
Die Weltwirtschaft muss sich nach einer Öffnung der für Öl- und Gastransporte wichtigen Straße von Hormuz aus Sicht des deutschen Chemiemanagers Rainer Seele noch längere Zeit auf Einschränkungen einstellen. „Die Erholung der Lieferketten kommt nicht über Nacht, sondern wird Monate dauern“, sagte der ehemalige OMV-Chef dem „Handelsblatt“.
Die USA und der Iran verhandeln derzeit über eine Freigabe der Straße von Hormuz, über die vor dem Krieg rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssigerdgaslieferungen liefen. Weil die Meerenge weitgehend blockiert ist, sind die Preise hoch. Das wirkt sich auf Verbraucher, Industrie und Unternehmen in aller Welt aus.
„Der Nachholbedarf ist riesig“
Nach einer Öffnung dieses wichtigen Seewegs vor der Küste des Iran werden Öltanker nach Seeles Angaben einige Zeit brauchen, bis der Rohstoff in Asien ankomme. „Es werden zunächst auch die strategischen Reserven in vielen Ländern wieder aufgefüllt. Der Nachholbedarf ist riesig“, sagte Seele, der als Top-Manager beim OMV-Großaktionär ADNOC, dem staatlichen Ölkonzern der Vereinigten Arabischen Emirate, arbeitet und zuvor mehrere Jahre Vorstandschef der OMV war.
Die Verfügbarkeit von Rohstoffen werde bis weit ins Jahresende hinein angespannt bleiben, sagte er. Das werde sich auf die Chemie in Asien auswirken. Die Energiekosten werden nach Einschätzung von Seele dagegen schnell sinken. „Ein Großteil dessen, was wir heute sehen, ist eine Risikoprämie, und diese wird sich schnell auflösen, sobald eine Lösung in Sicht ist.“ Der Rohölpreis werde wieder auf das Vorkriegsniveau von rund 80 Dollar (69 Euro) pro Barrel (je 159 Liter) zurückkehren. Derzeit bewegt sich der Preis für ein Fass der Sorte Brent rund um 100 Dollar.
„Keine Nachfrage, die auf Wachstumserwartungen fußt“
Er mache sich aber um andere Effekte viel größere Sorgen, sagte Seele, der das globale Chemiegeschäft bei der ADNOC-Investmentgesellschaft XRG führt und Aufsichtsratschef der deutschen Covestro AG ist. Die Frage sei, ob es nach einem Hochfahren der Anlagen auch genügend Nachfrage gebe. „Die Weltwirtschaft hat schon im Jänner und Februar keine Anzeichen von Besserung gezeigt. Ab März hat es dann Hamsterkäufe bei Vorprodukten wie Chemikalien gegeben, weil Kunden produktionsfähig bleiben wollten. Das ist keine Nachfrage, die auf Wachstumserwartungen fußt.“
Die verarbeitende Industrie sei jetzt mit hohen Einkaufspreisen konfrontiert, sagte er. „Sie wird versuchen, diese weiterzugeben, und das wird über die Inflation beim Verbraucher ankommen. Ich fürchte, dass das Vertrauen der Kunden und Konsumenten durch die Folgen des Golfkonflikts noch brüchiger wird.“ Von den Lieferkettenproblemen profitiere Europa nur kurzfristig.
Mit „Chemie von der Stange“ werde Europa keinen Erfolg haben
„Europa profitiert sicher gerade von den Problemen der Asiaten. Aber das ist nur eine Verschnaufpause. Spätestens nächstes Jahr geht der Stress auf dem Chemiemarkt wieder los, wenn China wieder große Mengen zu Billigpreisen auf den Weltmarkt bringt“, sagte Seele voraus. Langfristig sieht er die Zukunft der europäischen Chemie in Innovation, Spezialisierung und globaler Wettbewerbsfähigkeit – nicht in der Basischemie.
„Bei der Basischemie sehe ich schwarz. Da investiert niemand in Europa, dazu ist der Kostennachteil viel zu hoch“, sagte Seele. Diese Produktionen werden aus seiner Sicht verlagert und dort erweitert, wo es Rohstoffe gebe und Energie billig sei. Europa könne nicht mit „Chemie von der Stange“ erfolgreich sein. „Gerade Deutschland hat zwar kaum Rohstoffe, aber jede Menge Innovationskraft. Darauf müssen wir setzen.“
APA/dpa-AFX



