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Wifo skizziert Weg zur "Energie 2.0"

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Wien, 13.11.2017

Im Kontext zur dieser Woche endenden UN-Klimakonferenz in Bonn hat das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) die Herausforderungen an die zukünftige österreichische Klima- und Energiepolitik skizziert. "Energiepolitik ist Infrastrukturpolitik", lautete dabei das Credo des Wifo-Experten Stefan Schleicher. Denn die Emissionsproblematik könne langfristig nicht durch Erneuerbare gesteuert werden.

Letztere Aussage war Standpunkt der Wifo-Umweltökonomin Angela Köppl, den sie in einem Hintergrundgespräch in Wien erläuterte. Schon 2015 sind die Treibhausgas-Emissionen Österreichs im Vergleich zum Jahr davor um 3,2 Prozent gestiegen, 2016 wird dies erneut der Fall sein, und der Trend wird sich voraussichtlich auch 2017 fortsetzen. Gleichzeitig stieg der Energieverbrauch, wobei hier der Anteil der Erneuerbaren ebenfalls leicht stieg. Österreich werde daher, geht der Trend weiter, unter anderem die 2020-Klimaziele verfehlen. Das Pariser Abkommen, das in Bonn weiterverhandelt wird, sei aber die Aufforderung einer "radikalen Neugestaltung des Energiesystems gewesen", sagte Köppl.

Österreich könnte diese Neugestaltung in Angriff nehmen, die Strategie dafür fehle aber noch, so die Umweltökonomin weiter. Die Voraussetzungen dafür seien aber gut, sagte sie mit Hinweis auf zwei international agierende oberösterreichische Player im Erneuerbaren-Sektor, dem Technologieunternehmen Fronius und dem Batterienfertiger Kreisel Electric.

Einen möglichen Weg zu "Energie 2.0" skizzierte Schleicher, der aber ein "kräftiges Reset" der bisherigen Herangehensweise erfordern würde. Der jetzige Level 1.0 stelle die Frage, woher die Energie komme und wie billig diese sei. Das führe dann etwa dazu, dass die Wiener Linien über 200 Busse statt wie bisher mit Flüssiggas wieder auf Dieselantrieb umgestellt hat. Andere Städte hätten jedoch Umstellungen auf Erneuerbare vorgenommen. Die zukünftige Frage sei aber nachdem "wofür" zu stellen, sagte Schleicher. Die "gesamte Wertschöpfungskette von der Verwendung bis zur Bereitstellung" gehöre in die politische Diskussion eingespeist.

Drei Handlungsfelder gelte es zu berücksichtigen. Zum einem brauche es einen neuen Zugang im Gebäudesektor hin zu "multifunktionalen Gebäuden", die ihre Energie aus einem räumlich kleinem Umkreis beziehen, ansonsten aber energetisch autonom funktionieren. Es brauche Elektrizität mit einem hohen lokalen Photovoltaik- oder Windanteil, im Wärmesektor eine Umstellung auf Nah- statt auf Fernwärme, beispielsweise durch Abfallwärme von Abwässern und ein lokales Gasnetz mit Biogas. Bereits funktionierende Beispiele für Letzteres fände man in der Schweiz, aber noch nicht in Österreich. Was die Mobilität betrifft, so brauche es mehr als E-Mobilität allein, es gelte auch die "Zwangsmobilität" durch fehlende Raumplanung einzuschränken. Und als dritten Bestandteil brauche es ein neues Verständnis von Netzen, etwa dass zukünftige Gasnetze nicht mehr notwendig flächendeckend sein müssen.

Der Weg zur "Energie 2.0" erfordere zu seiner Realisierung dabei keinesfalls nur öffentliche Mittel, erläuterte Umweltökonomin Köppl, sondern ebenso einen regulatorischen Rahmen um Investitionsströme umzulenken. Dass die Märkte jetzt noch nicht sensitiv genug für die neuen Herausforderungen seien, läge auch an einem Informationsproblem. Diese relevanten Infos zu verbreiten, sei Aufgabe des öffentlichen Sektors, ergänzte Schleicher. Damit derlei Forderungen auch Teil der österreichischen Regierungspolitik werden, brauche es eine Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung, schloss Wifo-Chef Christoph Badelt. "Denn eine Regierung reagiert nur darauf, wenn sie das Gefühl hat 'das ist auch populär'". Eine proaktive Energiepolitik wäre jedenfalls von der neuen Regierung erwünscht, ergänzte Köppl.

APA