende erzeugen." 

Skeptischer sind die Autoren des "Nature"-Aufsatzes. Sie notieren die Beharrungskräfte der Öl- und Kohlelobby und warnen vor destruktiven Folgen eines abrupten Wandels: Sollte ein technologischer Durchbruch Ölreserven kurzfristig entwerten, könne das für Staaten wie Venezuela oder Algerien schwerwiegende Folgen haben. "Interne Konflikte könnten auf Nachbarregionen übergreifen." 

Vier Szenarien spielen die Experten durch: "Großer grüner Deal", "Technologiedurchbruch", "Schmutziger Nationalismus" und "Weiter so". Im letzten Fall brechen Ölkonzerne zusammen. "Ölproduzenten wie Russland, im Mittleren Osten und Afrika erleben interne Unruhen, weil die Staatskassen leergefegt sind." China sei an besserer Luft- und Wasserqualität und industriellen "Champions" interessiert, Europa an Klimaschutz, und Amerika stehe weiter an der Seitenlinie. 

Einheitslösungen für alle Länder verwerfen die Experten. Notwendig sei ein an die Bedürfnisse und Fähigkeiten angepasster Umbau des Energiemarktes. Die internationale Politik solle sich weniger auf Ziele festlegen als auf Entwicklungspfade verständigen. Einfach werde das nicht: "Die Reise in die CO2-Neutralität ist überfrachtet mit geopolitischen Risiken." 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, von Andreas Mihm
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Mehrheit in Deutschland und der EU will eine andere Klimapolitik

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FRANKFURT, 17. May. 2019

EIB-Umfrage zeigt: Fokus sollte auf Rodungsstopp liegen 

Zur Bekämpfung des Klimawandels halten die Deutschen den Rodungsstopp der globalen Wälder und die Einführung kostenloser öffentlicher Verkehrsmittel für die wichtigsten Maßnahmen. Erst danach würden sie Plastiktüten verbieten und die Kohleverstromung beenden, wären sie von heute auf morgen Regierungschef und dürften entscheiden. 100 Prozent Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist nicht einmal für jeden fünften Deutschen vorrangig, während die Bürger in der gesamten EU dies für die zweitwichtigste Maßnahme halten, ebenfalls mit dem Rodungsstopp an erster Stelle. 

Das geht aus einer Umfrage unter 25 000 Teilnehmern hervor, die die in Luxemburg ansässige Europäische Investitionsbank (EIB) gemeinsam mit den Meinungsforschern von Yougov in Europa, China und den Vereinigten Staaten durchgeführt hat. Die Ergebnisse lagen der F.A.Z. vorab vor. "Wenn man überlegt, welche großen Überschriften in der Berichterstattung im Zusammenhang mit der Klimapolitik zuletzt dominierten, überraschen die Umfrageergebnisse etwas", kommentierte Martin Berg, in der EIB verantwortlich für Umweltfonds und Klimafinanzpolitik. Er hätte Themen wie Kohleausstieg, Elektromobilität und Plastik in den Ozeanen in der Umfrage höher vermutet. Zwar finanziert die EIB auch indirekt Projekte, die die Abholzung von Wäldern stoppen. 85 bis 90 Prozent des EIB-Finanzierungsvolumens entfallen aber auf die EU. "Mit einem Abholzungsstopp in den Regenwäldern wäre natürlich weit mehr gewonnen als wir mit dem Verbot des Flugverkehrs hierzulande je erreichen könnten", gesteht Berg. Aber auf der Agenda habe das Thema zuletzt weniger gestanden. Auch in China halten rund 40 Prozent der Befragten und damit ähnlich viele Menschen wie in der EU den Rodungsstopp für prioritär in Sachen Klimaschutz. In den Vereinigten Staaten sind es nur 27 Prozent. 

Ein verheerendes Zeugnis stellen die Befragten in Europa den öffentlichen Institutionen aus. Nur eine Minderheit hält die staatlichen Klimaschutzmaßnahmen für wirksam. EIB-Mann Berg enttäuscht das niedrige Vertrauen in die Bemühungen der EU: "Viele Standards und Projekte werden auf europäischer Ebene klar und schnell durchgesetzt, beispielhaft dafür stehen in Bezug auf die EIB die Finanzierung eines schwimmenden Offshore-Windprojekts in Portugal." Die Prioritäten hält er für richtig gesetzt, doch müsse man bei Themen wie Elektromobilität und Energieeffizienz offenbar noch mehr Überzeugungsarbeit leisten. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Klimavorbild Schweiz

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Zürich , 17. May. 2019

Was sollten sich die Deutschen vom Nachbarn abschauen und was lieber nicht?

Wieder einmal dient die Schweiz als Vorbild. Diesmal nicht auf dem Feld der politischen Partizipation oder der Schuldenbremse, sondern in der Klimapolitik: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will sich am Schweizer Vorgehen orientieren, um dem Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ein Preisschild zu verpassen und auf zugleich praktikable, wirksame und sozial gerechte Weise die Emissionen spürbar zu verringern. Das hat sie auf dem Petersberger Klimadialog Anfang der Woche in Berlin bekräftigt. In der Tat inspirieren die Eidgenossen wieder einmal mit einer innovativen Idee - doch man kann bei ihr auch besichtigen, welche Fallstricke es in der Anwendung zu vermeiden gilt. 

Die Schweiz hat schon 2008 eine Lenkungsabgabe auf fossile Brennstoffe wie Heizöl, Erdgas und Kohle eingeführt. Der Aufschrei dagegen hielt sich seinerzeit in Grenzen. Anfangs waren nur 12 Franken je Tonne CO2 fällig. Doch als man zuvor festgezurrte Zwischenziele verfehlte, stieg die Abgabe automatisch in vier Schritten - bis auf derzeit satte 96 Franken. Für Akzeptanz in der Bevölkerung sorgte neben dem allmählichen Einschleichen auch der Rückzahlungsmechanismus: Zwei Drittel der jährlichen Einnahmen von 1,2 Milliarden Franken werden an Einwohner und Unternehmen zurückverteilt. Unabhängig von seinem Verbrauch bekommt jeder Bürger, vom Baby bis zum Greis, in diesem Jahr 76,80 Franken (68 Euro). Sie werden mit den zu zahlenden Beiträgen zur obligatorischen Krankenversicherung verrechnet. 
Auch Umweltministerin Schulze will die Einnahmen aus einer künftigen CO2-Abgabe an die Bürger zurückgeben. So will sie insbesondere verhindern, dass kleine und mittlere Einkommen übermäßig belastet werden. Nicht nur ihr ist Frankreich eine Warnung: Die andauernden Proteste der "Gelbwesten" haben sich einst an der Einführung einer CO2-Abgabe auf Diesel und Benzin entzündet. Doch mit der Rückgabe von Kaufkraft ist es nicht getan: Sie muss den Menschen auch bewusst sein und einleuchten. In Frankreich wirkte die Entlastung über die Sozialabgaben nicht befriedend, und auch vielen Schweizern ist die Kompensation über ihre Krankenversicherung gar nicht bewusst. 

Wenn in Deutschland eine CO2-Abgabe kommt, wird man sie mit der schon bestehenden anderen Methode zur Bepreisung von Emissionen verzahnen müssen, dem Zertifikatehandel. Beide zielen auf dasselbe, nur greift die Steuer in die Preisbildung ein, der Zertifikatehandel hingegen nicht. Die Schweizer haben nicht nur diese Verzahnung elegant gelöst, sie haben sich auch ein pfiffiges Anreizsystem für die Unternehmen ausgedacht. 

Die knapp 40 großen energieintensiv produzierenden Konzerne sind in einen Zertifikatehandel eingebunden und dafür von der CO2-Abgabe befreit. Alle anderen Betriebe müssen die Abgabe berappen. Doch manche von ihnen können diese zurückerstattet bekommen: Unternehmen, die technologiebedingt Stromkosten jenseits einer gewissen Schwelle haben, vereinbaren mit einer von den Wirtschaftsverbänden gegründeten Agentur Ziele für das Einsparen von Energie. Ein Energieberater schlägt Investitionen und Maßnahmen vor, die sich allesamt nach spätestens acht Jahren amortisieren sollen. Wenn Unternehmen die Zielvereinbarungen erfüllen, erhalten sie die CO2-Abgabe zurückerstattet. Wenn sie die Vorgaben übererfüllen, können sie die "überschüssigen" Reduktionen an Dritte verkaufen, was sie noch stärker antreiben soll, die Energieeffizienz zu erhöhen. 

Dieses in der Welt einzigartige Anreizsystem ist ein voller Erfolg. Die fast 4000 Unternehmen, die daran teilnehmen, haben die CO2-Belastung gegenüber dem Jahr 2001 um 30 Prozent reduziert. In Summe geben sie rund 550 Millionen Franken weniger für Energie aus. Dieses Lenkungsinstrument hilft also dem Klima und den Unternehmen. Der Zertifikatehandel freilich entfaltet nicht recht Wirkung. Die Mengenvorgabe ist nicht scharf genug, der Schweizer Markt zu klein und die Zahl an Transaktionspartnern zu gering - weshalb das System demnächst an den europäischen Emissionsrechtehandel angeschlossen werden soll. 

Die CO2-Abgabe hat auch in den Privathaushalten Wirkung entfaltet. Viele Immobilienbesitzer haben ihre alten Ölheizungen entsorgt und Fenster und Fassaden gedämmt. Das Gebäudeprogramm freilich, mit dem Bund und Kantone energetische Sanierungen unterstützen und für das ein Drittel der Einnahmen aus der Abgabe reserviert ist, wirkt vor allem als binnenpolitisches Instrument zur Ankurbelung der lokalen Bauwirtschaft. Das ist zur Nachahmung nicht zu empfehlen. 

Die Gesamtwirkung der CO2-Abgabe in der Schweiz lässt sich nicht exakt messen. Fachleute sind sich aber einig, dass die Emissionen infolge der Abgabe spürbar gesunken sind. Die Erfolgsbilanz ist dadurch getrübt, dass die Abgabe nicht genügend Emissionen erfasst. So wird das Land die für 2020 gesetzten Reduktionsziele wohl verfehlen, weil Einsparungen auf dem Feld der Brennstoffe steigenden Emissionen durch Treibstoffe gegenüberstehen. Um hier gegenzusteuern, müsste die Schweiz auch Benzin und Diesel mit einer Abgabe belegen. Das ist, wie sich zeigt, selbst in diesem wohlhabenden Land ein umstrittenes Unterfangen. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, von Johannes Ritter
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Sanierung bringt Tausende Jobs

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Wien, 17. May. 2019

Die jüngsten Zahlen über die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre rütteln auf, denn jährlich werden mehr Treibhausgase freigesetzt.

Das Mauna-Loa-Observatorium in Hawaii maß am Samstag den höchsten CO2 Wert seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1950er-Jahren. Für Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist die Welt "nicht auf dem richtigen Weg, das Klima zu schützen".

In der Klima-und Energiestrategie der Bundesregierung sind zwölf Maßnahmen aufgelistet, wie Österreichs Weg in eine klimaverträgliche Gesellschaft aussehen soll. Die thermische Gebäudesanierung ist eine davon, das CO2 Einsparungspotenzial ist groß: Heizung, Warmwasser und Kühlung in Gebäuden haben einen Anteil von 27 Prozent am gesamten österreichischen Endenergiebedarf. Derzeit (2017/18) ist Tirol Spitzenreiter im Heizenergieverbrauch, außer in Salzburg und Wien stieg erstmals seit zehn Jahren in allen Bundesländern der Gesamtenergieeinsatz. Eine Modernisierungswelle bei Heizungen fordern deshalb Österreichs Installateure.

