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Stromnetz-Ausbau statt Änderung der Preiszonen

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Wien, 13.06.2014

Ein zügiger Ausbau der Stromnetze in Mitteleuropa wäre wirksamer zur Entschärfung der Verzerrungen am Strommarkt als eine Änderung der Preiszonen, war der Tenor einer Expertendebatte in Wien. E-Control-Vorstand Walter Boltz hofft auf einen "starken Schwung" beim Netzausbau in Europa. Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber plädierte fürs Beibehalten der gemeinsamen Preiszone mit Deutschland.

"Eigentlich brauchen wir ein paar Stromleitungen mehr, tun uns aber leider politisch schwer damit", konstatierte Boltz, der auch Vizepräsident des Regulierungsrates der EU-Energieregulierungsagentur ACER ist. Bis vor allem in Deutschland das Netz zur Bewältigung der Energiewende tauglich gemacht sei, versuche der Stromsektor die Engpassprobleme mit verschiedenen "Krücken" zu beseitigen, kritisierte er. Auch in Österreich seien die Genehmigungsverfahren hier "inadäquat", so Boltz in Richtung Salzburg-Leitung.

Auch Christoph Riechmann, Direktor von Frontier Economics Ltd. in London und Köln, plädierte für eine "Priorität" für den Netzausbau und meinte, eine allfällige Aufteilung des derzeit einheitlichen deutschen - bzw. deutsch-österreichischen - Strommarktes in mehrere Zonen könnte nur als "eine Überbrückung" gegen die Marktprobleme dienen. Wenn man schon von einer möglichen Teilung von Preisgebieten spreche, so könnten diese statt kleiner ja auch größer werden, indem etwa eine norddeutsche Zone um Belgien und die Niederlande erweitert werde und eine süddeutsche mit Österreich und Schweiz zusammengespannt werde bzw. faktisch bleibe.

"Die Physik wird sich nicht biegen lassen"

Zumindest zwischen Österreich und Deutschland sollte die einheitliche Strompreiszone erhalten bleiben, plädierte Generaldirektor Anzengruber beim "Energie-Frühstück" in der Zentrale des führenden heimischen Stromkonzerns. Eine Zerschlagung wäre schlecht, sie träfe nicht nur den Verbund, sondern auch die österreichische Realwirtschaft, etwa Industriekunden. "Fünf neue Leitungen lösen das Problem aber nicht", meinte Anzengruber, denn es sei zu befürchten, dass diese nicht rechtzeitig kommen. Es müsse wieder mehr Synchronisation zwischen Erzeugung und Verbrauch geben. Denn, so seine Conclusio: "Die Physik wird sich nicht biegen lassen."

Boltz sagte, noch bis Herbst 2015 werde der laufende Prozess zur Überprüfung laufen, den die Agentur für Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) und der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) gemeinsam gestartet haben. Erst nach einer klaren Kosten-Nutzen-Berechnung und dem Check der technischen Möglichkeiten werde man eine Antwort geben können, ob und wie man Preiszonen allenfalls ändern soll.

Das gemeinsame Preisgebiet Österreich-Deutschland werde jedenfalls "noch Jahre aufrecht" bleiben, meinte Boltz. Eine Auflösung wäre für Österreich nachteilig, derzeit profitiere unser Land durch die Zone von billigeren Großhandelspreisen, dafür gebe es aber höhere Redispatch- und Netzkosten.

Würde Österreich von der deutschen Preiszone "abgesprengt", so hätte dies laut Riechmann eine Reihe negativer Folgen. Eher negativ würde sich das auf Pumpspeicher-Werke auswirken, für Grundlast-Einheiten wie etwa Laufwasserkraftwerke wäre dies eher positiv. Viel wichtiger und kritischer wären aus Sicht des Frontier-Economics-Experten jedoch die Effekte auf die Markt- und Wettbewerbsstrukturen sowie die Liquidität. Nur ausreichend Liquidität ermögliche nämlich langfristige Stromverträge und eine Abschätzung der Bedingungen für Investoren.