Geld in die Hand zu nehmen lohne sich, zeigt eine vom Klima-und Energiefonds in Auftrag gegebene Studie des Instituts Cesar in Zusammenarbeit mit der Umweltschutzorganisation Global 2000. Erstmals wurden die Auswirkungen einer Wärmewende auf die lokale Wirtschaft in den Bundesländern Tirol, Salzburg und Niederösterreich untersucht. Das Ergebnis sei ermutigend, sagen die Organisationen: Wird bis 2030 der Bestand an Ölheizungen halbiert, die Anzahl der Gasheizungen um ein Drittel reduziert und die thermische Sanierungsrate (von derzeit 0,4 Prozent österreichweit und 0,6 Prozent in Tirol) auf zwei Prozent angehoben, sei das ein regionaler Jobmotor. Laut Berechnungen von Studienautor Kurt Kratena werden in Tirol durch Sanierungsinvestitionen wie einen Heizungstausch ein Investitionsvolumen von 250 Mio. Euro sowie eine Wertschöpfung von 100 Mio. Euro ausgelöst. Außerdem werden in Tirol 1787 Arbeitsplätze geschaffen. In Summe werden laut Studie in den drei Bundesländern ein Investitionsvolumen von 1,7 Mrd. Euro und eine Wertschöpfung von 470 Mio. Euro ausgelöst.

Vor allem Tirol profitiert laut Studienautor Kratena vom Ausstieg aus fossilen Systemen, denn derzeit gebe es mit 98.000 Kesseln noch einen hohen Öl-Anteil, "und Heizöl ist sehr teuer".Johannes Wahlmüller, Klimasprecher von Global 2000, hofft außerdem, dass Gasleitungen nicht weiter ausgebaut werden.
 

Tiroler Tageszeitung
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Höchste CO2-Konzentration seit Aufzeichnungsbeginn

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Washington, 17. May. 2019

US-Wissenschafter haben die höchste CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre seit Aufzeichnungsbeginn registriert. Das Mauna Loa Observatorium in Hawaii, das seit den 1950er-Jahren Messungen vornimmt, verzeichnete am vergangenen Wochenende 415,26 Teile pro Million (ppm). Zuletzt dürften die Kohlendioxidwerte vor drei Millionen Jahren so hoch gewesen sein. 

Die Frage, was ein „sicherer“ CO2-Wert wäre, ist umstritten. Einig sind sich Wissenschafter aber darüber, dass ein Niveau von 350 Teilen pro Million die Erderwärmung eindämmen würde. „Aber da wir überhaupt nicht auf dem richtigen Weg sind, wäre jeder Wert, der stabil gehalten werden könnte, schon ein Gewinn“, kommentierte Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung das Messergebnis. 
Nach Angaben der internationalen Energieagentur (IEA) müsste bis 2030 weltweit doppelt so viel in erneuerbare Energien investiert werden, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Zugleich müssten die Investitionen in Öl und Kohle drastisch gekürzt werden.

Der Standard
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Preiserhöhungen befeuern den Wechsel

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17. May. 2019

Noch nie haben in Österreich so viele Haushalte und Unternehmen ihren Strom- und Gaslieferanten gewechselt wie heuer im ersten Quartal.
Bei einem Wechsel kann man bis zu 600 Euro sparen.

Das Wechselkarussell unter Österreichs Energienutzern dreht sich schneller. Von Jänner bis März dieses Jahres haben exakt 128.147 Strom- und Gaskunden einen neuen, günstigeren Lieferanten gewählt, so viele wie in keinem ersten Quartal zuvor. 

Wolfgang Urbantschitsch, Chef der Regulierungsbehörde E-Control, führt dies unter anderem auf die breitflächigen Preiserhöhungen seit vergangenem Herbst zurück. Aufgrund der erst zu Wochenbeginn angekündigten Verteuerung von Strom und Gas im Versorgungsgebiet der Energie Allianz (Wien Energie, EVN, Energie Burgenland) geht Urbantschitsch von einer weiteren Zunahme der Wechselzahlen aus, wie er am Dienstag im Klub der Wirtschaftspublizisten sagte. 

Am häufigsten wurde in der Berichtsperiode einmal mehr der Stromanbieter gewechselt. Von Jänner bis inklusive März sind 99.142 Kunden, darunter 70.101 Haushalte, zu einem anderen Versorger gegangen. Im Vergleichsquartal 2018 taten dies 65.409 Haushalte. Einen neuen Gaslieferanten haben sich heuer bereits 29.005 Kunden gesucht, darunter 26.526 Haushalte und 2479 Unternehmen. Im ersten Quartal 2018 wechselten fast 2000 Haushalte weniger ihren Gaslieferanten. 

Die Wechselrate betrug im ersten Quartal 2019 bei Strom somit 1,6 Prozent und bei Gas 2,2 Prozent. Am häufigsten wechselten Haushalte in Oberösterreich von ihrem angestammten Versorger zu einem neuen Anbieter. Bei Strom waren das 2,2 Prozent, bei Gas 3,2 Prozent. Dahinter folgten Steirer und Wiener. 
Die Preiserhöhungen der vergangenen Monate seien nur zu einem geringen Teil auf die Trennung der deutsch-österreichischen Strompreiszone seit 1. Oktober 2018 zurückzuführen, sagte Urbantschitsch. Seit 2017, dem Jahr mit den seit langem tiefsten Großhandelspreisen bei Strom, habe sich das Preisniveau kontinuierlich um insgesamt rund 40 Prozent erhöht – Folge gestiegener Beschaffungskosten für Kohle und Gas sowie teurerer CO2-Zertifikate. Dabei seien unterschiedliche Strategieansätze zu beobachten, wie Preiserhöhungen an die Endkunden weitergegeben werden. 
Unterschiedliche Strategien 

Unternehmen wie beispielsweise die Energie AG Oberösterreich achteten weniger auf die Preisentwicklung am Großhandelsmarkt, sondern verlangten über einen längeren Zeitraum höhere Preise als die Konkurrenz. Konsequenz: Der oberösterreichische Landesenergieversorger verliert damit im Österreichvergleich auch die meisten Kunden an andere Anbieter. „Die eingeschlagene Strategie scheint sich für das Unternehmen aber dennoch zu lohnen, weil immerhin noch mehr als 97 Prozent der Stammkunden bereit sind, den höheren Preis zu zahlen“, sagte Urbantschitsch. 

Andere Unternehmen wie die in der Energieallianz zusammengeschlossenen Anbieter im Osten Österreichs würden dagegen in ihren Endkundenpreisen die Kursbewegungen am Großhandelsmarkt deutlich stärker nachvollziehen mit der Folge, dass die Kunden öfter mit Preisänderungen konfrontiert sind. 
Das berge ein gewisses Risiko. „Preisänderungen sind immer ein Anlass, über einen Lieferantenwechsel nachzudenken“, sagte Urbantschitsch. Ein Wechsel lohne in den meisten Fällen. Abhängig vom Wohnort und Versorger lassen sich derzeit bei einem Wechsel des Strom- und Gaslieferanten in Österreich mehr als 600 Euro pro Jahr sparen.

 

Der Standard, Günther Strobl
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Große Offensive für erneuerbare Energien

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17. May. 2019

Wasserkraft und Photovoltaik stehen im Fokus

Oberösterreich ist ein Land der erneuerbaren Energien. Ausgenommen bei Windkraft ist das Land ob der Enns bei der Nutzung aller erneuerbarer Energieträger Nummer eins. Trotzdem soll noch weiter an den Stellschrauben gedreht werden. "Wir möchten das Land der erneuerbaren Energien sein und werden", definiert Landeshauptmann Thomas Stelzer das energiepolitische Ziel. Es gehe um einen gesamthaften Umbau der Energiesysteme.

Oberösterreich ist Land der Wasserkraft
Zwei "treibende Motoren" seien die Wasserkraft und Photovoltaik-Anlagen. Oberösterreich ist mit 30 Großkraftwerken und 690 Kleinwasserkraftwerken ein Land der Wasserkraft. Trotzdem gibt es noch Potenzial, das wir heben und ausbauen wollen",so Stelzer. Wasserkraft sei außerdem eine CO2-neutrale Energieform und biete auch einen Erlebnis-und Erholungsraum, so Landesrat Markus Achleitner. Und bis zum Jahr 2030 könnten 2600 bis 6000 Gigawattstunden Strom von den Photovoltaikanlagen geliefert werden. Der Wandel im Energiebereich könne ein Hebel für die oö. Wirtschaft sein.

Schrittweiser Ausstieg aus fossiler Energie
Wichtig sei ein Ausstieg aus fossilen Energieträgern, betont Achleitner. Um ein Signal zu setzen, habe man daher ein Verbot von Ölheizungen in Neubauten erwirkt, das noch in Begutachtung ist. "Wir rechnen damit, dass ein entsprechendes Gesetz noch vor Sommer beschlossen wird." Mit der Energieoffensive will man außerdem zur Erreichung des Zieles der "#mission2030" des Bundes beitragen, bis zum Jahr 2030 ein Drittel der CO2 Emissionen einzusparen-eine "Herkulesaufgabe, bei der alle Stellschrauben gedreht werden müssen",so Achleitner.

Oberösterreichisches Volksblatt
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Linz testet Lufttaxis ab 2020

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17. May. 2019

Testflüge. Flugzeugbauer FACC und chinesischer Hightech-Konzern EHang errichten in Linz Strecken für E-Flieger

 Linz wird zur europa- und weltweiten Vorzeige- und Entwicklungsstadt für Passagier- und Gütertransporte - und zwar mit autonomen Lufttaxis. In einem "Letter of Intent" haben der Rieder Flugzeugbauer FACC, der in diesem Bereich führende chinesische Konzern EHang und der städtische Linzer Verkehrsbetrieb Linz AG die Zusammenarbeit und einen möglichst raschen Testbetrieb vereinbart. 

Durch die Partnerschaft mit Linz wollen EHang und FACC ein für Europa und auch die USA anwendbares Betreibermodell entwickeln, das auch die Akzeptanz der Genehmigungsbehörden bekommt, erklärte Robert Machtlinger, Geschäftsführer von FACC. "Das ist ein Leutturmprojekt für Oberösterreich und Österreich", versicherte er. Beim Rieder Flugzeugbauer lässt EHang sein bereits betriebsfähiges 
E-Flugtaxi "EHang 216" in Serie produzieren. Die Produktionslinie für die ersten bestellten 1.000 Stück ist in Bau, erklärte der FACC-Chef. Zwischen 1.000 und 1.500 Stück können jährlich in Ried produziert werden. 

Zur Vertragsunterzeichnung waren die EHang-Vizepräsidentin Cora Tang und Europa-CEO Felix Lee nach Linz gereist. Für die Linz AG, die in Sachen E-Mobilität im öffentlichen Verkehr unter Österreichs Städten führend ist, sehe man die Vorreiterrolle bei der Entwicklung der "Urban Air Mobility" (städtische Luftmobilität, Anm.) als Riesenchance, sagte Linz AG-Chef Erich Haider. Und der Linzer Bürgermeister Klaus Luger, SPÖ, verwies stolz auf die Konzeption, Linz zur innovativsten Stadt Österreichs zu machen. Weil die Nutzung der Fluggeräte nicht nur für Eliten, sondern auch für Bürger im Alltag leistbar sein soll, erwarten sich Luger und der Linzer Verkehrsreferent Markus Hein auch in einigen Jahren eine Entlastung im Tagesverkehr. 

Teststrecken Erste Flüge der Lufttaxis auf eigenen Teststrecken sind bereits für 2020 realistisch. Bis dahin sei das für den Betrieb des autonomen Fluggeräts notwendige 5G-Netz installiert, erklärten Haider und Machtlinger. Flüge vom Flughafen oder vom Bahnhof in bestimmte Stadtviertel sind geplant. Der Prototyp des EHang 216 steht in China bereits im Testbetrieb und hat 7.000 Flugstunden, davon 2.000 bemannt, hinter sich. EHang will mit dem pro Stück über 300.000 Euro teuren Elektro-Flieger den öffentlichen Verkehr nicht konkurrenzieren, sondern bereichern und entlasten. Das Ziel sei, die Nutzung sicher und für alle Menschen leicht leistbar zu machen, erklärte Europachef Lee. Aufgrund der Kooperation in OÖ hat EHang seine internationale Zentrale in Wien eingerichtet. 

Kurier, von Wolfgang Atzenhofer
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Donald Trump drückt aufs Gas

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WASHINGTON,, 17. May. 2019

Amerikas Präsident strebt die globale Energiedominanz an und will Flüssiggas in die Welt liefern. Kann er Nord Stream 2 noch stoppen? 

Die Vereinigten Staaten beanspruchen Dominanz in der globalen Energiewirtschaft. Das hat Präsident Donald Trump in einer Rede anlässlich der Eröffnung einer Produktion zur Gasverflüssigung im Bundesstaat Louisiana gesagt. Die Vereinigten Staaten würden sich nicht darauf beschränken, sich mit Energie komplett selbst zu versorgen. Sie strebten eine Vormachtstellung an. Er hat in der Rede keinen Zweifel daran gelassen, dass die fossilen Energierohstoffe Gas, Erdöl und Kohle im Zentrum der Energiestrategie stehen. Amerikas Rohölexporte haben sich nach Angaben des Weißen Hauses 2018 verdoppelt mit einem Tagesdurchschnitt von 2 Millionen Barrel, Kohle-Exporte erreichten ein Fünf-Jahres-Hoch. 

Flüssiggas spielt eine besondere Rolle in den amerikanischen Energieambitionen: Das von Trump besuchte Export-Terminal der Sempra Energy in Hackberry, Louisiana, ist ein Beispiel dafür. Es verflüssigt seit Dienstag über Pipelines angeliefertes Erdgas. Im flüssigen Aggregatzustand wird es auf Spezialtanker gepumpt für den Export. Die Firma Sempra zielt wie die anderen amerikanischen Wettbewerber vor allem auf asiatische Märkte; China ist der größte Abnehmer von Flüssiggas. 

Dank gewaltiger Schiefergasvorkommen und modernisierter Fördermethoden exportieren die Vereinigten Staaten inzwischen zum ersten Mal seit 1957 mehr Erdgas als sie einführen. Die Export-Terminals spielen dabei die zentrale Rolle. Fünf davon sind binnen weniger Jahre in Betrieb genommen worden, sechs befinden sich im Bau, weitere sind bereits genehmigt. Das Weiße Haus hat unter Trump den Genehmigungsprozess für die Flüssiggas-Export-Terminals und Pipelines beschleunigt. Die Exportkapazität für Flüssiggas wird sich nach Trumps Angaben bis Ende 2020 verdoppelt haben, dann werden die Vereinigten Staaten zur Nummer drei, gemessen an globalen Exportkapazitäten, aufgestiegen sein hinter Katar und Australien. 

Allerdings kommt Trumps Handelspolitik seinen energiepolitischen Ambitionen in die Quere. Der Konflikt mit China trübt die Perspektiven zumindest vorübergehend: China hatte am Montag verkündet, rund 5000 Produkte aus den Vereinigten Staaten mit Zöllen bis zu 25 Prozent zu belegen, darunter Flüssiggas. Die Experten der Analysefirma Rystad Energy rechnen nicht damit, dass Asien trotz wachsender Nachfrage die zusätzlichen Mengen an Flüssiggas aufnehmen wird. Deshalb könnten zusätzliche Mengen nach Europa drängen und damit den russischen Lieferanten kurzfristig Marktanteile streitig machen, spekuliert Rystad. 
Die Vereinigten Staaten bemühen sich vor diesem Hintergrund weiterhin, der russisch-deutschen Pipeline Nord Stream 2 Bremsklötze in den Weg zu legen. Die Senatoren Ted Cruz aus Texas und Jeanne Shaheen aus New Hampshire wollen jene Spezialfirmen mit Sanktionen belegen, deren Schiffe die Pipeline-Röhre durch die Ostsee verlegen. Shaheen gehört auch zu den Autoren eines breiter gefassten Gesetzesentwurfs, der Russland für die Einflussnahme auf demokratische Institutionen im Ausland sanktionieren will. Bestraft werden sollen unter anderem Flüssiggas-Anlagen der Russen im Ausland. Shaheen vertritt bemerkenswerterweise den Bundesstaat New-Hampshire, der im Januar 2018 nach einer kurzen Kältewelle selbst auf Flüssiggas aus Russland angewiesen war. Eine solche Notlage könnte sich wiederholen, weil es zu wenige Pipelines gibt, die die Neu-England-Staaten mit Gas aus anderen Bundesstaaten versorgen. 

Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie-und Handelskammertags (DIHK), verteidigte am Dienstag bei einem Besuch in Washington das Nord-Stream-Projekt: Aus deutscher Perspektive sei es schwer zu verstehen, wie das Pipeline-Projekt als Bedrohung empfunden werden könne. Deutschland müsse selbst damit fertig werden, sollte Russland kein Gas liefern. Doch Russland habe in den letzten Jahrzehnten stets geliefert. Wansleben warb auf einer Veranstaltung in Washington um Verständnis dafür, dass Deutschland zu Russland, das fast ein Nachbar sei, gute Beziehungen anstrebe. 
Präsident Trump stellte am Dienstag einen weiteren Konflikt mit Europa heraus: Mit dem von ihm beschlossenen Rückzug aus dem Pariser Klimaschutzabkommen habe er den Vereinigten Staaten eine Billion Dollar gespart. Er habe zudem die Klimaschutz-Politik seines Vorgängers beendet. Sie hatte zum Ziel CO2-Emissionen der Energieproduktion zu reduzieren. Trump lobte sich dafür, dass er Vorgänger Barack Obamas "Krieg gegen Kohle" beendet habe und nun auch weitere Regionen in Alaskas National Wildlife Refuge für die Förderung von Rohstoffen geöffnet habe. Daran seien alle seine republikanischen Vorgänger gescheitert. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Italien will zum internationalen Stromverteiler werden

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ROM, 17. May. 2019

Eine Verbindung mit Tunesien bringt den Sonnenstrom aus der Sahara näher. Damit der Bau neuer Verbindungen schneller vorankommt, werden die Leitungen auch im Meer oder unterirdisch verlegt. 

Den Wunsch, Sonnenenergie aus der Sahara bis nach Europa zu bringen, kann in acht oder neun Jahren der italienische Stromnetzbetreiber Terna verwirklichen. Mit einer 600 Millionen Euro teuren Verbindung unter dem Meer zwischen Tunesien und Italien, die bis 2027 oder 2028 gebaut wird, soll Nordafrika direkt an Mitteleuropa angebunden sein. Bisher gibt es schon eine Verbindung zwischen Marokko und Spanien, doch ist in der Branche bekannt, dass die Überlandleitungen für Strom von Spanien in Richtung Frankreich nicht besonders gut ausgebaut sind. 

Für den Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers Terna, Luigi Ferraris, lautet die Perspektive: "Italien wird zu einem Knotenpunkt für elektrische Energie." Die Verbindungen über die europäischen Grenzen hinweg sollen in den kommenden Jahren ebenfalls ausgebaut werden. Zu den bisherigen 25 Grenzübergängen für den Strom kommen weitere fünf, nach Frankreich, in die Schweiz, nach Österreich, Slowenien und Montenegro. Die neuen Übergänge sollen dabei weitaus größere Kapazität erhalten als die bisherigen. Italien war lange Zeit auf gute Auslandsverbindungen für die Stromlieferungen angewiesen, weil nach einem Votum der Italiener gegen die Kernenergie in den achtziger Jahren rund 15 Prozent des Strombedarfs von den Atomkraftwerken in Frankreich und der Schweiz gekauft wurden. Nun will Terna-Chef Ferraris diese Verbindungen nutzen und ausbauen, damit künftig die Schwankungen der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen auch zwischen europäischen Ländern ausgeglichen werden können. 

Für einen direkten und schnellen Stromtransport aus der Sahara bis nach Mitteleuropa will Ferraris jedoch keine Hoffnungen machen: "Im Moment gibt es noch keine direkten Stromverbindungen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen vergleichbar wären." Die elektrische Energie kann über größere Strecken nur etappenweise transportiert werden, mit Zwischenstopps und Energiespeichern. Doch zusätzliche Zwischenspeicher müssten sowieso gebaut werden, für Tage mit zu wenig oder zu viel Wind für Windkraftgeneratoren oder für Zeiten ohne Sonne. Für das gebirgige Italien mit vielen genutzten und einer Reihe ungenutzter Stauseen wünscht sich Ferraris Pumpstationen, die in Zeiten geringer Stromnachfrage Wasser auf den Berg zurückpumpen. Aber auch neue Stauseen sind für Ferraris wünschenswert. Überall dort, wo nun die Gletscher verschwinden? Für den Chef des italienischen Stromnetzes steht im Mittelpunkt eher die Zusammenarbeit mit den Landwirten, damit die immer mehr auf Unwetter konzentrierten Wassermassen aufgehalten und dann kontinuierlich für die Bewässerung zur Verfügung gestellt werden. 
Weil Wind und Sonne für die Stromerzeugung nicht kontinuierlich zur Verfügung stehen und die Stromproduktion aus solchen Quellen innerhalb kurzer Zeit drastisch sinken kann, sind aus Sicht von Ferraris immer noch Kraftwerke nötig, die unabhängig von Sonne und Wind sind. Aus seiner Sicht bleiben Gaskraftwerke die wichtigste Technik für die Übergangszeit, die eine Absicherung erlaubt. Natürlich müssten dann künftig die Betreiber dieser Gaskraftwerke nicht für die Stromproduktion, sondern vor allem für die vorgehaltenen Kapazitäten bezahlt werden. 