Leitungsbau am "ökonomisch sinnvollsten"

"Die Liquidität in einer Gebotszone Österreich allein wäre extrem niedrig", meinte Riechmann und warnte zudem davor, dass bei einer solchen Insellösung die europäischen Wettbewerbshüter sogar "rasch eine Marktbeherrschungsvermutung gegen den Verbund" äußern könnten, weil der Markt zu eng sei. Wenn Gebotszonen zu klein seien, werde nämlich das Marktmodell in Frage gestellt. Ein Netzausbau stattdessen hätte nach Meinung des Experten fast nur Vorteile - er sei die billigste Lösung und löse praktisch alle Probleme. Auch Boltz bezeichnete den Leitungsbau als "ökonomisch sinnvollstes und einfachstes Mittel, um die Probleme zu lösen".

Für eine intensive Diskussion über eine Aufspaltung oder Neuorganisation bestehender Preiszonen sprach sich dagegen als Keynote Speaker der Leiter des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln (EWI), Marc Oliver Bettzüge, aus. Ökonomische Nachteile bei mehr Gebieten als bisher gebe es nicht, allenfalls politische. Offenbar scheue die Politik, das "Tabuthema" anzugehen. Denn derzeit finanziere ganz Deutschland den Rückstand Bayerns in der Stromerzeugung mit, den einst schon Ministerpräsident Franz Josef Strauß mit einem forcierten Kernkraft-Ausbau beheben wollte.

Bettzüge hat am EWI errechnen lassen, wie sich für den Fall einer "Zweiteilung" Deutschlands in eine Nord- und Süd-Zone die Preise entwickeln würden: Es würde das Preisniveau in Süddeutschland leicht nach oben gehen, im Norden leicht nach unten. Im Schnitt sei mit einer Differenz von 5 Euro pro Megawattstunde (MWh) zu rechnen, also etwa einem Zehntel, was doch schon "eine relevante Größe" darstelle. Zudem würde sich die Fließrichtung des Strom ändern: Derzeit verlaufe sie im Schnitt übers Jahr betrachtet von Deutschland nach Frankreich, dann würde Frankreich nach Süddeutschland exportieren und Norddeutschland nach Süddeutschland. Im Norden könnte der Widerstand gegen den Netzausbau zunehmen, wenn man etwa im Bundesland Thüringen draufkomme, dass dort Strom trotz neuer Netze teurer werde. Die Politik habe offenbar Angst, diese "Büchse der Pandora" aufzumachen.

Derzeit müsse es in ganz Deutschland den selben Preis geben, das sei regulatorisch so definiert, verzerre aber den Markt, betonte Bettzüge. Es verdecke nämlich auch große interne Engpässe in den Preiszonen. Weil der Regulator sicherstellen wolle, dass es für alle den gleichen Preis geben solle - ungeachtet von Engpässen - seien etwa hocheffziente Gaskraftwerke derzeit grundsätzlich nicht betreibbar, würden aber im Süden Deutschlands dennoch als "systemrelevant" erklärt.

Keine Anreize für Kraftwerksbau

Da erlaube dann eine Reservekraft-Verordnung, zusätzliche Deckungsbeiträge hineinzurechnen, erinnerte Bettzüge an die Causa Irsching. "Damit kann man eine begrenzte Anzahl von Stilllegungen verhindern, das bringt aber Marktverzerrungen zwischen den Netzen und den Kraftwerksbetreibern. Und für einen Neubau von Kraftwerken gibt es gar keine Anreize mehr, obwohl wir diese wegen des Auslaufens der Atomkraftwerke bis zum Jahr 2022 brauchen würden", so der Experte.

Bettzüge plädiert dafür, eine Auflösung der deutschen Preiszone zumindest zu diskutieren; derzeit sei das ein "Tabuthema", obwohl das in Skandinavien seit Jahren funktioniere. "Heute kaufen Österreicher, Schweizer und Franzosen süddeutschen Strom, aber zu deutschen Durchschnittspreisen", gedämpft durch das norddeutsche (Windkraft-)Überangebot. Zugleich werde der Engpass "regulatorisch" an die deutschen Grenzen zu diesen drei Nachbarländern verschoben, das verzerre den Markt aber und sei "nicht wirklich im Sinne des EU-Binnenmarktes".

APA