Während in Deutschland die Netzbetreiber die Schwierigkeit haben, Windstrom aus dem Norden zur Industrie im Süden zu bringen, steht Italien vor einem ähnlichen logistischen Problem mit umgekehrtem Vorzeichen: Es geht darum, Strom aus Sonne und Wind aus dem Süden zur Industrie im Norden zu transportieren. Der italienische Netzchef Luigi Ferraris hat sich damit abgefunden, dass es gegen neue Überlandleitungen große Widerstände gibt. Daher wird Terna einen Großteil der insgesamt 6,8 Milliarden Euro an Investitionen bis 2023 für Leitungen ausgeben, die unterirdisch verlegt werden oder an den Meeresküsten entlang verlaufen. "Das kostet drei- bis fünfmal so viel, aber damit können wir die Projekte schneller zu Ende bringen", sagt Ferraris. Zugleich wünscht er sich für die Zukunft, dass Anlagen für erneuerbare Energien nicht mehr irgendwo in die Landschaft gebaut werden, sondern bevorzugt in der Nähe stillgelegter Kohlekraftwerke. Denn von dort aus gibt es ohnehin schon gute Stromleitungen. 
Terna, Betreiber von 72 900 Kilometer Stromnetz, zu 29,9 Prozent in der Hand der öffentlichen Holding CdP Reti, will bis 2023 seinen Jahresumsatz von 2,2 auf 2,7 Milliarden Euro steigern, die Erträge ebenfalls um 20 Prozent. Der Nettogewinn 2018 lag bei 707 Millionen Euro. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung
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RWE wird zu einem der größten Erzeuger erneuerbarer Energie

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DÜSSELDORF, 17. May. 2019

Ergebnisse des ersten Quartals erfreuen die Anleger 

Beflügelt von einem unerwartet guten Ergebnis im schwankungsanfälligen Energiehandel, ist der Essener RWE-Konzern gut in das neue Jahr gestartet. In seiner derzeitigen Aufstellung ohne Einbeziehung der an Eon gehenden Tochtergesellschaft Innogy hat der Energieriese im ersten Quartal ein bereinigtes operatives Ergebnis (Ebitda) von 510 (Vorjahr: 299) Millionen Euro erwirtschaftet. Das bereinigte Nettoergebnis erreichte 273 (78) Millionen Euro. An der Börse konnte RWE mit den eher über den Analystenerwartungen liegenden Zahlen punkten. Der Aktienkurs gewann mehr als 3 Prozent auf rund 23,50 Euro, womit RWE am Morgen die Gewinnerliste im Dax anführte. Finanzvorstand Markus Krebber bestätigte die Prognose, wonach im Gesamtjahr ein Ebitda zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Euro und eine von 0,70 auf 0,80 Euro aufgestockte Dividende angepeilt werden. 

Bei der Übernahme der Geschäfte mit den erneuerbaren Energien von Innogy und Eon komme man gut voran, sagte Krebber in einer Telefonkonferenz. Man bereite alles vor, um eine reibungslose Integration dieser Sparten nach dem Vollzug zu gewährleisten. "Die neue RWE ist also in Sicht." Nach Abschluss der Transaktion werden die Essener zum zweitgrößten Offshore-Windparkbetreiber der Welt und zu einem der fünf größten Erzeuger im Bereich erneuerbare Energien. "Unsere Strategie steht. Wir wollen international wachsen und unsere ausgezeichnete Marktposition durch gezielte Investitionen in attraktive Märkte und Projekte weiter ausbauen", kündigte er an. Im Rahmen des im Frühjahr 2018 vereinbarten großangelegten Tauschgeschäfts übernimmt Eon die RWE-Tochtergesellschaft Innogy, um ausschließlich deren Netzgeschäft und Vertrieb zu behalten. RWE konzentriert sich dann auf die Erzeugung und soll überdies mit 17 Prozent an Eon beteiligt werden. Spätestens im Juni soll bei RWE auch die Gattung der stimmrechtslosen Vorzugsaktien abgeschafft sein. Sie werden im Verhältnis eins zu eins in stimmberechtigte Stammaktien umgewandelt. 

Bisher noch ist RWE auf die Bereiche Braunkohle und Kernenergie, die europäische Stromerzeugung und den Energiehandel konzentriert. Im Einzelnen hat der Konzern in seinem Segment Energiehandel den Fehlbetrag aus dem Vorjahresquartal in einen operativen Gewinn von 255 Millionen gekehrt. Im Segment Braunkohle und Kernenergie lag das Ergebnis vor allem dank höherer Großhandelspreise mit 188 Millionen Euro etwas über dem Vorjahr. Das Segment Europäische Stromerzeugung blieb mit einem Ergebnis von 63 Millionen Euro deutlich unter dem Vorjahr, und zwar im Wesentlichen wegen einer geringeren Produktion und fehlender Beiträge aus dem britischen Kapazitätsmarkt. 

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„Wir könnten es auch ohne Amerika schaffen“

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17. May. 2019

Der Klimawandel wird sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern entscheiden, sagt Helga Kromp-Kolb. 

Europa war lange Zeit treibende Kraft in Sachen Klimaschutz und wurde dabei von den USA unter Präsident Barack Obama unterstützt. Nachfolger Donald Trump hat angekündigt, 2020 aus dem Klimaabkommen von Paris aussteigen zu wollen. Wie ist die Situation in Europa heute? 
Helga Kromp-Kolb: Europa lässt nach. Allen voran hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Verhalten geändert. Früher war sie für den Klimaschutz, heute setzt sie sich vor allem für den Schutz der Automobilindustrie ein – und zwar nicht erst seit der Dieselkrise 2015, durch die Deutschland aber natürlich auch unter Druck gekommen ist (Manipulationen verschiedener Autohersteller zur Umgehung gesetzlich vorgegebener Grenzwerte für Abgase, Anm.). Das Problem ist, dass sie nicht nur Deutschland dazu bringt, gegen bestimmte Maßnahmen zu sein, sondern auch andere Staatschefs unter Druck setzt, zum Beispiel Grenzwerte nicht zu hoch anzusetzen. 

Ist die Klimapolitik der Europäischen Union mit den Maßnahmen, die die Länder setzen, um zum Beispiel die Erderwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten, überhaupt ambitioniert genug? 
Es geht ums Wollen. Wir müssen die Klimaziele nur erreichen wollen. Im Technologiebereich ist hier die Wirtschaftlichkeit ein wesentlicher Faktor. Wir müssen aber auch unsere Lebensgewohnheiten ändern. Industrie und Verkehr spielen eine große Rolle, und wir dürfen auch unsere Ernährung nicht unterschätzen. Die drei Standbeine der Fleischproduktion sind Düngemittelproduktion, Abnahme der Regenwälder und die Ausgasungen der Tiere, also der Wiederkäuer. Außerdem verwenden wir mehr landwirtschaftliche Fläche, um Futtermittel zu erzeugen, als Lebensmittel. Eine kleinteilige Landwirtschaft wäre überhaupt wesentlich produktiver als die industrielle. Weltweit produziert sie ein Drittel der Lebensmittel auf einem Viertel der Fläche. 

Welche Länder werden die Klimaziele der Europäischen Union voraussichtlich nicht erreichen? 
Deutschland, die Schweiz und Österreich sind nicht auf Kurs. Skandinavien ist recht gut unterwegs. Im Vorjahr kam das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, Anm.) zu dem Ergebnis, dass die globale Erwärmung eigentlich bei 1,5 Grad stoppen müsste. Die Forscher erwarten, dass die Schäden schon bei einer Steigerung von zwei Grad exponentiell steigen. Bei drei Grad wären sie noch dramatischer. Die Bedrohung ist real. Die Gletscher ziehen sich zurück, Wetterextremereignisse häufen sich, die Biodiversität nimmt ab. 

Inwieweit spielt die Klimapolitik bei der EU-Wahl am 26. Mai eine Rolle? 
Das Climate Action Network (Dachverband von mehr als 1300 umweltpolitischen Nichtregierungsorganisationen aus 120 Ländern, Anm.) hat die verschiedenen Parteien hinsichtlich Klima- und Umweltfragen analysiert und in drei Kategorien unterteilt: die Umweltverteidiger, die Verzögerer und die Dinosaurier, die am Fossilen festhalten. Auch für Österreich gibt es eine Analyse. In die Kategorie Verteidiger fallen die Grünen, knapp gefolgt von der SPÖ, zu den Verzögerern zählen Neos und die FPÖ und zu den Dinosauriern die ÖVP. 

Angenommen, die Europäische Union setzt sämtliche Maßnahmen um. Könnte damit die globale Erwärmung tatsächlich gestoppt werden – trotz des Ausstiegs der USA aus dem Klimaabkommen? 
Ja. Wir könnten es auch ohne Amerika schaffen. Amerika verfolgt ja auch nicht in seiner Gesamtheit das Prinzip seines Präsidenten. Es gibt viele Städte und große Firmen, die klimabewusst agieren. Eine ganz entscheidende Rolle spielt außerdem China. China tut relativ viel für den Klimaschutz, weil es ja selbst stark von den Folgen der Luftverschmutzung betroffen ist. Das heißt, das Reinhalten der Luft geht Hand in Hand mit dem Klimaschutz. Die Chinesen bauen Städte mit einem wirklich guten, öffentlichen Verkehrsnetz, das elektrisch gespeist wird. Sie sind da sehr erfinderisch und haben auch den technologischen Hintergrund dazu. Außerdem legen sie Kohlekraftwerke still und ersetzen sie durch Anlagen für erneuerbare Energien. 

Wo wird sich der Klimawandel letztendlich entscheiden? 
In den Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien oder Afrika. Wenn die Menschen in diesen Ländern versuchen, unsere Lebensstandards mit den Mitteln zu erreichen, wie wir es gemacht haben, explodiert die Situation. Daher ist es unsere Aufgabe, ihnen zu zeigen, dass wir erkannt haben, dass wir einen anderen Weg gehen müssen. Dass dieser Weg ein Fehler war. Das ist unsere Rolle: Vorbild zu sein. 
Helga Kromp-Kolb ist Meteorologin und Klimaforscherin. Bis 2018 leitete sie das Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur in Wien. Nach wie vor hält sie auch an der Universität Wien Lehrveranstaltungen ab.

Wiener Zeitung, von Petra Tempfer
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Wie der eigene Balkon zum Kraftwerk wird

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17. May. 2019

Die Firma Alpha Solar- und Heizungstechnik aus Hallbergmoos erhält den Mini-Solar-Award für die beste Photovoltaikanlage für Mieter.
Das Unternehmen legt generell viel Wert auf Nachhaltigkeit 

Hallbergmoos - Selber Strom produzieren, die Wärme für die Heizung nachhaltig und umweltfreundlich auf dem eigenen Balkon erzeugen, keine teuren Rechnungen mehr an Großkonzerne zahlen, Braunkohle- und Atomstrom den Geschichtsbüchern überlassen: Es ist eine recht utopische Zukunftsvision, die sich Reinhard Bege, Geschäftsführer der Firma Alpha Solar- und Heizungstechnik in Hallbergmoos, da erhofft. Eine Innovation, die den Menschen diese grüne Zukunft ein Stück näherbringen soll, ist das Mini-Balkon-Kraftwerk seines Unternehmens. An diesem Mittwoch wird die Firma aus dem Landkreis Freising bei der Verleihung des Mini-Solar-Awards 2019 in München mit dem Preis für das beste Solarkraftwerk für Mieter ausgezeichnet. 

Seit mehr als 20 Jahren tüfteln Wissenschaftler in Europa an den Solaranlagen für Zuhause. Was zunächst nur für Hausbesitzer möglich war, können jetzt auch Mieter mit Balkon nutzen: eine eigene Mini-Photovoltaikanlage. Diese liefert beispielsweise den Basisstrom für einen Kühlschrank oder Geräte im Stand-by-Modus, wie eingesteckte Ladekabel, den Fernseher oder die Mehrfachsteckdose mit Kippschalter. Solch ein Mini-Kraftwerk spart immerhin 60 bis 80 Euro im Jahr. Die einmalige Anschaffung liegt bei etwa 270 Euro. "Unser Ziel ist es, die zentrale Energiewirtschaft zu dezentralisieren. Das heißt, dass wir einen Schritt zur Energiewende in Bürgerhand geben wollen - raus aus der Abhängigkeit von Großkonzernen", erläutert Reinhard Bege. 

Das Unternehmen aus Hallbergmoos ist seit Jahrzehnten in der Strom- und Heizungsindustrie tätig. Mittlerweile liegt der Fokus der Firma auf der Energieberatung und dem Online-Bereich. "Wir wollen dabei helfen, zukunftsweisende Technik an die Leute zu bringen und dabei eine beratende und unterstützende Rolle einnehmen", erklärt Bege. 

Besonders viel Wert legt das Unternehmen auf Nachhaltigkeit. Mit den Solarkraftwerken für den Balkon könne jeder Bürger Geld und Strom sparen, sagt Bege. Dass der Bürger aktuell zum alleinigen Selbstversorger für Strom und Heizung werde, sei zwar unrealistisch. Jedoch arbeiteten Forscher weltweit an neuen Technologien in diese Richtung; wie zum Beispiel an einem Batteriespeicher, der eigens erzeugten, ungenutzten Strom für späteren Verbrauch speichert. Ein tolles Projekt, das die Möglichkeit der eigenen Energiewirtschaft aufzeige, sei das Haus 2226 am Bodensee, so Bege. Das Bürogebäude komme bereits ohne Heizung aus. Als einzige Wärmequellen im Haus dienten die Mitarbeiter selbst, sowie die Computer, Kopierer und Kaffeemaschinen in den Büroräumen. 

Mit dem Mini-Solar-Award werden ökologische Energielösungen ausgezeichnet. Bei der Fachmesse "The smarter E Europe" in München wird der Preis übergeben. Das Mini-Solarkraftwerk ermöglicht es Mietern, Teil der Energiewende zu werden. "Wir sind richtig stolz darauf, dass wir in Fachkreisen für unser Balkonkraftwerk und unsere Arbeit gewürdigt werden", freut sich Bege. 

 

Süddeutsche Zeitung
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Schlechtes Klimazeugnis für Österreich

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17. May. 2019

In einer EU-weiten Studie wurden erstmals die Entwürfe der Klima- und Energiepläne der Mitgliedstaaten verglichen. Das Ergebnis: Nach derzeitigem Fahrplan wird kein Land die Klimaziele erreichen, auch Österreich nicht.

Bis 31. Dezember des Vorjahres hatten die EU-Mitgliedsstaaten Zeit, den Entwurf ihrer nationalen Klima- und Energiepläne (NEKP) an die EU-Kommission zu übermitteln. Die eingereichten Papiere sind wichtig, immerhin dienen sie als Vorlage für die langfristigen Klimapläne, die noch bis Ende des Jahres abgeschlossen sein müssen. Doch bisher ist kein einziges Mitgliedsland auf einem guten Weg, um die EU-Klimaziele bis 2030 und weitergehend Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu erreichen, wie aus einer Studie der European Climate Foundation (ECF) hervorgeht. 

Auch Österreich übermittelte den NEKP-Entwurf im Dezember – zeitgerecht elf Tage vor der Deadline. Das Papier war zwar etwas detailreicher als die vorher veröffentlichte „Mission 2030“, die Klimastrategie der Regierung, dennoch fehlten in dem Entwurf konkrete Finanzierungspläne, wie DER STANDARD berichtete. 
Für die Klimastiftung mit Sitz in Den Haag ist Österreich jedenfalls nicht auf dem richtigen Zielpfad. Mit nur 23,5 der möglichen 100 Punkte erreichte die Republik im Ranking gerade einmal Platz 19 innerhalb der EU-Staaten. Und das, obwohl Klimaschutz laut Regierung „die größte Aufgabe der Menschheit ist“. 
Woran scheiterte eine bessere Bewertung also? „Der ganze Abschnitt über zusätzliche Maßnahmen, um tiefere Emissionsreduktionen und mehr Erneuerbare und Energieeffizienz zu erreichen, ist leer geblieben“, sagt Matthias Duwe, einer der Studienautoren, im Gespräch mit dem STANDARD. „Das hat zu einer signifikanten Abwertung geführt.“ 

Für Österreich verschlechterten außerdem die mangelnden Informationen über die Finanzierung der Klimapläne das Ranking. Anders als beispielsweise Dänemark nannte die Republik für die Umsetzung der Vorhaben keine konkreten Investment- und Finanzierungsmaßnahmen. 
Für einen Punkteabzug sorgten auch die fehlenden Details zu Ausstiegsplänen aus klimaschädlichen Subventionen und mangelnde Ambitionen, Emissionen außerhalb des Emissionshandels zu reduzieren. Auch der Bereich der erneuerbaren Energie kam den Studienautoren zu kurz. 

Schlechter EU-Schnitt 
Pluspunkte gab es hingegen unter anderem für die Kohleausstiegspläne der Regierung, auch wenn dazu „keine weiteren Details bereitgestellt wurden“. Ebenso positiv bewertet wurde der Konsultationsprozess zur nationalen Klimastrategie. 

Aber auch außerhalb der Grenzen Österreichs sieht es kaum besser aus: Die Stiftung bewertete den EU-weiten Durchschnitt mit 28,9 Punkten. An erster Stelle liegt Spanien, doch selbst die Iberische Halbinsel ist mit einer Wertung von 52,4 Punkten weit vom Optimum entfernt. Schlecht schneiden Slowenien (3,2 Punkte), die Slowakei und Deutschland (jeweils 12,5 Punkte) ab. 

Die Studie sorgte jedenfalls bereits im Vorfeld für Kritik. „Der Entwurf der Bundesregierung ist völlig unzureichend und bei weitem nicht kompatibel mit dem Pariser Klimaschutzabkommen“, kritisiert etwa Lisa Plattner von der Umweltorganisation WWF. „Österreich braucht eine echte ökologische Steuerreform, die umweltfreundliches Verhalten belohnt und fossile Energien ausbremst“. Kritik kam auch vom Dachverband Erneuerbarer Energie: „Der österreichische NEKP schneidet so schlecht ab, weil trotz einiger Zielsetzungen nicht ansatzweise dargestellt wird, wie diese erreicht werden sollen“, so Geschäftsführer Florian Maringer. Im Verkehrs- und Gebäudebereich und beim Ausbau Erneuerbarer gebe es „enorme Lücken“. 

Insgesamt würden die bisher vorgeschlagenen Maßnahmen sämtlicher EU-Staaten nicht dem gerecht werden, was im Rahmen des Pariser Klimaabkommens vereinbart wurde, wird in der Studie kritisiert. „Es gibt jedoch auch Gründe für Optimismus.“ So wäre es bereits ein wichtiger Schritt, dass die Mitgliedsstaaten die Entwürfe zur Evaluierung einreichen müssen. Außerdem wären einige gute Beispiele für klimafreundliche Politik in den Strategien der einzelnen Länder zu finden, die weniger ambitionierten Staaten künftig auch als Vorbild dienen könnten. 

„Es gibt noch viel Spielraum für Verbesserung“, heißt es seitens der Klimastiftung. Laut Homepage der EU-Kommission will diese bis Ende Juni die kommentierten Entwürfe an die Mitgliedsstaaten zurückgeben. Anschließend haben die Regierungen bis Jahresende Zeit, das finale Papier zu präsentieren. 

Der Standard, von Nora Laufer
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Rechtsmittel gegen Nord Stream 2?

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SIEGBURG , 17. May. 2019

Manfred Weber, der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei bei der Europawahl, hat in einem Interview mit einer polnischen Zeitung erklärt, er werde "alle möglichen Rechtsmittel anwenden", um Nord Stream 2 zu verhindern (F.A.Z. vom 25. April). Dabei kann er sich nicht auf die bisherige Fassung der EU-Gasrichtlinie stützen. Diese galt nur für Gasleitungen innerhalb der EU, wie auch der Juristische Dienst der EU-Kommission festgestellt hat. Zwar ist die Geltung der Richtlinie unlängst durch die im März 2019 von Parlament und Ministerrat der EU beschlossene Neufassung auf Pipelines aus Drittstaaten ausgedehnt worden. Die Anwendung auf Nord Stream2 ist jedoch zweifelhaft, weil die Rohre bereits zu fast 40 Prozent verlegt sind und die Inbetriebnahme der Gasleitung schon Ende 2019 erfolgen soll. 

Im deutschen öffentlichen Recht gilt der Grundsatz des Vertrauensschutzes. Dieser besteht darin, dass der Bürger sich bei seinen Dispositionen auf die geltende Rechtslage verlassen darf und bei Rechtsänderungen keine für den Bürger nachteiligen Rückwirkungen in Kraft treten dürfen. Es ist davon auszugehen, dass dieser rechtsstaatliche Grundsatz auch im EU-Recht zu beachten ist. Die Auseinandersetzung um Nord Stream 2 dürfte also nicht nur politisch noch spannend werden (die Bundesregierung ist bekanntlich für das Projekt), sondern auch rechtlich. 
 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, HEINZ-JÜRGEN WURM,
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OMV krempelte Aufsichtsrat um

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Wien, 17. May. 2019

Lenzing-Chef Doboczky ist neu im Gremium 

Die Eigentümer des Öl- und Gaskonzerns OMV haben gestern bei ihrer Hauptversammlung gleich fünf neue Aufsichtsräte gewählt. Sie sollen als Vertreter der Staatsholding ÖBAG in das Aufsichtsratsgremium einziehen. 

Brisanz hat die Wahl vor allem durch den Abgang von Aufsichtsratschef Peter Löscher erhalten: Wie berichtet, hatte der ehemalige Siemens-Chef im September seinen vorzeitigen Rückzug angekündigt und diesen mit den Plänen der Bundesregierung begründet, den Einfluss des Staates bei der OMV zu stärken. 
Im Aufsichtsrat verbleiben nur der Grazer Uni-Professor Karl Rose und der ehemalige Procter&Gamble-Manager Wolfgang Berndt. 

Neu in den Aufsichtsrat sollen erwartungsgemäß ÖBAG-Chef Thomas Schmid, VIG-Vorstandschefin Elisabeth Stadler, Tyrolit-Geschäftsführer Christoph Swarovski und Lenzing-Vorstandschef Stefan Doboczky einziehen. 

Auch Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling steht auf der Liste der Wahlvorschläge. Wie berichtet, wird aus seiner Bestellung nichts, weil die Abkühlphase für Minister beim Einzug in Aufsichtsräte von Unternehmen, an denen der Staat beteiligt ist, zwei Jahre beträgt. Diese ist noch nicht abgelaufen. Statt Schelling soll Steuerexpertin Cathrine Trattner Aufsichtsratsmitglied werden. Sie ist die Tochter von ÖBB-Aufsichtsratschef und Ex-FPÖ-Nationalrat Gilbert Trattner. 

Als Vorsitzender des Aufsichtsrates kam Wolfgang Berndt zum Zug. Er wurde nur bis zum Ablauf von Löschers Funktionsperiode gewählt, also bis zur Hauptversammlung im Frühjahr 2020. Dann könnte Thomas Schmid den Vorsitz übernehmen. Zudem wurde gestern die Ausschüttung einer Dividende von 1,75 Euro je Aktie beschlossen. Zahltag ist der 23. Mai 2019. 

OMV-Vorstandschef Rainer Seele hat erneut die Bedeutung von Erdgas für die Unternehmensstrategie unterstrichen. Er drängte Dänemark zu einer raschen Erteilung der noch ausstehenden Baugenehmigung für die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2. Die OMV ist an der Finanzierung der Gasleitung beteiligt. 
 

Oberösterreichische Nachrichten
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Im Land der Ladeangst

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14. May. 2019

Norwegen führt. Nirgends sonst wird der Umstieg auf Elektroautos entschlossener vorangetrieben.

Davon wollen nun auch deutsche Autohersteller profitieren - und begeben sich auf ein ganz neues Terrain. 

Es ist eisig an diesem Vormittag. Und damit es auf dem Rastplatz im Südosten Norwegens, an der Autobahn zwischen Oslo und Kristiansand, neben Fast-Food-Restaurant und Tankstelle, weniger trostlos wirkt, dröhnen fröhliche Popsongs aus einem Partyzelt. Bunte Luftballons flattern im Wind. 
Der Gast aus Deutschland ist nicht nur in geschäftlicher Mission gekommen. "Im Sommer will ich mit meiner Familie Urlaub in Norwegen machen", erzählt Marcus Groll. Dann wolle er von München bis Trondheim fahren und sein Elektroauto ausschließlich an Schnellladesäulen des deutschen Betreibers Ionity aufladen. Groll führt die Geschäfte beim Joint Venture von BMW, Daimler, Ford und dem Volkswagen-Konzern. Das Unternehmen will Elektromobilität auf langen Strecken attraktiv machen. Und so eröffnet Groll jetzt hier acht Schnellladesäulen, wo sich die Batterien von E-Autos in weniger als einer halben Stunde laden lassen. 

Die Automobilhersteller haben Ionity 2017 gegründet und wollen bis 2020 insgesamt 400 Ladeparks in Europa aufgebaut haben. 88 sind schon in Betrieb, darunter in Frankreich, Deutschland und Dänemark. In Norwegen betreibt Ionity bereits acht Anlagen, drei weitere befinden sich im Aufbau. 
In Deutschland sind die Ladesäulen, die Ionity, aber auch andere Unternehmen, Stadtwerke, Stromversorger wie EnBW oder EWE und Handelsketten wie Aldi, Lidl oder Ikea aufbauen, so etwas wie Symbole einer waghalsigen Wette: In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres verfügten gerade einmal 1,9 Prozent der in Deutschland neu zugelassenen Autos über einen Elektroantrieb. In Norwegen waren es im gleichen Zeitraum rund 48 Prozent, im März 2019 sogar knapp 60 Prozent. Die Schnellladesäulen an den Autobahnen werden dort tatsächlich schon genutzt. "Norwegen zeigt, wie eine gezielte Förderung den Absatz von E-Autos massiv steigern kann", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. 

WENIGER FÜR DEN PARKPLATZ ZAHLEN 
Bereits wenige Minuten nachdem Groll und einige Ehrengäste auf der Autobahnraststätte das weiße Band mit dem pink-blauen Ionity-Schriftzug durchgeschnitten haben, fährt der erste BMW-Fahrer mit einem i3 vor, zügig folgt ein Mann im E-Jaguar. "Hier in Norwegen ist Veränderung keine Sache der Zukunft mehr", sagt Groll. 

Wer in dem nordeuropäischen Land ein E-Auto kauft, zahlt anders als der Käufer eines konventionellen Autos keine Mehrwertsteuer - und muss damit 25 Prozent weniger hinlegen als alle, die sich für einen Verbrenner entscheiden. Auch die Zulassungssteuer, deren Höhe vom Gewicht und Schadstoffausstoß der Fahrzeuge abhängt und einen fünfstelligen Euro-Betrag ausmachen kann, erlässt Norwegen den Besitzern von Elektroautos. So kommt es, dass ein E-Golf, BMW i3 oder Tesla nicht teurer ist als ein vergleichbares Auto mit Verbrennungsmotor. 

Und man kommt damit auch besser durch den Alltag: Strombetriebene Autos dürfen in dem skandinavischen Staat die Busspuren nutzen. Auf Parkplätzen, Fähren sowie Mautstraßen zahlen ihre Fahrer maximal die Hälfte von dem, was die Besitzer von Verbrennern zahlen müssen. Norwegen wollte mit diesen Anreizen schon vor knapp zwei Jahrzehnten den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid verringern, aber auch den damals noch existierenden einheimischen E-Autohersteller Th!nk fördern. Das Unternehmen gibt es nicht mehr. Aber die Privilegierung besteht bis heute. 

In den vergangenen drei Jahren hat sich die Zahl der zugelassenen Elektro- und Hybridfahrzeuge in Norwegen mehr als verdoppelt. Beliebt ist Tesla. Auf reinen E-Auto-Parkplätzen, wovon es in der Hauptstadt Oslo mehrere gibt, liegt die Tesla-Quote oft bei einem knappen Drittel. Norwegen gehört zu den Ländern mit der größten Kaufkraft weltweit. Es gibt hier verhältnismäßig mehr Menschen als anderswo, die sich ein 90 000-Euro-Auto leisten können. Tesla-Gründer Elon Musk versendet via Twitter gern Herzchen-Emojis, wenn Norwegen mal wieder neue E-Auto-Rekorde vermeldet. 

So mancher vergleicht die Bedeutung von Tesla für die Elektromobilität in Norwegen mit dem, was Apple mit dem iPhone für das Smartphone bewirkte: Tesla war nicht der erste Anbieter eines E-Autos, aber das erste Unternehmen, dessen Produkt als so praktisch und cool wahrgenommen wurde, dass es die Tür zum Massenmarkt öffnete. Das mit Abstand meistverkaufte Elektroauto in Norwegen war im vergangenen Jahr der Nissan Leaf. Dahinter folgen zwei Modelle deutscher Hersteller: der E-Golf und der BMW i3, auf Rang zehn landete der Opel Ampera-E. Über das Stadium, dass E-Autos vor allem ein lässiger Lifestyle sind, ist Norwegen längst hinaus. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Nissan mit dem Leaf mehr als doppelt so viele Autos verkauft hat wie BMW mit dem i3. Und dass zu Beginn des Jahres das neue Model 3 von Tesla allen die Show stahl. "Tesla oder Nissan haben einfach mehr Erfahrung mit E-Mobilität als deutsche Hersteller", sagt Automobilexperte Bratzel. "In der ersten Hälfte der 2020er-Jahre wird sich zeigen, ob die deutschen Hersteller mithalten können." 

WARTESCHLANGE AN DER LADESÄULE 
Auch deshalb ist Marcus Groll an diesem kühlen Frühlingstag nach Norwegen gekommen: Die deutschen Autobauer sorgen über ihr Joint Venture Ionity inzwischen selbst dafür, dass es genügend Ladestationen gibt. Ohne diese Säulen würden sich weniger Menschen mit Elektroautos auf Reisen begeben, sich vielleicht nicht einmal eines anschaffen. Für die Autokonzerne ist das eine kostspielige Angelegenheit: Bis zu 100 000 Euro kostet eine einzige Ladesäule, allein in der norwegischen Provinz eröffnen an diesem Tag acht Säulen. Trotzdem: "Die Hersteller haben verstanden, dass sie Infrastruktur schaffen müssen, um ihre Autos zu verkaufen", sagt Bratzel. 

Viele Norweger besitzen ein Haus in den Bergen, in das sie fast jedes Wochenende fahren. Seit E-Autos immer populärer wurden, treibt die Norweger die Sorge um, ob der Akku durchhält, bis sie am Ziel sind. Vor einigen Jahren brachten sie deshalb "Reichweitenangst" in die Vorauswahl zum Wort des Jahres. Inzwischen sprechen viele eher von der "Ladeangst" - von der Angst, nicht schnell genug bedient zu werden. 86 Prozent der Nutzer von Schnellladestationen stehen regelmäßig Schlange, so eine Umfrage des Verbands der E-Auto-Besitzer. 

Norwegen gehört zwar zu den europäischen Ländern, in denen es, gemessen an der Bevölkerungszahl, vergleichsweise viele Ladesäulen gibt: 100 000 Norweger müssen sich 215 Stationen teilen. Die Deutschen müssen sich mit 31 begnügen. Dennoch: Das Laden auf längeren Strecken sei das größte Ärgernis, umschreibt dies Ionity-Chef Groll. "Deshalb konzentrieren wir uns bislang auf Säulen an viel befahrenen Strecken und dort, wo viele Touristen vorbeikommen." 

Es ist im Interesse der Autokonzerne, dass es Ionity den Autofahrern möglichst einfach macht, ihren Wagen aufzuladen. Groll holt sein Smartphone aus der Tasche, öffnet eine App und scannt den QR-Code an einer der Ladesäulen. "Jetzt muss ich nur noch mit meiner hinterlegten Kreditkarte bezahlen, dann kann ich den Stecker aus der Säule ziehen und laden", sagt er. Umgerechnet acht Euro kostet es, die Batterie aufzuladen. Moderne E-Autos kommen damit mehrere Hundert Kilometer weit. So will Groll den Norwegern die Ladeangst austreiben. 

Sie ist der einzig erkennbare Einwand, den die Norweger der Elektromobilität entgegenbringen. Ansonsten ist man sich im hohen Norden erstaunlich einig: Neben Umweltschützern treibt auch die derzeit regierende Mitte-rechts-Koalition die Mobilitätswende voran. In Deutschland will die AfD den Diesel "retten", in Norwegen lobt Tommy Skjervold, Verkehrsstaatssekretär der rechten Fortschrittspartei, die "ehrgeizigen Ziele", die sich seine Regierung beim Klimaschutz gesetzt habe. 

KLIMASCHUTZ AM AUSPUFF 
Anders als in Deutschland lässt sich der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids in Norwegen nicht verringern, indem Kohlekraftwerke geschlossen werden: Denn dank der Wasserkraft bezieht Norwegen seinen Strom schon heute fast ausschließlich aus erneuerbaren Energien. "Um unsere Treibhausgasemissionen zu reduzieren, müssen wir uns anders fortbewegen", sagt Skjervold. Bis 2030 möchte die Regierung die Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. In Deutschland beträgt der Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor erst knapp 37,8 Prozent. Wenn ein E-Auto durch Oslo oder Bergen fährt, hat es also eine bessere CO 2 - Bilanz als in Berlin oder Köln. 

Eine Politik, die Verbrennungsmotoren, die viel verbrauchen, hoch besteuert und E-Autos von Abgaben befreit, könnte man prinzipiell auf Deutschland übertragen, sagt der Nürnberger Wirtschaftswissenschaftler Markus Beckmann. "Die Akzeptanz für Elektromobilität in der Bevölkerung könnte man auf diese Weise wahrscheinlich steigern." Doch solch eine Politik hat eine Kehrseite: Wenn der Staat Steuern senkt, dann entgehen ihm auch spürbar Einnahmen. "Norwegen als eines der wohlhabendsten Länder der Welt schmerzt das weniger", sagt Beckmann. 

Deutschland steckt zudem mit seiner Automobilindustrie in einem Dilemma, das Norwegen nicht kennt: Hunderttausende Arbeitsplätze hängen hierzulande am Verbrenner. So kommt es, dass weder Industrie noch Politik wirklich entschlossen wirken, Anreize für den Kauf von E-Autos zu setzen. Abzuwarten bringe aber auch nichts, sagt Stefan Bratzel. "Eine Exportindustrie muss auch auf die globale Nachfrage schauen." 
Während in Deutschland nicht mit Schlangen an Schnellladestationen zu rechnen ist, wird Marcus Groll in seinem Urlaub in Norwegen längere Pausen einplanen müssen. Zumindest am Freitagnachmittag. 

Wirtschaftswoche
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470.000 neue Zähler für Salzburg

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14. May. 2019

Die Salzburg AG habe für den geplanten Austausch von Stromzählern bereits ein kundenorientiertes Informations- und Serviceprogramm ausgearbeitet, so Sprecherin Jasmine Rieder auf Anfrage der SN. Basierend auf der EU-Verordnung sehe der nationale Gesetzgeber den Rollout (Markteinführung) bis 2022 landesweit vor. Bis dahin sollen 470.000 Zähler im Bundesland umgestellt werden. Die Opt-out-Quote liege bei 0,5 Prozent. 
Der Techniker Fritz Loindl erklärte: „Smart Meter der Netz OÖ verwenden auch die PLC-Übertragung (Powerline Communications, Anm.) über das Stromnetz. Egal ob normal oder mit Opt-out, hier werden mehrere Datenpakete pro Sekunde gesendet bzw. verstärkt und weitergeleitet – rund um die Uhr.“

Salzburger Nachrichten
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Das Kraftwerk der Zukunft ist digital

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14. May. 2019

Pilotprojekt. Das steirische Wasserkraftwerk Rabenstein soll zum ersten vollständig digitalisierten Kraftwerk Europas werden. Zukunftsträchtige Technologien werden derzeit dort getestet. 

Was der Stromkunde bereits seit geraumer Zeit vor allem mit kundenfreundlichen Dienstleistungen in Zusammenhang bringt, hält zunehmend auch in der als traditionell geltenden Branche der Wasserkrafterzeugung Einzug - die Digitalisierung. Wie die Zukunft dieser Art der Energiegewinnung aussehen könnte, erprobt man derzeit im Mur-Kraftwerk Rabenstein in der Steiermark. 

Der Verbund, der als einer der größten Wasserkraft-Stromerzeuger Europas 130 Kraftwerke betreibt, hat dort einen europaweit einzigartigen Versuch gestartet, der von Experten aus aller Welt gespannt verfolgt wird. "Wir haben begonnen, alle für die Wasserkraft denkbaren Möglichkeiten digitaler Anwendungen an diesem Standort zu implementieren und die Erfolg versprechendsten Technologien auf den Prüfstand zu stellen", erklärt Karl Heinz Gruber, Geschäftsführer der Verbund Hydro Power GmbH. Dass der laufende Kraftwerksbetrieb vollautomatisch und ferngesteuert abläuft, sei vor wenigen Jahrzehnten noch bahnbrechend gewesen, mittlerweile aber bereits technisch bewährter Standard. Darauf aufbauend, sei man nun Vorreiter für eine Branche, die sich den Herausforderungen von Industrie 4.0 stellen und sich den technologischen Fortschritt zunutze machen wolle. 

Digitaler Zwilling läuft mit 
Im Fokus stehen insbesondere die frühzeitige Erkennung und effiziente Behebung von Schäden an der Kraftwerksanlage sowie die Erhöhung der Sicherheit der Mitarbeiter. Wie die einzelnen digitalen Möglichkeiten miteinander vernetzt werden und ineinandergreifen können, lässt sich anhand eines angenommenen Materialschadens an den Herzstücken des Kraftwerks, der hundert Tonnen schweren Turbine oder dem Generator, illustrieren. Hat sich dort beispielsweise eine Schraube gelockert, kann das im schlimmsten Fall einen Kurzschluss-Brand und einen wochenlangen Stillstand des Kraftwerks zur Folge haben. Üblicherweise erkennt man den Fehler erst, wenn es bereits zu spät ist. 

Im digitalen Kraftwerk hingegen werden die wichtigsten Maschinenteile rund um die Uhr mit Sensoren überwacht. Deren Daten werden ausgewertet, Videoaufnahmen mithilfe intelligenter Software analysiert, der Anomaliedetektor schlägt Alarm. So weiß man früh, wo sich ein Schaden abzeichnet. Der "digitale Zwilling", ein virtueller Simulator der wichtigsten Kraftwerkskomponenten, läuft ständig in Echtzeit mit. Erhält er die Daten des beschädigten Teils, errechnet er dessen Restlebensdauer. Damit wissen die Mitarbeiter, die alle Informationen auf Tablets, Smartphones oder auch Virtual-Reality-Brillen abrufen können, ob das Kraftwerk noch weiterlaufen kann, bis die Ersatzteile geliefert sind. Bei einem Fehler an der Turbine wird ein Tauchroboter millimetergenau an das Laufrad gesteuert und liefert von dort Daten. Er ist mit Kamera, Echoskop und Greifarm ausgestattet. "Normalerweise kann die Turbine nur nach einer Trockenlegung von Spezialisten inspiziert werden", erklärt Bernd Hollauf, als Projektmanager verantwortlich für die Digitalisierung in Rabenstein. Eine Trockenlegung wird allerdings nur im äußersten Notfall durchgeführt. Denn: "Danach dauert es bis zu einer Woche, ehe die Turbine wieder in Betrieb gehen kann." In dieser Zeit wird natürlich kein Strom erzeugt. 

Schallortung von Schäden 
Auch ein Sonargerät kommt zum Einsatz: Es erzeugt ein 3-D-Modell aller unter der Wasseroberfläche befindlichen Kraftwerksteile und funktioniert, da es mit Schallortung arbeitet, auch bei trübem Wasser, wenn eine Inspektion durch Taucher ebenso wie bei extrem hohem Pegelstand zu gefährlich ist. "Das Gerät erkennt auch Ablagerungen, die sich im Einlaufbereich an der Gewässersohle gebildet haben und entfernt werden müssen, damit das Kraftwerk nicht an Leistung verliert", erläutert Hollauf. Im Fall eines Turbinenschadens ist die Vermessung des Unterwasserbereichs wichtig, um die Trockenlegung vorzubereiten. 

Diese und weitere digitale Systeme werden im Rahmen des Pilotprojekts, das bis Ende 2022 läuft, ständig evaluiert, die einzelnen digitalen Komponenten für den Einsatz in Wasserkraftwerken weiter optimiert. Dabei sind auch wissenschaftliche Einrichtungen wie die Technische Universität Graz mit an Bord. Hydro-Power-Geschäftsführer Gruber: "Unsere Vision ist, alle Verbund-Kraftwerke digital aufzurüsten." In weiterer Folge sollen auch kleinere Kraftwerksbetreiber von diesem Know-how profitieren. 
Die rund 5000 österreichischen Wasserkraftwerke liefern laut Statistik Austria etwa 56 Prozent des hierzulande erzeugten Stroms. Mehr als zwei Drittel davon produzieren die Kraftwerke des Marktführers Verbund. Die Wasserkraft ist damit die wichtigste erneuerbare Energiequelle Österreichs, rund 70 Prozent des Potenzials an Fließgewässern wird laut Umweltdachverband bereits genutzt. Um die Ziele der Klima- und Energiestrategie zu erreichen ist ein weiterer Ausbau der Energiegewinnung aus Wasserkraft von 42 auf knapp 50 Terawattstunden bis zum Jahr 2030 nötig. 

Veranstaltung: Am 14. und 15. Juni laden 45 österreichische Kleinwasserkraftwerke zum Tag der offenen Tür. Mehr Infos dazu auf: 
www.kleinwasserkraft.at/tag-der-kleinwasserkraft-2019

Die Presse, von Michael Loibner
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Blackout: Wenn nichts mehr geht

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14. May. 2019

Drei Tage lang wird mit der Operation "Helios" ein Ausfall von Strom und Infrastruktur simuliert - wie der Ernstfall das ganze Land betreffen würde

Finster, finster, gar nichts kann man sehen. Finster, finster, oh wie war das schön," singen Paul Hörbiger und Maria Andergast im Franz Antel-Film "Hallo Dienstmann" anno 1952. 
2019 ist so ein Szenario für Bundesheer, Innenministerium, Zivilschutzverbände und Rettungsorganisationen alles andere als schön. Es ist ein Grund, Katastrophenalarm auszulösen. 
Bei einem Blackout geht es nicht nur um das Ausbleiben der Stromversorgung, sondern um einen plötzlichen, überregionalen und länger andauernden Totalausfall der Infrastruktur. Der weitreichende Konsequenzen nach sich zieht. 

Kein Licht, keine Lüftung, keine Heizung, kein Lift. Straßen- und U-Bahnen stehen still, Ampelanlagen fallen aus. Internet, Telekommunikation und alle elektronischen Bezahlsysteme funktionierten nicht. Tankstellen können kein Benzin pumpen. In Mastställen fällt die Belüftung aus. Eine halbe Millionen Kühe kann nicht mehr gemolken werden, Tiere drohen zu verenden. 
Es kann nach einem solchen Szenario stunden-, tage- oder wochenlang dauern, bis der Strom wieder fließt. Und Monate, bis sich die Versorgungslage normalisiert hat. 

Der heutige Blackout-Schwerpunkt im KURIER will aufklären, was passiert, wenn es passiert. Der Anlass ist kein theoretischer, sondern eine praktische Übung: Morgen, Montag, beginnt unter Federführung des Energieministeriums von Elisabeth Köstinger und des Innenministeriums von Herbert Kickl die dreitägige Übung "Helios", in der ein solcher "Blackout" simuliert wird. Die Regierung wird am Mittwoch sogar die "Einsatzzentrale" im Innenministerium besuchen. 

Wir versuchen diesen Ernstfall ganz sachlich auf die Bevölkerung umzulegen, ohne Alarmismus betreiben zu wollen: Wie wären die Menschen in Österreich dafür gerüstet bzw. betroffen. 
"Unser Staat, die Bundesländer, Bezirke und Gemeinden werden einen Blackout nur dann meistern, wenn jetzt für einen effektiven Katastrophenschutz gesorgt wird", erklärt Oberst Gottfried Pausch im KURIER-Gespräch. "Die Bevölkerung muss mental und organisatorisch darauf vorbereitet sein, mehrere Tage bis Wochen ohne elektrische Energie zu überstehen." Es geht darum zu verstehen, was im Ernstfall geschieht und wie man sich vorbereiten kann. Ziel ist es, die "Resilienz" zu erhöhen, also die Fähigkeit, solche Krisen zu bewältigen. 

Schweden versuchte 2018 selbiges mittels Postwurf. Die 20 Seiten starke Broschüre "Falls Krisen oder Krieg kommen" wurde im Mai 2018 an 4,8 Millionen Haushalte verschickt. 
Bei uns gab es den letzten großen "Blackout" am 19. April 1976, einem Ostermontag. Ein Waldbrand löste einen Dominoeffekt aus, Teile der Schweiz, Österreichs und Deutschlands waren stundenlang ohne Strom. Das aber zu einer Zeit, wo noch nicht alles vom Strom abhing. 

Ist ein Blackout also rein statistisch gesehen unwahrscheinlich? Sicherheitsexperten sind sich einig: Der Blick zurück vermittelt eine trügerische Sicherheit. Die Frage sei nicht, ob es einen Blackout geben wird, sondern wann. Hackerangriffe werden inzwischen am häufigsten als mögliche Ursache genannt. Im Dezember 2015 ging in der Ukraine genau deshalb flächendeckend das Licht aus. Andere mögliche Auslöser: Stromnetzüberlastungen durch technische und menschliche Fehler, Erdbeben, Atomunfälle, Wetterextreme, sogar Sonnenstürme (magnetische Stürme) aus dem Weltall. 

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Ein Herz für Schweizer Pumpspeicher

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Berlin , 14. May. 2019

Die deutsche FDP setzt sich für einen raschen Abschluss des Stromabkommens zwischen der EU und der Schweiz ein 

Letzten Dezember hat sich die Bundestagsabgeordnete Sandra Weeser ein Pumpspeicherkraftwerk in der Schweiz angesehen. Sie sitzt seit 2017 für die FDP im deutschen Parlament, wo sie Obfrau ihrer Fraktion im Wirtschaftsausschuss ist. Weshalb es denn so ruhig sei, habe sie von den Kraftwerksangestellten wissen wollen. Die Kapazitäten seien nicht ausgelastet, antworteten diese. Da ging ihr ein Licht auf: Deutschland produziert immer mehr Strom aus Wind und Sonne – und die Schweiz hat Speicherkapazitäten, die nicht ausgelastet sind. Deshalb hat sie jetzt mit ihrer Fraktion einen Antrag an die deutsche Regierung formuliert. Darin wird Berlin aufgefordert, sich in Brüssel für den raschen Abschluss des auf Eis liegenden Stromabkommens mit der Schweiz starkzumachen. 

Das Stromabkommen ist seit Jahren blockiert, weil Brüssel darauf beharrt, dass die Schweiz zunächst den Rahmenvertrag mit der EU unterschreibt. Diese Bedingung hält Weeser für falsch. Die Nachteile des fehlenden Abkommens sind gravierend. Die Schweiz kann damit nicht voll am Strombinnenmarkt mitmachen. So ist das Land vom Market-Coupling ausgeschlossen, bei dem Strom und Leitungskapazitäten als Bündel gehandelt werden. Auch zum Handel unter dem Tag hat sie keinen Zugang. Dabei sind heute Pumpspeicherkraftwerke derart flexibel, dass sie innert weniger Minuten den Schalter von der Stromproduktion zum Hinaufpumpen von Wasser umlegen können. 

Weeser plädiert im Gespräch für einen pragmatischen Ansatz. Die Schweiz sei im Herzen der EU, 41 Leitungen führten in die Nachbarländer, und 30 Prozent der Stromflüsse in Zentralwesteuropa gingen durch das Land. Da müsse man als EU eigentlich sagen: Lasst den Schweizern ihre Unabhängigkeit und bindet sie in den europäischen Binnenmarkt für Elektrizität ein. 

Der Antrag der FDP Stand am Donnerstag auf der Tagesordnung des Bundestags, dann geht er an den Wirtschaftsausschuss zurück und wird in einigen Wochen dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt. Die Schweiz sollte sich indes keine falschen Illusionen machen: Die FDP ist in der Opposition, und ihr Antrag wird von der grossen Koalition nicht unterstützt werden. Trotzdem sieht Weeser etwas Bewegung in die Diskussion kommen. 

Dies hat damit zu tun, dass in Deutschland immer mehr Strom aus schwankenden erneuerbaren Quellen stammt. 2018 betrug deren Anteil an der Produktion schon 35 Prozent. Das grundlegende Problem der Energiewende sind fehlende Speichermöglichkeiten. In gewissen Stunden ist der Börsenpreis für Strom sogar negativ, die Abnehmer erhalten also noch Geld. Die FDP fordert deshalb eine Integration des europäischen Strommarktes, so dass man die topografischen Eigenheiten der verschiedenen Länder optimal nutzen kann. Wenn die Europäische Union sich durch ihr «zickiges Verhalten» gegenüber der Schweiz dem verschliesse, erweise sie sich einen Bärendienst, resümiert die Abgeordnete. 
 

Neue Zürcher Zeitung, Christoph Eisenring
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Energie Burgenland: Wärme aus Windstrom

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Neusiedl/See, 14. May. 2019

Wachsende Gemeinde kann künftig umweltfreundlicher mit Wärme versorgt werden

"power2heat" heißt die neue Anlage der Energie Burgenland, am Freitag wurde mit einem Spatenstich der Startschuss für den Bau gegeben. Ziel ist die effiziente Kombination der Energieträger Strom und Wärme. 
Bisher wurde Strom von den Windenergieanlagen der Region über mehrere Umspannwerke abtransportiert und die Wärme vom Biomasse-Heizwerk über das Fernwärmenetz an die Haushalte geliefert. Im Zuge des Projekts "power2heat" wird eine Direktleitung zwischen dem Umspannwerk und dem Heizwerk gebaut, mit der der Windstrom zu den Wärmepumpen transportiert werden kann. Um eine durchgehende Stromversorgung der Wärmepumpen sicherzustellen, wird die Anlage zusätzlich über einen stationären Batteriespeicher verfügen. 

Wind statt Gas "Mit dem Bau der "power2heat"-Anlage werden die beiden Energieträger durch eine Wärmepumpe intelligent gekoppelt und ermöglichen so den Ersatz von Gas- und Biomasse durch den Einsatz von Windenergie", erklärt Vorstandsvorsitzender Michael Gerbavsits. Für diese Innovation heimste der burgenländische Energieversorger bereits mehrere Preise ein. 

Der innovative Ansatz der "power2heat"-Anlage zeigt sich anhand der unterschiedlichen Betriebsarten. Wenn gerade Flaute herrscht und die Windräder keinen Strom erzeugen, kann das ohne Probleme durch den stationären Batteriespeicher ausgeglichen werden. Außerdem wird im Heizwerk ein zusätzlicher Pufferspeicher errichtet, womit dann insgesamt 300 Kubikmeter Volumen zur Verfügung stehen. "So kann Neusiedl am See im Sommer noch für rund zehn Stunden mit Fernwärme versorgt werden", sagt Vorstandsdirektor Alois Ecker. Eine Maßnahme, die für das wachsende Neusiedl von großer Bedeutung ist, und mit ein Grund, warum gerade diese Region mit Biomasse-Heizwerk, Fernwärmenetz und Windrädern optimale Voraussetzungen für die Kombination der Sektoren Strom und Wärme bietet. 

Lob gab es beim Spatenstich von Landesrätin Astrid Eisenkopf (SPÖ) , die das Projekt als "weiteren Schritt zur Erreichung der Klimaziele" bezeichnet. Ans Projekt docken zwei weitere Projekte an, die unter der Dachmarke "Green Energy Lab", Österreichs Innovationslabor für eine nachhaltige Energiezukunft, laufen und die "power2heat"-Anlage optimal unterstützen. M. Pekovics 

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Bosch verspricht, 2020 klimaneutral zu sein – zum Teil mit Anlagen für erneuerbaren Strom

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Berlin , 14. May. 2019

Durch den Kauf von Ökostrom-Zertifikaten und Aufforstungen will Bosch seinen CO2-Fussabdruck auf null senken 

Der Industriekonzern Bosch mit seinen weltweit 410 000 Mitarbeitern ist einer der grössten Zulieferer der Automobilindustrie. Führend ist er in der Dieseltechnik und davon überzeugt, dass dieser Antrieb auch 2030 noch eine wichtige Rolle spielen wird. Es sorgte deshalb am Donnerstag für einigen Wirbel, als der Firmenchef Volkmar Denner ankündigte, Bosch werde als erster grosser Konzern schon im kommenden Jahr «CO2-neutral» sein. Die 400 Fabriken weltweit sollten demnach keinen CO2-Fussabdruck mehr hinterlassen, versprach Denner an der Bilanzpressekonferenz in Stuttgart. Das tönt wie ein modernes Märchen – und zumindest kurzfristig ist es auch etwas dick aufgetragen. Bosch räumt ein, dass es als grosses Industrieunternehmen natürlich weiterhin Treibhausgase ausstossen werde. Im Vordergrund steht deshalb zunächst die «Neutralisierung». 

Damit man auf dem Papier die Klimaneutralität 2020 hinbekommt, muss man kurzfristig Zertifikate für Ökostrom von bestehenden Windkraft- und Solaranlagen kaufen. Damit ist für das Klima zwar noch nichts gewonnen, weil der Strommix kurzfristig fix ist. Experten von Bosch weisen jedoch im Gespräch darauf hin, dass sich der Preis für Grünstrom-Zertifikate in den letzten Jahren bereits verachtfacht habe. Diese geben dem Käufer die Garantie, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Der Kauf solcher Zertifikate führe dazu, dass Ökostrom-Anlagen besser rentierten, und löse zusätzliche Investitionen aus. Dies helfe dann auch dem Klima. Der zweite kurzfristige Hebel sind Kompensationsprojekte. So können etwa in Giessereien von Bosch die Treibhausgase nicht einfach vermieden werden. Also investiert man in Projekte wie Waldaufforstung oder Brunnenbau, beispielsweise in Afrika oder Südamerika, um die Emissionen hier wiederum einzusparen. 

Bosch weiss um die Defizite der kurzfristigen Strategie und will deshalb die Kompensationsmassnahmen bis 2030 zurückfahren. Zum einen baut das Unternehmen mehr eigene Anlagen für regenerativen Strom; der so produzierte Strom soll sich gegenüber heute verzehnfachen. Zum anderen wird Bosch exklusive Verträge mit Produzenten von Ökostrom aus neuen Anlagen abschliessen. Genannt wird ein grosser Windpark in Mexiko, der dank dem Vertrag mit Bosch realisiert werden kann und von der Menge her 80% des Stromverbrauchs der dortigen Bosch-Standorte abdeckt. 

Bosch bleibt natürlich ans allgemeine Stromnetz angeschlossen, ist man doch auf eine stabile Energieversorgung angewiesen, wozu auch fossile oder nukleare Ressourcen zählen. Die gekaufte Menge an Ökostrom entspricht somit nur in der Menge über eine gewisse Zeit, nicht aber zu jedem Zeitpunkt dem eingesetzten Strom. Der Kauf von Ökostrom-Zertifikaten, die Kompensationsmassnahmen und die Versorgung mit erneuerbaren Energien kosten bis 2030 rund 1 Mrd. €. Dazu kommt ein Programm für eine höhere Energieeffizienz, das Einsparungen von einem Fünftel bringen soll. Für solche Massnahmen wird bis 2030 eine weitere Milliarde fällig. Allerdings sollen sich die Einsparungen gerade etwa auf diesen Betrag belaufen. 

Im europäischen Emissionshandel kostet ein Zertifikat, das zum Ausstoss einer Tonne CO2 berechtigt, derzeit gut 25 €. Bosch hat weltweit im vergangenen Jahr rund 3,3 Mio. Tonnen CO2 emittiert. Könnte man diese Menge nicht am EU-Markt kaufen und anschliessend stilllegen? Dies würde gut 80 Mio. € kosten. Die Bosch-Leute argumentieren, die beiden Dinge hätten nichts miteinander zu tun. Ohnehin seien nur 4 der 400 Produktionsstandorte in den europäischen Emissionshandel eingebunden. 

Bosch wolle seinen CO2-Abdruck zum Verschwinden bringen. Die geförderten Projekte trügen zu einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort bei. Beim Emissionshandel der EU dagegen gehe es nicht um Klimaneutralität, sondern es werde eine Obergrenze für den Ausstoss definiert, der über die Zeit abnehme. Dem mag man entgegnen, dass der Preis im Emissionshandel durchaus anzeigt, wie viel es kostet, im Industrie- und Stromsektor eine Tonne CO2 zu vermeiden. Kauft man Zertifikate und benutzt sie nicht, erzielt man einen Klimaeffekt. Für das Klima ist es unerheblich, ob man Treibhausgase über den Emissionshandel verringert oder über Kompensationsprojekte. 
 

Neue Zürcher Zeitung, Christoph Eisenring